Ohne Mörder kein Mord…

KrimiBallett

Folgte man der naiven Logik des Kriminalromans, dann müsste man jetzt herausplatzen: Die russische Ballerina war’s, also ihr Geist, das Phantom des Ballettsaals… Hinweise darauf gab es zuhauf, sogar choreographische, zum Beispiel in der Szene, in welcher der Detektiv die drei Todesfälle imaginiert: wenn sich die russische Ballerina und dahinter das Phantom in geisterhafter Parallelität vom Boden wegheben.

Aber Sie sprechen ja ausdrücklich von der „Wahrheit“, und mit der müssen wir es doch genauer nehmen: nach einem „Mörder“ wird also gefragt. Da wäre zunächst darauf zu bestehen, dass das dafür zuständige Strafrecht unter ‚Mord’ – ohne wenn und aber – eine rechtswidrige Tötung mit Vorsatz und aus niedrigem Beweggrund versteht. Solchermaßen recht und rechtlich begriffen liegt es auf der Hand: In Ihrem anregenden Stück sterben zwar die Ballerinen der Reihe nach in dramatischer Pracht und Schönheit, aber es gab nicht einen einzigen Mord!

Beim Zarewitsch ließe sich ja noch darüber reden, aber der sakrosankte Monarch genießt ohnehin Immunität, und dann handelte es sich bei seiner Tat doch wohl um Totschlag im Affekt, gar nicht zu reden davon, dass ein guter Anwalt aufgrund der vorangegangenen Attacke der verzweifelten Ballerina schnell einen Notwehrexzess konstruieren würde: Freispruch oder Geldstrafe.

Wirklich knifflig wird es aber beim Phantom der russischen Ballerina – nichts als Rechtsrätsel bis hin zu Verfassungsfragen! So ein Ballettlibrettist macht es sich einfach und weiß nichts von Problemen wie: Ist ein Phantom überhaupt zu rechtswidrigem Tun imstande? Wäre dieser Nebelstreif, dieser Schatten eine natürliche Person und mit den Maßstäben des Strafrechts zu beurteilen? Kann das Übersinnliche Gegenstand juristischer Betrachtung werden? Ganz zu schweigen von den Problemen bei der erkennungsdienstlichen Behandlung und beim Strafvollzug… Und schließlich ist ja auch Ihr Detektiv tänzerisch eindrucksvoll an der Frage nach dem Tathergang gescheitert: Schnellfeuerwaffe, Dolch oder Strick – nichts wollte passen. Eine Verurteilung wegen Mord ohne geklärte Todesursache und ohne Tatwaffe, einzig aufgrund einer von einem australischen Gastchoreographen leichtfertig behaupteten, ansonsten mysteriösen Anwesenheit des Phantoms beim Todesfall – wehret solcher Lynchjustiz, sonst heißt es demnächst: die Wilis nach Stadelheim, kein Jugendstrafrecht für Onegin, Korsaren wegsperren!

Kein Mord also nirgends, und so wird die Wahrheit über den Fluch der russischen Ballerina dann doch eine metaphysische und in das ebenso stimmungs- wie geheimnisvolle Dunkel der wunderbaren Bühnenbilder von Jordi Roig gehüllt bleiben…

Kommentare

  • Am 04.11.2010 um 15:19 Uhr schrieb Rudolf King

    Das ist genial, ein Jurist und Ballett-Liebhaber mit Humor.
    Mehr davon oder da capo !

Neuer Kommentar