„Nun der Tag mich müd gemacht...“

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150 Jahre Richard Strauss! Am Pfingstmontag feierte die Bayerische Staatsoper den Geburtstag eines ihrer „Hausgötter“ mit einem Festkonzert unter der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst. Unter anderem auf dem Programm: die Vier letzten Lieder des Komponisten mit der Sopranistin Soile Isokoski. In seiner Biographie Richard Strauss. Magier der Töne beschreibt der Musikwissenschaftler Bryan Gilliam die Entstehung dieses anrührenden Abschiedswerkes. Wir veröffentlichen hier exklusiv einen Auszug.

Wieder in Montreux fiel Strauss, der zeit seines Lebens pessimistische Anwandlungen instinktiv abgeschüttelt hatte, eine positive Sicht der Dinge zunehmend schwer. Er verwandte seine Zeit darauf, mit Kulturfunktionären zu korrespondieren und künstlerische Vermächtnisse für die Wiederbelebung der europäischen Kultur zuschreiben. Franz war sehr bekümmert, dass der Vater seinen Lebensabend mit sinnlosen Briefen verbrachte. Strauss schien wie besessen von Dingen, die weit außerhalb seiner Macht lagen. Sein Sohn redete ihm daher zu, das Briefeschreiben zu lassen und wieder zu komponieren, wobei er ihm vorschlug, sich erneut dem Lied zuzuwenden. So verärgert Strauss auch über diese Vorschläge war, wusste er doch, dass Franz letztlich Recht hatte. Zwei Jahre zuvor hatte er bei einem Aufenthalt in Ouchy die ersten Entwürfe zu Im Abendrot notiert, einem Lied zu einem Gedicht von Eichendorff, doch er hatte die Komposition abgebrochen. Der Ratschlag von Franz könnte durchaus dazu beigetragen haben, den lyrischen mpuls des Jahres 1946 wiederzubeleben, denn 1948 begann Strauss, einigermaßen kontinuierlich an der Komposition von Liedern zu arbeiten.

Im Abendrot (vollendet im Mai 1948) war das erste jener vier Orchesterlieder, die nach Strauss’ Tod unter dem Titel Vier letzte Lieder aufgeführt und veröffentlicht wurden. Den Titel hatte sich Ernst Roth ausgedacht, Strauss‘ Verleger in England (Boosey and Hawkes), der auch die Reihenfolge festlegte, in der sie gewöhnlich aufgeführt erden. Wir werden nie erfahren, in welche Reihenfolge Strauss die Lieder gebracht hätte oder ob er überhaupt einen in sich geschlossenen kleinen Zyklus geplant hatte, auch wenn das ziemlich wahrscheinlich ist. Nachdem er am 20. September 1948 die Partitur für das letzte Lied beendet hatte, überreichte er die Lieder Alice und erklärte mit absichtlicher – wenn nicht vorgetäuschter – Schroffheit: «Da sind die Lieder, die dein Mann bestellt hat.»21 Abgesehen von Im Abendrot sind die anderen drei Lieder Vertonungen von Gedichten Hermann Hesses: Frühling, Beim Schlafengehen _und _September; sie wurden im Juli, August und September 1948 vollendet. Wie Strauss es sich gewünscht hatte, sang Kirsten Flagstad diese Lieder bei der Uraufführung (in London) unter Wilhelm Furtwängler.

Etwa zu der Zeit, als er Im Abendrot komponierte, orchestrierte Strauss eines seiner Lieder op. 27, die er für Pauline zur Feier ihrer Hochzeit geschrieben hatte. Dieses Lied, Ruhe, meine Seele!, war zwar 1894 komponiert worden, nahm aber nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganz neue Bedeutung an. Das Gedicht thematisiert die grundsätzliche Spannung zwischen Frieden und Konflikt, einander entgegengesetzten Zuständen, die ebenso sehr gleichzeitig existieren, wie sie sich widersprechen. Denn der im Gedicht beschriebene Frieden ist unnatürlich, es ist ein erzwungener Frieden, und er ähnelt damit der künstlichen Nacht, die durch das Blätterdach geschaffen wird, das am Anfang des Gedichts das Sonnenlicht verdunkelt: «durch der Blätter dunkle Hülle / stiehlt sich lichter Sonnenschein». Die von Karl Henckells Text beschriebene Stille ist eine unruhige, unbeständige, wie die Stille im Auge des Orkans. Doch statt der Unruhe zu begegnen, legt das Gedicht uns nahe: «vergiß, was dich bedroht! » In der Tat hat die aufgewühlte Figur in dem Gedicht diese Entscheidung bereits getroffen, und die Zeile «deine Stürme gingen wild» zeigt uns, wie stark die Unruhe einmal war. Die vom Dichter vorgetragene Lösung besteht nicht darin, dieser Unruhe zu trotzen, zu begreifen, was die Seele beunruhigt hat, sondern einfach zu vergessen. Man hat vermutet, dass dieses Lied, das Strauss’ Gemütsverfassung angesichts der Umwälzungen des Krieges und der Nachkriegszeit widerzuspiegeln scheint, möglicherweise in die Gruppe der vier anderen Lieder aufgenommen werden sollte.

Der Text ist Bryan Gilliams lesenswerter Biographie des Komponisten entnommen:

Bryan Gilliam
Richard Strauss. Magier der Töne
Eine Biographie
Aus dem Englischen von Ulla Hober
Verlag C.H.Beck
234 Seiten, 18 Abbildungen, gebunden
ISBN 978-3-406-66246-1
€ 19,95

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