Mitdenken und Mut haben!

28.12.2016

Bayerische Staatsoper interdisziplinär:
Unsere Themenkonzerte bringen Wissenschaft und Musik zusammen – und das an außergewöhnlichen Spielstätten

Der Psychologe und Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer spricht am 28. Januar 2017 in der Allerheiligen Hofkirche über das Thema Risikokompetenz: Eine lebendige Demokratie brauche Menschen, die kompetent und entspannt mit Risiken umgehen können, anstatt ängstlich und verunsichert einer Illusion der Sicherheit und dem Wunsch nach Nullrisiko nachzuhängen. Gerd Gigerenzers Vortrag zeigt, dass Risikokompetenz erlernbar ist und spannt dabei auch den Bogen zur Musik – denn erst durch mutige Interpretation und Intuition kann aus der Summe richtig gespielter Töne musikalische Perfektion entstehen.

Umrahmt wird der Vortrag durch Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters und die Sopranistin Selene Zanetti mit Igor Markevitchs La Taille de lʼhomme.

Am 26. Januar erscheint das neue MAX JOSEPH Magazin, in dem Prof. Dr. Gerd Gigerenzer mit uns über den richtigen Umgang mit Risiken, Intuition in der Musik und die Vorzüge des Unbewussten gesprochen hat. Einen Auszug des Interviews können Sie jetzt schon in unserem Blog lesen.


MJ
Ihre Anleitungen zum Umgang mit Risiken stellen der Statistik die Intuition zur Seite. Dazu haben Sie geschrieben, Intuition beruhe „auf intelligenten Faustregeln und viel Erfahrung, die im Unbewussten verborgen liegt“. Was ist der Unterschied zwischen Faustregeln und Dogmen? Anders formuliert: Müssen wir Faustregeln nicht auch verstehen, wenn wir sie anwenden wollen?

GG

Intuition ist eine Form von Intelligenz, die auf viel Erfahrung beruht: Wir spüren, was wir tun sollen, können uns das aber nicht erklären. Das wird oft sehr kritisch gesehen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das, was man nicht begründen kann, oft nicht akzeptiert wird. Es geht immer mehr um die Prozedur, die Begründbarkeit, und nicht um das Ergebnis. Man darf ein Unternehmen zu Grunde richten, solange man es begründen kann. Aber Erfolg zu haben, ohne ihn erklären zu können, ist verdächtig. Man kann das auch auf die Oper anwenden: Sie haben eine fantastische Tänzerin oder eine Sängerin, die eine Komposition intuitiv rüberbringt wie kaum eine andere. Und dann sagen Sie: „Erklären Sie uns jetzt, wie Sie das machen, sonst singen Sie nicht mehr bei uns.“ Das ist in etwa die Einstellung, die heute in großen Unternehmen, Behörden und in anderen Bereichen vertreten wird.


MJ
Gerade bei Sängern und Balletttänzern ist es aber doch so: Ihre besten Momente können sie zwar nicht erklären. Die Grundlage ist aber immer ein gründliches, diszipliniertes Training.


GG
Experten haben in der Regel ein langes Training hinter sich, und Klavierspielen lernt man auch anhand von Fingersätzen. Dennoch beginnt Musik erst, wenn man nicht mehr weiß, was die eigenen Finger tun. Das heißt, diese Komponenten schließen sich gar nicht aus, sondern beruhen aufeinander. Die Intuition ist am Ende das Produkt jahrelanger Erfahrung – wenn Musik mehr als die Summe der richtig gespielten Töne ist, ohne dass man immer erklären kann, wie das geschieht. Dem Schüler kann man dann nur sagen: „Hör genau zu!“


MJ
Noch einmal zu der Erfahrung, die Sie im Unbewussten verorten. In der Psychoanalyse ist das Unbewusste auch der Ort des Verdrängten, der Ängste, der verbotenen Wünsche. Macht uns dieses unbewusste Wissen keine Schwierigkeiten, wenn wir uns auf unsere Intuition verlassen wollen?


GG

Man sollte das Unbewusste nicht mit verdrängten Ängsten gleichsetzen. Die größten Teile unseres Gehirns sind der Sprache nicht mächtig, und dennoch werden in ihnen Information und Erfahrung gespeichert. Wenn Sie nur an das glauben, was Sie begründen können, dann ignorieren Sie einen riesigen Schatz an Erfahrung, der nichts mit Angst zu tun haben muss. Es ist vielmehr ein Zeichen von Expertise, wenn jemand in Bereichen, in denen man genau hinsehen oder hinhören muss – wie in der Musik oder der Malerei – Dinge bemerkt, die dem Normalverbraucher nicht auffallen würden, ohne dies aber immer erklären zu können. Das ist etwa der Fall, wenn ein Experte ein Bild sieht und spürt, dass es nicht von dem ihm zugeordneten Maler stammen kann, er aber keine eindeutige Verifizierung seiner Behauptung geben kann. Das gilt genauso für die Musik. Oder für den Fußball: Es wäre absurd, wenn beispielsweise der Schiedsrichter zu dem Spieler laufen würde, der gerade ein Tor geschossen hat, und zu ihm sagen würde: „Sie müssen mir jetzt erklären, wie Sie das gemacht haben, ansonsten gilt es nicht.“ Weder der Sport noch die Komposition folgen dieser Philosophie, nach der ein Erfolg erst anerkannt wird, wenn er vollständig erklärt wurde. 


Weitere Themenkonzerte 2017:

1. Themenkonzert
Vortrag Prof. Dr. Hans-Jörg Albrecht:
Verbrechen, Strafe und ihre Folgen
Musik von Bellerofonte Castaldi bis Charlie Parker
Freitag, 27. Januar 2017, 19 Uhr I Max-Plack-Haus am Hofgarten

3. Themenkonzert
Vortrag Dr. Svitlana Zhukovska:
Die Astronomie der kommenden Jahre
OperaBrass mit Musik von Johann Sebastian Bach bis Samuel Barber
Dienstag, 31. Januar 2017, 19 Uhr I Max-Plack-Institut für extraterrestrische Physik

4. Themenkonzert
Vortrag Prof. Dr. Ralph Bock:
Wie Gene auf die Reise gehen und Mutter Natur Gentechnik betreibt
Musik von Krzysztof Pendercki
Freitag, 3. Februar 2017, 19 Uhr I Jagd- und Fischereimuseum München

5. Themenkonzert
Vortrag Prof. Dr. Wolf Singer:
Ethische Konflikte in der Grundlagenforschung – Beispiele aus der Hirnforschung
Musik von Arnold Schönberg
Samstag, 4. Februar 2017, 19 Uhr I Großer Anatomie-Hörsaal der LMU

 

 

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