Meine Routine in Zeiten von Corona - Marta Navarrete Villalba

Marta Navarrete Villalba schreibt in ihrem Blogbeitrag darüber, wie sich ihr Alltag und ihre Routine durch Corona verändert haben und berichtet, wie eine Tänzerin mit der derzeitigen Situation umgeht. Seit Mitte März finden am Bayerischen Staatsballett keine Vorstellungen mehr statt, auch der Probenbetrieb und das Training wurden eingestellt. 

Wir Tänzer sind einen sehr straffen Tagesablauf gewohnt, der Geist und Körper perfekt am Laufen hält, ähnlich einer funktionierenden Maschine. Das hilft uns, das Beste aus uns rauszuholen. Ich persönlich mache dies bereits seitdem ich im Alter von fünf Jahren mit dem Ballett begonnen habe, und bis jetzt konnte ich mir das auch nicht anders vorstellen. Wir beginnen frühmorgens mit dem Balletttraining, um unsere Körper für den Tag in Gang zu bringen, dann folgen Proben zu den Stücken, die wir zu diesem Zeitpunkt aufführen sowie für kommende Produktionen. Nach einer kurzen Pause am Nachmittag, die es uns erlaubt neue Energie zu tanken, geht es dann wieder zurück zu den Proben oder zu einer Abendvorstellung am selben Tag. Freie Tage oder Lücken im Probenplan fülle ich gerne mit einem Termin beim Physiotherapeuten. Das hilft Verletzungen vorzubeugen oder den müden Muskeln Linderung zu verschaffen.

Ich liebe diese Routine. Oder generell jede Routine, bei der ich auf etwas hinarbeite, um damit meine täglich gesetzten Ziele zu erreichen und zufrieden nach Hause zu gehen in dem Wissen, einen weiteren produktiven Tag erlebt zu haben. Allerdings, hat sich dieser Ablauf jetzt ganz plötzlich geändert, und ich muss mich, genau wie jeder andere, daran anpassen und einen neuen Weg finden, meine Arbeit zu erledigen.

Während der ersten Wochen, wusste ich gar nicht wohin mit mir. Ich hatte so viel Energie, dass ich beinah die Wände hochging. Sogar mein Hund versteckte sich, da er nicht schon wieder Gassi gehen wollte! Mir war schnell klar, dass diese neue Situation länger dauern würde, als ich anfangs gehofft hatte. Also entwickelte ich eine neue ROUTINE – sie war anders, aber nicht weniger produktiv. Sie hält mich fit, macht mich müde und hilft mir besser durch diese Zeit zu kommen.

Mein Tag beginnt frühmorgens mit einem leckeren Frühstück. Ich gebe mir nun etwas mehr Mühe beim Zubereiten, mit selbst Gebackenem und frisch gepresstem Orangensaft. Eine gesunde erste Mahlzeit ist die Grundvoraussetzung um alle Nährstoffe zu bekommen, die ich brauche, um gut in den Tag zu starten. Danach gehen mein Partner und ich mit unserem Hund raus in den Park. Eine ausgedehnte Joggingrunde hilft mir, meine Ausdauer zu verbessern. Anschließend hüpfe ich kurz unter die Dusche und gehe dann zur Arbeit, ja, genau, „zur Arbeit“! Ich schlüpfe in mein Trikot und meine Strumpfhosen, genau wie ich es sonst auch im Theater und Studio machen würde, binde mir die Haare zu einem Dutt und mache mich auf ins Wohnzimmer.

Mein Wohnzimmer ist nun also auch mein Arbeitsplatz. Hier liegt der Tanzteppich und steht meine Ballettstange (aka Kallax-Regal von Ikea, das mehr Verwendungsmöglichkeiten hat, als ich mir je hätte vorstellen können…). Ich lege Musik auf, um mich aufzuwärmen, etwa 30 Minuten, genau wie ich es im Studio machen würde. Anschließend schalte ich mein iPad an und der Zauber beginnt.

Etwas Schönes hat sich während dieser unsicheren Zeit entwickelt: die weltweite Ballett-Gemeinschaft ist zusammengerückt wie nie zuvor. Online werden Trainings angeboten, die es jedem ermöglichen an den Ballettstunden mit BallettmeisterInnen und TänzerInnen der führenden Einrichtungen teilzunehmen und das weltweit. Normalerweise absolviere ich das Training mit meinen Kollegen, jetzt tue ich das mit dem Rest der Welt, was mich unterstützt und ermutigt. Sobald das Klavier anfängt zu spielen und der Ballettmeister mit den Übungen beginnt, bin ich nicht mehr zuhause, sondern ich tanze, wie ich es immer getan habe.

