Meine „Turandot“ in der Verbotenen Stadt

Zubin MehtaTurandotChina

Wenn ich in China bin, werde ich noch heute mit Freude und Stolz auf unsere Turandot angesprochen. Neun ausverkaufte Auff ührungen im Hof des historischen Kaiserpalastes von Peking, rund 1.000 Beteiligte, insgesamt etwa 36.000 begeisterte Zuschauer. Und bei der Premiere erschien exakt beim „Mondchor“ im ersten Akt der Vollmond hinter dem echten Ming-Palast, der Teil des Bühnenbildes war – ein Moment, in dem Kunst, Tradition und Natur perfekt ineinandergriff en, nicht planbar! Das war schon ein ganz besonderes Dirigat.

Aber bis dieses Ereignis, das sich ins kulturelle Gedächtnis der Chinesen eingeschrieben hat, stattfi nden konnte, vergingen knapp zwei Jahre und viel Überzeugungsarbeit. Obwohl es bereits einige vor mir erfolglos versucht hatten – unter anderem Herbert von Karajan in den frühen 1980er Jahren –, trug ich dem chinesischen Kulturminister mein Anliegen vor. Erstaunlicherweise war er von Anfang an sehr positiv eingestellt. Vermutlich hat er sofort erkannt, welche Chance ein solch kulturelles Großereignis für China bedeuten könnte. Doch mit Beginn der konkreten Umsetzung des Projektes war schnell klar, dass die grundsätzliche Zustimmung des Kulturministers nur ein erster, sehr kleiner Schritt war.

Für mich stand von Anfang an fest, dass ich dieses Projekt nur mit dem chinesischen Regisseur Zhang Yimou umsetzen wollte – in einer Inszenierung, die wir kurz zuvor zusammen in Florenz erarbeitet hatten. Ich war begeistert von seiner Interpretation, die auch die chinesische Theatertradition widerspiegelte. Doch die chinesische Regierung wollte ihren im Ausland mit Preisen überhäuften und als Starregisseur gefeierten Landsmann nicht. Denn seine Filme – zum Beispiel Shanghai Serenade von 1995 – zeigten China nicht gerade in positivem Licht und deshalb unterlagen sie lange Zeit dem Auff ührungsverbot der chinesischen Behörden. Doch was tun? Die Zeit war knapp, und wir mussten an dem Projekt weiterarbeiten. Also traf ich Zhang Yimou heimlich, fast wie in einem Spionagefilm. Aber so konnte es nicht weitergehen. Ausgestattet mit einer Kiste Mangos aus meiner Heimatstadt Mumbai – immerhin die besten Mangos der Welt! – sprach ich erneut beim Kulturminister vor. Und siehe da – plötzlich war alles kein Problem mehr.

Außerdem hatten wir mit schlechten Vor-Erfahrungen der Chinesen zu kämpfen: Beim Dreh zu Bernardo Bertoluccis Der letzte Kaiser war es zu Beschädigungen gekommen. Dies führte zu endlosen Diskussionen, die allen voran unser Produzent, der Wiener Michael Ecker, führte: Er musste sich geduldig und wortgewandt mit den chinesischen Behörden auseinandersetzen und versichern, dass Bühnenbild, Technik usw. so konzipiert seien, dass nichts beschädigt würde. Ein Lautsprecher, der unter dem Dach des Ming-Palastes befestigt werden sollte, wurde so zum Corpus Delicti und hätte das Projekt beinahe zum Abbruch gebracht. Die letzten Verhandlungen mit der chinesischen Regierung, in denen immer auch das Dauerthema Geld eine Rolle spielte, wurden sage und schreibe erst drei Stunden vor Beginn der Premiere zum Abschluss gebracht.

Heutzutage wäre ein solches Unternehmen vermutlich weniger kompliziert in die Tat umzusetzen, weil man nicht mit der Regierung jeden Schritt verhandeln müsste, sondern mit einem Privatunternehmen einen Vertrag machen würde. Und es hat sich seither unglaublich viel verändert, man kann geradezu von einer Kulturexplosion sprechen: China hat sich in den letzten Jahren viele luxuriöse und architektonisch zukunftsweisende Kulturinstitutionen geleistet. Und wer weiß, vielleicht hat unsere Turandot zu dieser Entwicklung beigetragen.

Aufgezeichnet von Andrea Schönhofer

Dieser Artikel ist entnommen MAX JOSEPH Nr. 1 2011/12.

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