"Meine Tage bestehen hauptsächlich aus vier Bestandteilen: Ballett, Hunde, kochen und Telefonate" - Kristina Lind

In der zweiten Folge unseres Blogs schreibt Kristina Lind darüber wie sie mit der Corona Krise umgeht und sich darauf konzentriert diese Zeit positiv und effizient zu nutzen. Seit Mitte März finden am Bayerischen Staatsballett keine Vorstellungen mehr statt, auch der Probenbetrieb und das Training wurden eingestellt. 

Seit einigen Wochen ist die Welt zum Stillstand gekommen. Sicherlich muss sich jeder noch an die neue soziale Distanz und den abgeschotteten Lebensstil gewöhnen. Anfangs hat mich die Situation ziemlich verunsichert: Was bedeutet das alles? Wie lange wird es dauern? Wie bleibe ich gesund? Aber auch ein kleiner Anflug von Erleichterung schwang mit: Zumindest kann ich so etwas Schlaf nachholen und die Verletzung an meinem Zeh ausheilen lassen, da ich nun nicht mehr acht Stunden lang auf Spitzenschuhen verbringen muss.

Kristina Lind © Carlos Quezada

Die Saison beim Bayerischen Staatsballett kam Mitte März zum Stehen. Ich war kurz davor mein Debüt als Odette/Odile in Schwanensee zu geben. Es ist immer mein Traum gewesen diese Rolle zu tanzen und ich habe wochenlang intensiv daran gearbeitet. Über die Jahre habe ich gelernt auf alles vorbereitet zu sein: unvorhergesehene Ereignisse können den geplanten Lauf der Dinge komplett über Bord werfen. Wie aber hätten wir darauf vorbereitet sein können? Ich habe dies alles keinesfalls kommen sehen, keiner hat das. Aber die Umstände, die durch diese weltweite Pandemie hervorgerufen wurden, liegen weit außerhalb unserer Kontrollmöglichkeiten. Das Einzige, das wir derzeit kontrollieren können ist, wie wir darauf reagieren. Mich darauf zu konzentrieren, wie ich die Zeit positiv und effizient nutze, hält mich davon ab Dingen nachzutrauern, die nun planmäßig hätten stattfinden finden sollen. Anstatt meiner Enttäuschung über den abgesagten Schwanensee nachzuhängen, widme ich mich lieber Dingen, die mir Spaß machen und dabei erforsche ich dieser Tage auch ganz neue Aspekte in meinem Leben und vor allem in meinem Leben außerhalb des Theaters.

Ich würde mein Leben als professionelle Ballerina für nichts tauschen wollen, aber dieser Job ist sehr fordernd, ermüdend und unnachgiebig, darüber hinaus vergeht die Zeit so schnell! Soweit ich mich erinnern kann, ist dies das erste Mal in meinem Leben, das ich etwas langsamer schalten kann. Zurzeit finde ich es erfrischend mir meinen eigenen Zeitplan machen zu können, basierend auf dem was mein Körper braucht. Mein Körper ist mein Werkzeug, mein Instrument und nachdem ich mit ihm über 25 Jahre trainiert habe, bin ich eine Expertin darin, ihn in Schuss zu halten. Ich hätte es in diesem Beruf nie so weit gebracht ohne eine ordentliche Menge Selbstdisziplin. Disziplin bedeutet für mich nicht, nur auf ein einziges Ziel hinzuarbeiten. Für mich kommt Disziplin von dem Bewusstsein über mich selbst, das es mir erlaubt meine Arbeit in die Richtung zu lenken, die ich für mein Ziel anpeile, und gleichzeitig die Flexibilität zu besitzen, Richtung und Arbeit anzupassen. Jetzt zuhause isoliert zu sein, stellte so eine Anpassung dar. Und was für eine!

Im Verlauf der letzten Wochen, hat sich meine tägliche Routine ganz von selbst entwickelt. Ohne dass ich mir selbst einen Plan gemacht habe, konnte ich feststellen, dass ein durchgängiges Muster entstanden ist. Meine Tage bestehen hauptsächlich aus vier Bestandteilen: Ballett, mit den Hunden Gassi gehen, kochen und Telefonate mit Familie und Freunden.

Training im Home Office

In erster Stelle steht natürlich das Ballett, das ich absolut in meinem Leben brauche. Nicht weil es Routine ist, sondern weil Tanzen mich erfüllt und antreibt. Ballerina zu sein ist tief mit meinem Innersten verwurzelt. Ich möchte nicht ohne leben. Und auch jetzt zu Hause dreht sich alles um meine Bedürfnisse als Balletttänzerin. Die erste Zeit hat mir mein Körper klar signalisiert, dass ich mich ausruhen sollte. Unsere innere, emotionale, seelische Verfassung trägt sehr viel zu unserer „äußeren“, physischen Kraft bei. Ich habe also meine Aufmerksamkeit nach innen gelenkt und mich darauf konzentriert meine innere Stärke aufzubauen. Ich habe viele sanfte Übungsformen genutzt, wie Yoga, Gyrotonic, Barre-Training und Spaziergänge im Park. Diese verstärkt meditativen Aktivitäten haben mir dabei geholfen, Klarheit in meine Gedanken zu bringen – etwas das oft schwierig ist, wenn das Leben hektisch ist.