Nach dem Training, auch auf Spitze, und etwas partnering, ist es Zeit zu kochen. Ich liebe kochen und habe nun, mehr denn je, Zeit dafür. Täglich bereite ich ein anderes selbstgekochtes Gericht zu und dreimal die Woche probiere ich ein neues Rezept aus, damit es abwechselnd und spannend bleibt. Nach dem Mittagessen, muss ich aber eine kleine spanische siesta halten für etwa 30 bis 40 Minuten.

Sobald ich aufstehe, mache ich meine Pilatesstunde übers iPad, gemeinsam mit meinen Kollegen des Ensembles über die Plattform, die uns das Staatsballett zur Verfügung gestellt hat. Im Anschluss mache ich weiter mit Übungen, die spezifisch für meinen Körper gedacht sind und mir helfen mich auf mein gestecktes Ziel zu konzentrieren (z.B. an meinen Füßen zu arbeiten, oder an meiner Balance). Den Tag beende ich mit Yoga, etwas das ich liebe und mir hilft in eine entspanntere Phase des Tages überzugehen. Normalerweise mache ich zwei Einheiten: eine etwas intensivere, die meine Kraft und Balance stärkt und eine ruhigere, die mir hilft meinen Geist zu disziplinieren und einen Moment der Ruhe zu finden.

Wenn ich fertig bin mit der Arbeit, lege ich einen großen Teppich über den Tanzteppich. Das hilft mir auch optisch die Arbeit von meinem Zuhause abzugrenzen (so blöd das klingen mag, aber in einer kleinen Wohnung, macht das wirklich einen Unterschied).

Zu diesem Zeitpunkt, mache ich einfach worauf ich Lust habe, etwa Lesen, Nähen, Netflix schauen, etc. Und ich schreibe täglich in meinen Kalender und hierbei gibt es zwei Dinge, die ich immer tue, komme was wolle. Zum einen notiere ich was ich am nächsten Tag vorhabe, z.B. Training, Pilates, Yoga, was ich kochen möchte, etc. Und zum anderen ergänze ich das jeweils noch um Notizen bzgl. worauf ich mich konzentrieren möchte: das können z.B. die Füße, der Rücken oder auch die Balance oder Training auf Spitze sein, oder Rezeptideen oder Ideen für meinen Blog. Dieses Vorgehen hat dazu beigetragen, dass ich meine anfangs erwähnte Routine bis dato perfekt durchgehalten habe.

Es mag nicht besonders interessant klingen, aber es ist wichtig in diesen Zeiten herauszufinden was am besten für einen funktioniert und dann am Ball zu bleiben. Während ich all das Erwähnte tue, bleibe ich mit anderen in Kontakt. Ich reduziere die Zeit, die ich mit Social Media oder den Nachrichten verbringe auf das absolut nötige Minimum. Ich bin sicher, dass etwas Großes sich aus dieser eigenartigen Zeit entwickeln wird. Jetzt haben wir die Möglichkeit mal einen Moment zu pausieren, die Situation neu zu betrachten, und zu erkennen, was wir wirklich schätzen und was uns wichtig ist und schlussendlich den Neuanfang smarter, organisierter und auch demütiger anzugehen. Ich bin dankbar, heute Teil einer Gemeinschaft zu sein, die es geschafft hat sich in schwierigen Zeiten anzupassen und Rücksicht zu nehmen auf alle anderen, die ebenfalls durch diese Schwierigkeiten gehen.

Ich wünsche allen einen positiven, hoffnungsvollen und gesunden weiteren Weg.

Eure Marta Navarrete Villalba

Mit Beginn der Spielzeit 2012/13 wurde Marta Navarrete Villalba Volontärin und tanzte beim Bayerischen Junior Ballett München. Im Juli 2014 wurde sie ins Corps de ballet engagiert und tanzt seitdem im Ensemble des Bayerischen Staatsballetts. Auf ihrem Blog www.dpuntillas.com schreibt sie auf Spanisch über Ballett, Fitness und Rezeptideen.

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