Musettes, résonnez!

24.07.2016

Heute feiert Jean-Philippe Rameaus Opéra-ballett Les Indes galantes Premiere im Prinzregententheater. Ein ganz besonderes Projekt steht kurz vor seiner Vollendung! Teil III unseres Probentagebuchs berichtet von den Bühnenorchesterproben mit dem Münchner Festspiel-Orchester. Außerdem erfahren wir, was es mit dem Instrument der "Musette" auf sich hat und was der Begriff "Tutting" zu bedeuten hat. 

Mit dem Münchner Festspielorchester hat sich nun das letzte Fragment in unsere Unternehmung eingefügt. Was für ein Klang! Den "galanten" Wilden auf der Bühne werden nun auch im Orchestergraben regelrechte Exoten gegenübergestellt. Während die Traversflöte den Liebhabern der Barockmusik sicherlich ein Begriff ist, spielt bei Les Indes ein weiteres Instrument eine beachtliche Rolle, das wie kein Zweites im Frankreich des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist: die Musette de Cour. Vielleicht werden ihre rustikalen Klänge das heutige Ohr an die schottischen Highlands erinnern, vielleicht sogar befremden. Passt der eigenwillige Ton einer Sackpfeife zur eleganten Musik Rameaus? Dem Publikum von 1735 jedenfalls galt der Einsatz der Musette zweifellos als stilvoll. Die Musette war nämlich der musikalische "dernier cri" des beginnenden 18. Jahrhunderts. Ihr Klang lieferte gewissermaßen den Soundtrack zu den höfischen Schäferspielen und entrückte den französischen Adel ins ferne Arkadien ...

Immer konzentrierter, immer intensiver erscheint die Probenatmosphäre im Prinzregententheater. Maestro Ivor Bolton weiß um die große Schwierigkeit, Solisten, Chor und Orchester innerhalb weniger BOs (Bühnenorchesterproben) in Einklang zu bringen und fordert daher höchste Konzentration und Disziplin. Szenisch werden kaum noch Korrekturen vorgenommen. Durchlaufprobe folgt auf Durchlaufprobe, Unterbrechungen gibt es wenige. Aber nicht nur die Sänger, sondern auch die Tänzer laufen zur Höchstform auf. Sie können nun unmittelbar auf den Orchesterklang reagieren. Tatsächlich sieht man die eine oder andere Nuancierung in den Performances, die teils in Gruppen, teils allein getanzt werden.

Jeder Tänzer der Compagnie bekommt nämlich die Chance, seinen persönlichen Stil in einem Solo zu präsentieren. So z.B. Patrick Williams Seebacher, aka. "Twoface", der die "Air pour les esclaves africains" im ersten Entrée choreografisch umsetzt. Die rhythmischen Trommelklänge dieses kurzen Stückes bieten die perfekte Grundlage für seine pulsierenden Bewegungen, auch für das sogenannte "Tutting", das Twoface perfekt beherrscht. Das Tutting ist eine Tanzform, die aus dem Streetstyle entstanden ist. Es geht beim Tutting darum, den Anschein von Zweidimensionalität zu erwecken. Erreicht wird dies durch die streng rechtwinklige Bewegung von Armen und Beinen; der Stil versucht die altägyptische Personendarstellung zu imitieren. Im "Prologue" der Oper wird ebenfalls kräftig getuttet. Hier begleiten die kantigen Bewegungen den Auftritt der Kriegsgöttin Bellona. Im Prolog tuttet jedoch nicht nur Twoface, sondern alle Tänzer, inklusive Solisten und Balthasar-Neumann-Chor.

Und so verschmelzen die Ausdrucksweisen Gesang, Tanz und Orchesterklang zu einem großen Ganzen. Die Verknüpfung dieser einzelnen Elemente macht den großen Reiz an Rameaus Oper aus - und machten die Probenarbeit mit Sidi Larbi Cherkaoui zu einem höchstspannenden Projekt.

Jetzt bleibt nur noch, allen Beteiligten ein dickes Toitoitoi für heute Abend zu wünschen!

Cisse, Seydou

Zurück

Kommentare

Neuer Kommentar