Nun da ich Zeit hatte mich auszuruhen und das Frühlingswetter lockt, fühle ich mich revitalisiert. Ich habe mit dem Joggen angefangen, um meine Herzfrequenz zu erhöhen. Der Tanzteppich, den wir Tänzer vom Staatsballett bekommen haben, hilft mir dabei, meine Balletttechnik beizubehalten. Ohne den Tanzteppich, wäre ich nicht in der Lage vernünftig zu trainieren; ich bin wirklich sehr dankbar dafür! Morgens bietet die Compagnie für das Ensemble ein online Balletttraining an. Zusätzlich macht es mir große Freude auch an den Trainingsangeboten anderer internationaler Compagnien teilzunehmen. Vor allem wenn ich dabei Freunde und ehemalige Kollegen aus meiner Zeit in Amsterdam und San Francisco wiedersehe. Ich konnte sogar mit meiner Schwester an einer Ballettstunde teilnehmen, alles natürlich virtuell; sie lebt und tanzt in Portland, Oregon. Denn ein Großteil der Freude, die ich beim Tanzen habe, kommt davon, dass ich diese Erfahrung mit den Leuten im Studio teile. Es ist nicht dasselbe alleine zu tanzen, die Onlinestunden helfen jedoch dabei dieses Gefühl der Gemeinsamkeit nach Hause zu bringen. Oft spielt sogar ein Pianist live mit.

Ich genieße es auch sehr die Zeit als extra „quality time“ mit meinem Ehemann und unseren zwei Hunden, Tina und Alice zu verbringen. Die Hunde sind überglücklich dieser Tage, da wir einen Großteil des Tages mit ihnen draußen im Park verbringen. Wir wohnen nicht weit vom Olympiapark und dem Luitpoldpark entfernt und können so einige Routen erkunden. Es fühlt sich so gut und gesund für Körper und Geist an, einige Stunden draußen zu sein und die frische Luft und den Sonnenschein zu genießen. Auch den Frühlingsbeginn zu erleben ist so besonders!

Kristina mit ihrem Ehemann und Hund im Park
Der Hund nutzt den Tanzteppich ebenfalls
Vegane Paella zum Abendessen
Selbstgemachte Chili-Sauce

Kochen, und die vielen Gerichte, die so entstehen, bildet eine weitere Komponente des Tages. Wir lieben es frisches Frühlingsgemüse im Supermarkt auszusuchen und haben jetzt die Zeit neue Rezepte auszuprobieren. Einige der Highlights waren bislang: eine Suppe mit Sellerie, Kartoffeln und Lauch, vegane Paella mit braunem Kräuterseitling, grünen Oliven und Artischockenherzen, eine Zitronentarte, wir haben sogar eine scharfe Soße mit Scotch Bonnet und Jalapeño Chilis zubereitet. Ich empfinde es als Luxus so viel Zeit zum Kochen zu haben und mein Mann und ich genießen es richtig zusammen in der Küche kreativ zu sein.

Kristina im Gruppen-Chat mit ihrer Familie

Das größte Geschenk für mich ist es, abends mit meinen Eltern und Geschwistern sprechen zu können, meine Großeltern anzurufen und den Kontakt mit Freunden wieder aufleben zu lassen. Mit dem Zeitunterschied von neun Stunden in die USA, ist es schwierig in Verbindung mit jedem zu bleiben. Da wir nun alle viel Zeit zuhause verbringen, gehen einem die Gesprächspartner nicht aus und fast jeden Abend spricht man mit jemand neuem.  

Abgesehen von unserer physischen Isolation, fühle ich mich der Tanzgemeinschaft mehr denn je verbunden und ich bin beeindruckt davon, wie großzügig viele Einzelne und ganze Ensembles in dieser Zeit sind. Ich bin dadurch sicher, dass die Kulturszene sich anpassen und überleben wird und freue mich auf die kreativen Lösungen, die hieraus entstehen! Die Vielzahl an kulturellen Angeboten im Internet begeistert und inspiriert mich. Es ist großartig Zugang zu solch einer Vielzahl an Ballett- und Opernaufführungen zu haben sowie zu virtuellen Museumstouren. In den letzten Wochen habe ich so viele Ballettstücke und Opern gesehen, für die ich sonst nie die Zeit bzw. die Möglichkeit gehabt hätte, diese live zu sehen. Wenn diese Krise eine gute Sache mit sich bringt, dann, dass die digitalen Medien uns noch mehr inspirierende Kunst in den Alltag bringen.

Diese Pandemie bietet uns die unerwartete Gelegenheit, den Reset-Knopf zu drücken. Es ist eine Chance zu re-evaluieren, was wirklich wichtig ist in unserem Leben. Wir haben nun die Zeit innezuhalten, in uns hineinzuhören und persönlich Dinge zu ändern, die einen tiefgreifenden Effekt auf unser zukünftiges Leben haben werden. Ich bin dankbar, dieses Erlebnis in etwas Positives umzuwandeln, auch wenn ich es kaum erwarten kann zurück in den Ballettsaal zu gehen. Ich hoffe, Ihr alle bleibt gesund und dass wir bald wieder für Euch auftreten können!

Kristina Lind stammt aus Kalifornien, USA. Ihre Ausbildung erhielt sie an der San Francisco Ballet School und tanzte von 2009 bis 2015 im Ensemble des San Francisco Ballet. 2015 wechselte sie an das Holländische Nationalballett. Im April 2017 trat Kristina Lind ihr Engagement als Solistin beim Bayerischen Staatsballett an. Mit Beginn der Spielzeit 2019/20 erfolgte die Ernennung zur Ersten Solistin. 

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