Mustergültig Altes und mustergültig Neues

BallettJubiläumGeschichteNationaltheaterLa Bayadère

Mit der heutigen Bayadère-Vorstellung feiert das Bayerische Staatsballett das Jubiläum der ersten Ballettpremiere im neu erbauten Nationaltheater vor 50 Jahren. Wolfgang Oberender, Dramaturg und stellvertretender Direktor des Bayerischen Staatsballetts, denkt in diesem Beitrag über Gestern und Heute, die „Würde des Vergeblichen“ und zeitlos Mustergültiges nach.

Jubiläen können etwas Altbackenes haben. Es sei denn, man vergegenwärtigt sich, was zwischen dem und dem Jubiläumstag geschaffen wurde, und was aus dieser Quelle in Zukunft geschaffen werden kann. In diesem Sinne erinnert das Bayerische Staatsballett in seiner Bayadère-Vorstellung heute an das, was seit dem Tag der ersten Ballettpremiere im neu eröffneten Nationaltheater, dem 3. Dezember 1963, und dem heutigen Tag an Neuem kreiert wurde. Es fing an mit einem absoluten Avantgarde-Abend. Heinz Rosen, damals Ballettdirektor und Chefchoreograph, setzte nicht auf Klassik und Bewährtes, sondern auf Musik von Zeitgenossen: zwei Münchner Identifikationsfiguren: Carl Orff und Karl-Amadeus Hartmann und einen Amerikaner, Aaron Copland.

Rosens Choreographie ist nicht in die Geschichte eingegangen – wie auch kein anderes seiner Werke. Sein Wirken fällt unter die Rubrik „Würde des Vergeblichen“, ein Ausdruck der großen, kürzlich verstorbenen Avantgarde-Primadonna und klugen Autorin Carla Henius. Sie wusste, wovon sie sprach. Seither gab es ungefähr 150 weitere Uraufführungen – Uraufführungen, die ihr Gelingen und ihr Misslingen der Zeit heroisch entgegenschleuderten.

Siebenundzwanzig Jahre mussten nach dieser Premiere vergehen, ehe Konstanze Vernon von der blutjungen Tänzerin über die Primaballerina des Staatsopernballetts und die Gründerin der Heinz-Bosl-Stiftung zur souveränen Direktorin herangereift war und das Ballett der Bayerischen Staatsoper zum Bayerischen Staatsballett emanzipieren konnte. Mit diesem Schritt fand auch der zuvor über zwanzig Jahre absurd aus dem Ruder gegangene Rhythmus des Direktorenwechsels zu einem sinnvollen Maß. Nach neun Jahren übergab Vernon reibungslos den Stab an Ivan Liška, der in seinem nunmehr fünfzehnten Direktionsjahr die Position der Kompagnie in der ersten Liga bestätigt und ausgebaut hat.

Immer stand die Kreation von Neuem im Vordergrund. Auch wenn jedermann weiß, dass man das Nationaltheater nicht mit Avantgarde allein füllen kann. So scheint, wenn man den Spielplan flüchtig durchstreift, die Klassik zu dominieren. Warum auch nicht? Klassik meint ja dem Worte nach zunächst nichts anderes als „mustergültig“. Mustergültig Altes und mustergültig Neues möge es sein, was Sie bei uns finden. Und wenn Sie Mut haben, entdecken Sie auch das ganz und gar Nicht-Musterhafte.

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