Nachdenken über „Le Sacre“

BallettLe Sacre Du Printemps

Opfer werden von der Gesellschaft toleriert, sie wirken systemstabilisierend, so lange sie anonym sind. Wenn wir wüssten, dass Sie persönlich heute anlässlich dieses Symposiums sterben werden, würden wir diese Veranstaltung absagen. – Armin Nassehi

Le Sacre du Printemps – die Skandalproduktion des Jahres 1913 – löst 100 Jahre später nach bereits gezählten 260 weiteren Produktionen einen Boom an Auseinandersetzungen, Re-Enactments, Rekonstruktionen und wissenschaftlichen Symposien aus. Nach Saarbrücken war das Bayerische Staatsballett in diesem Jahr die zweite Compagnie, die ein umfangreiches und interdisziplinär angelegtes Symposium veranstaltet hat.

Am Wochenende vom 4. bis zum 6. Oktober trafen sich die Teilnehmer zunächst in der Pinakothek der Moderne, wo die Eröffnung vor zahlreichem interessierten Publikum, Symposiumsteilnehmern und Kollegen aus Wissenschaft und Tanz stattfand. Der Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi, Lehrstuhlinhaber an der Münchner LMU, und die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Brandstetter von der Freien Universität Berlin näherten sich jeweils aus ihren Fachrichtungen dem Thema OPFER. Die Einführung zum Thema hielt Bettina Wagner-Bergelt vom Bayerischen Staatsballett, die das Thema weit über die Grenzen des Tanzes hinaus von den Opfern, die wir als Gesellschaft am Wegrand liegen lassen, über den Jugendjargon, wo „Hi, Alter!“ abgelöst wurde von, „He, du Opfer!“, bis zu tanzspezifischen Fragestellungen spannte. Ihre Kollegin aus der Arbeitsgruppe Access to dance und Dozentin an der Münchner Theaterwissenschaft, Dr. Katja Schneider, führte danach in tanzspezifische Fragestellungen über und stellte Gabriele Brandstetter und ihr Forschungsgebiet vor.

Zwei Tage lang trafen sich dann politische Philosophen, Historiker, Tanzwissenschaftler, Ethnologen, Psychologen (Opfer in der Jugendkultur oder wie wird man Mobbing-Opfer?) im Probenhaus am Platzl 7, um das Thema von 1913 und die Premiere der Ballets Russes über den Faschismus, die Restaurationsphase des klassischen Balletts nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart zu verfolgen und zu analysieren.

60 Besucher folgten den Vorträgen und ließen sich am Freitagabend nach viel Theorie von der Choreographin Henrietta Horn und der Dramaturgin Patricia Stöckemann in die Feinarbeit des Ballettstudios und die Rekonstruktion von Le Sacre du printemps von Mary Wigman, alias Marie Wiegmann aus Hannover, einführen. Die meisten Symposiumsbesucher staunten nicht schlecht ob der akribischen, von Zeitzeuginnen und ehemaligen Tänzerinnen der Wigman-Truppe ermittelten Rekonstruktion von Schritten und choreographischen Strukturen. Im Juni 2014 wird diese von Henrietta Horn erstellte Fassung der Wigman-Choreographie zur Musik von Strawinsky in der Fassung für zwei Klaviere von 45 Tänzern des Bayerischen Staatsballetts in der Reithalle aufgeführt werden.

Der Sonntag wurde bestritten von weiteren Vorträgen und dem klugen, beeindruckend umgesetzten Stück DeSacre der Wienerin Christine Gaigg in der Muffathalle, die Access to dance-Mitglied Joint Adventures eingeladen hatte. Hier wurde in einer Art liturgischer Form, einem Wechsel zwischen Predigt/Vortrag und Ritual, Diaghilews und Nijinskys Sacre von 1913 den Pussy Riot-Aktionen in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gegenübergestellt. Eine sinnlich und intellektuell gelungene Analyse der Rezeption gestischen Vokabulars damals und heute und eine Recherche der Frage, wo sich in diesen performativen Akten die Opfer ausmachen lassen.

Mit einem Vortrag über Opferrituale in Afrika beendete der Direktor des Museums für Völkerkunde in München das bis zuletzt sehr gut besuchte Symposium am Sonntag um 15 Uhr in den Studios der Muffathalle.

Die beiden Initiatorinnen Bettina Wagner-Bergelt und Katja Schneider, beide Mitglieder der Arbeitsgruppe access to dance in München, planen für 2014 das nächste Symposium zum Thema Interkulturalität in der Kunst.

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