Menschen im Raum

Der Widerspenstigen ZähmungBallettProben

Probenatmosphäre – ein Zauberwort für den enthusiastischen Zuschauer, den ach so oft Ausgegrenzten. Für gewöhnlich bekommt man als Normalsterblicher nichts mit vom Entstehungsprozess eines Balletts mit – abgesehen natürlich vom gelegentlichen Hineinschnuppern durch die heiß begehrten Sonderveranstaltungen in der Reihe „Ballett Extra“: Auf Zehenspitzen darf man dann hinzuhuschen und mucksmäuschenstill hinter die Kulissen äugen.

Für die Tänzer dagegen bilden die Proben natürlich den oft erschöpfenden Alltag – so neugierig sie sich auch hineinwerfen in die Erkundung neuer Rollen, neuer Körperspannung. Doch sie machen weiter, erliegen immer wieder der Sehnsucht nach der elektrisierenden Bühne. Und eben auch den besonderen, persönlichen Momenten im Probensaal, gerade im Vorfeld einer Premiere oder einer Wiederaufnahme. Dann ist ein Stück neu, noch oder wieder. Man probiert sich aus im Kleid einer Figur, testet in allen möglichen Konstellationen der Besetzung die verschiedenen Situationen, die jeweils ganz individuellen Reaktionen. Mit jedem Darsteller wird die Rolle neu erfunden. Und plötzlich stimmt dann alles: Der Funke springt über, die Energie der Szene gerät ins Strömen. Man spürt den Geist des Stückes.

Mit einem Mal – heiß ersehnt – zündet die Situationskomik, erwacht die scharf gezeichnete Typisierung zum Leben – und der Shakespeare’sche Schalk der „Widerspenstigen Zähmung“ erschüttert das Zwerchfell. Da blitzt sie auf in den Augen aller, die kindliche Spielfreude, der Spaß am Verkleiden, am Humor, an der Posse. Noch ist ja alles roh: Kostüm, Maske, und Musik – vom Klavier oder Band – sind nur angedeutet. Gerade hier beweist sich die Choreographie, die Sprache der Bewegung: Wenn alles bereits funktioniert, so ganz ohne Dekoration, ohne die illusionistische Hilfe von Schminke, Kulissen, Beleuchtung.

Menschen im Raum – mehr braucht es nicht. Und wenn dann allmählich auch die letzten, schmückenden Elemente sich dazugesellen, wenn Optik und Akustik üppig ergänzt werden – Schritt für Schritt über kostümierte Fotoprobe, Bühnenklavierprobe, Bühnenorchesterprobe, Generalprobe – dann wird der private Spaß plötzlich ernst, das Ensemble findet zusammen. Und die große Nervosität beginnt. Bald zählt es. Die große, ausdekorierte Bühne nimmt auf, was man für sich gefunden hat. Und was man zeigen wird. Die Fallhöhe stimmt und die Geschichte wird erwachsen. Das Publikum darf toben… wie in den jüngst gezeigten Serien mit Fernandes, Cullum und Osipova.

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