MitMachMorse

15.07.2016

Das Nationaltheater und einer der beiden Telegrafenmasten auf dem Max-Joseph-Platz
Das Nationaltheater und einer der beiden Telegrafenmasten auf dem Max-Joseph-Platz

Zu jeder Premiere der Münchner Opernfestspiele 2016 findet auf dem Max-Joseph-Platz ein mysteriöses Spektakel statt: uniformierte Menschen schreiten zu Fanfarenmusik über den Platz und betätigen ein mit Spiegeln versehenes Instrument. In diesem Beitrag erklären wir nochmal, was es mit der optischen Telegrafie auf sich hat und wer sich hinter den Uniformen versteckt!

Als im März dieses Jahres das amerikanische Videokünstler-Duo Luftwerk sein Konzept für die Oper Mauerschau präsentierte, wurde uns schnell klar: Das faszinierende Thema Morse muss auch für unser Publikum während der Festspiele greifbar werden. Optische Telegrafiezeichen waren für die erste Uraufführung der diesjährigen Festspiel-Werkstatt ein wichtiges visuelles Thema: Die gewaltige Beschleunigung und die Steigerung der Datenmengen in der Kommunikation über das letzte Jahrhundert sollten auf diese Art erfahrbar gemacht werden. Die Fragmentierung von Botschaften und ihre Wiederzusammenfügung macht es erforderlich, immer wieder die Zeichen und den Inhalt in Beziehung zu setzen. Soweit die Theorie ... doch wie umsetzen?

Wir recherchierten nach den unterschiedlichen Kommunikationswegen der letzten 150 Jahre und erkundigten uns insbesondere über Historie der optischen Telegrafie. Wie funktionierte diese Kommunikation, was gab es für Schwierigkeiten? Beispielshalber mussten die Telegrafisten bei schlechter Sicht doch wieder auf das Pferd umsatteln und die Botschaften zur nächsten Station persönlich überbringen. In Zeiten der unfassbar schnellen Kommunikation über Whatsapp, Facebook, Twitter oder Snapchat unvorstellbar, und so war es für uns besonders reizvoll, diesen Kontrast erfahrbar zu machen.

Ein heikler Punkt, über den wir lange diskutierten, war wie wir das Alte mit dem Neuen verbinden sollten, schließlich benötigte ein Telegrafie Corps im Jahr 1850 fast eineinhalb Minuten für einen einzigen Buchstaben! Das Spektakel auf dem Platz ist mit all der gebotenen Atmosphäre ein Erlebnis für sich. Aber ein zwanzigminütiges Video mit der Botschaft online zu  stellen, erschien zunächst als wenig reizvoll. Wir lösten das Dilemma durch den Einsatz von Stopmotion: die jeweiligen Bilder der Buchstaben werden hintereinander gereiht und abgespielt.

Und dann haben wir sie gesucht: Personen, die gewillt waren bei jedem Wetter unsere Telegrafie-Masten zu bedienen und somit Teil der Installation zu sein. Und so starteten wir den Ausruf "Telegrafisten gesucht" über unsere Online-Kanäle. Und kaum hatten wir unsere "Stellenanzeige" rausgeschickt, waren wir schon überwältigt von den vielen, charmanten und kreativen Rückmeldungen! Weil sie so grandios waren, möchten wir ihnen ein paar unserer liebsten Bewerbungen nicht vorenthalten:

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr gerne würde ich Teil des Telegrafie-Corps werden. Als pensionierte Beamtin (53 Jahre) kann ich behaupten, über ein in jeder Beziehung anständiges Betragen" zu verfügen, zudem kann ich fließend schreiben, lesen, rechnen. Ich hätte auch an 5 Abenden Zeit :) ...

... da ich ein höchstrespektierliches Frauenzimmer bin, bewerbe ich mich als ehrenwerte Telegraphin
Ihre ergebene Ernestine


Liebes Team der Staatsoper,
hiermit bewerbe ich mich höchstoffiziell um das ehrenvolle Amt als Telegraphist im Rahmen der diesjährigen Opernfestspiele.


Liebes Team der Staatsoper,
ich würde sagen, dass ich perfekt auf die Stelle des Telegrafisten passe, da ich ein sehr guter Beobachter bin, der stets nüchtern ist und dem von seiner Mutter bestes Betragen beigebracht wurde - zusätzlich kann ich lesen, rechnen und habe ein gutes technisches Verständnis.
Mit besten Grüßen Florian

... . ..... .... so klingt Telegrafie


Guten Abend, gerne möchte ich Mitglied Ihres Staatsopern-Telegrafie-Corps werden, da ich ob meines "gesunden und unbefangenen Urtheils" sicher bin, Beobachtungsgeist-Fachkraft zu sein, deren Lebenssinn in "Nüchternheit und anständigem Betragen" liegt. Ergo: Ich bin Ihr Mann und erwarte Ihre geschätzte Antwort.
Herzliche Grüße aus Gern telegrafiert ...

Und so vollzieht sich an jedem Premierentag der Münchner Opernfestspiele 2016 folgendes Ritual: In wunderschönen Uniformen aus der Jahrhundertwende und mit Pickelhaube bestückt schreiten unsere Mitwirkenden über den Max-Joseph-Platz. Begleitet werden sie dabei von Fanfarenmusik, die zwei jungen Musiker unseres Jugendorchesters ATTACCA gespielt wird. Dann beginnen die Telegrafisten Buchstabe für Buchstabe einzustellen. Nach jedem fertigen Buchstaben erklingt ein Fanfarensignal. Wie das Ganze abläuft, sehen Sie in der Bildergalerie!

Übrigens: Noch an zwei Abenden können Sie unserem kleinen Performance-Spektakel beiwohnen: Zur Premiere von Les Indes galantes am 24. und zur Uraufführung von Tonguecat am 25. Juli. Alle Details, alle Infos zum Gewinnspiel und vieles mehr finden Sie hier: www.staatsoper.de/telegrafie

Die optischen Telegrafenmasten werden mit Spiegeln bedient.
Die optischen Telegrafenmasten werden mit Spiegeln bedient.
In den Künstlergarderoben verwandeln sich die Teilnehmer in Telegrafisten des 19. Jahrhunderts.
In den Künstlergarderoben verwandeln sich die Teilnehmer in Telegrafisten des 19. Jahrhunderts.
Kurz vor Öffnung des Hauses: Die Telegrafisten warten auf ihren Auftritt.
Kurz vor Öffnung des Hauses: Die Telegrafisten warten auf ihren Auftritt.
Es geht los!
Es geht los!
Über die große Treppe des Nationaltheaters ...
Über die große Treppe des Nationaltheaters ...
... Richtung Max-Joseph-Platz.
... Richtung Max-Joseph-Platz.
Nach jedem fertigen Buchstaben (hier zum Beispiel ein O) wird salutiert ...
Nach jedem fertigen Buchstaben (hier zum Beispiel ein O) wird salutiert ...
... und eine kurze Fanfare ertönt.
... und eine kurze Fanfare ertönt.
Geschafft! Jeder Telegrafist erhält nach dem Telegramm eine Urkunde.
Geschafft! Jeder Telegrafist erhält nach dem Telegramm eine Urkunde.

Gaul, Fanny

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