„Mein Herz schnürt mir fast die Kehle zu... Komm!“

Pelléas et MélisandeProben

Elliot Madore und Elena Tsallagova sind Pelléas und Mélisande.
Elliot Madore und Elena Tsallagova sind Pelléas und Mélisande.

Wenn am 28. Juni Pelléas et Mélisande im Prinzregententheater Premiere feiert, kehrt eines der zentralen Werke Claude Debussys auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper zurück. Die Oper gilt bis heute als Inbegriff des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Eine Annäherung von Benedikt Stampfli und Probenbilder von Wilfried Hösl.

Gleich zu Beginn von Pelléas et Mélisande findet Golaud im Wald die geheimnisvolle und zerbrechliche Mélisande und fragt sie: „Wie alt seid Ihr?“ Ihre scheinbar zusammenhangslose Antwort darauf ist: „Mir wird kalt.“ Hat Mélisande etwa vor dieser Frage Angst oder versteht sie Golaud gar nicht? Misskommunikation, Sich-nicht-Verstehen und mangelndes Einfühlungsvermögen sind signifikante Aspekte in dieser symbolistischen Beziehungstragödie. Diese und viele weitere rätselhafte Szenen durchziehen einen klassischen Dreieckskonflikt: Mélisande, die mittlerweile mit Golaud verheiratet ist, fühlt sich mehr zu dessen Halbbruder Pelléas hingezogen; die beiden führen eine versteckte Liebesbeziehung.

Schließlich kommt es zur Eskalation: Der eifersüchtige Golaud tötet den Nebenbuhler; anschließend sieht man Mélisande auf ihrem Sterbebett – niemand weiß aber, was genau ihre Wunde ist, da sie äußerlich keine Verletzung hat. Im Angesicht des Todes bedrängt ihr Gatte sie abermals und will die Wahrheit darüber wissen, was zwischen ihr und Pelléas geschehen ist – doch sie redet wie aus einer anderen Sphäre. Niemand begreift sie, am wenigsten Golaud. Sein Großvater Arkel, der König von diesem unbekannten Ort namens Allemonde, bringt es auf den Punkt: „Ihr wisst nicht, was eine Seele ist.“ Es stellt sich die Frage: Kann man überhaupt an einer seelischen Wunde sterben?

Eine symbolistische Beziehungstragödie im Geiste Sigmund Freuds
Eine symbolistische Beziehungstragödie im Geiste Sigmund Freuds

Der etwa zur selben Zeit wie Claude Debussy wirkende Sigmund Freud definierte die Psyche des Menschen neu und veränderte dadurch in der Gesellschaft das Bild seelischer Krankheiten. Innere Regungen werden mit äußeren Verletzungen analog gesehen. Autoren wie Maurice Maeterlinck nahmen diesen Impuls in ihr literarisches Schaffen auf. Das charakteristische Merkmal in Maeterlincks Sprache, die Tatsache, dass mit denselben Wörtern unterschiedlichste Bedeutungen ausgedrückt werden können, fand zahlreiche Bewunderer.

Debussys Musik beschreibt nicht nur lautmalerisch Naturphänomene, sondern zeigt auch diese inneren Zustände der Figuren, ihre Gefühle und Stimmungen auf. Dafür schien ihm die durch Wagners Musikdramen bekannt gewordene Leitmotivtechnik ein geeignetes Mittel (Debussy besuchte mehrmals Bayreuth) – allerdings in einer sehr komplex und vor allem subtil angewandten Weise. So wird beispielsweise in den ersten Takten des Abends das Motiv des Waldes in der schicksalhaften und bedrohenden Tonart d-Moll geschildert. Wenn in dieser Oper diese Tonart wieder erklingt, hallt nicht nur der Wald nach, sondern auch dessen Bedrohung.

Vieldeutige Blicke, Unausgesprochenes und weite Landschaften der Seele stehen im Mittelpunkt von Debussys Oper.
Vieldeutige Blicke, Unausgesprochenes und weite Landschaften der Seele stehen im Mittelpunkt von Debussys Oper.

Dass Mélisande nicht von dieser Welt zu sein scheint, wird in ihren ersten Sätzen zu Golaud klar. „Fass mich nicht an!“ erklingt nicht eingebettet im d-Moll-Klang, sondern a cappella. Nackt, ohne Begleitung, verteidigt sich Mélisande – die Absenz des Orchesters ist in diesem Moment der größtmögliche Kontrast gegenüber Golauds Musik. Woher sie kommt, erfährt man bis ans Ende der fünfaktigen Oper nicht. Alle haben sie berührt – sowohl innerlich als auch äußerlich –, haben sie derart verletzt, dass sie von dieser Welt scheiden muss. Ist sie Opfer von Menschen, die sie nicht verstehen wollen/können, weil sie fremd ist? Kurz vor ihrem Tod beklagt sie noch einmal ihre Angst: „Ich habe solche Angst vor großer Kälte.“ Und noch immer wird sie von niemandem verstanden. Arkel fragt darauf: „Geht es dir besser?“

1893 fand in Paris am Bouffes-Parisiens die Uraufführung des Dramas Pelléas et Mélisande von Maurice Maeterlinck statt. Claude Debussy, der wie Maeterlinck 1862 geboren wurde, war fasziniert von dessen Sprache und wollte das Theaterstück unbedingt vertonen. Der Autor, damals noch bekannter als sein Kollege, willigte in die Vertonung ein. Was zunächst als musterhafte Zusammenarbeit begann, explodierte, als es um die Besetzung der Mélisande ging, da Maeterlinck und Debussy nicht die gleiche Sängerin besetzen wollten. Während es bei der Generalprobe noch zu heftigen Protesten von den Maeterlinck-Anhängern kam, verlief die Premiere am 30. April 1902 an der Opéra-Comique in Paris deutlich entspannter. Bis heute gilt dieses Werk, Debussys größter Erfolg, als Inbegriff des Geheimnisvollen, Unbestimmten und Rätselhaften auf der Opernbühne.

Wilfried Hösl: Impressionen von der Probebühne

„Mein Herz schnürt mir fast die Kehle zu... Komm!“
„Mein Herz schnürt mir fast die Kehle zu... Komm!“
Elena Tsallagova, ehemaliges Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, kehrt mit der Partie der Mélisande nach München zurück.
Elena Tsallagova, ehemaliges Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, kehrt mit der Partie der Mélisande nach München zurück.
Mit der Rolle in Debussys Oper debütiert Elliot Madore an der Bayerischen Staatsoper.
Mit der Rolle in Debussys Oper debütiert Elliot Madore an der Bayerischen Staatsoper.
Pelléas träumt: Elliot Madore auf der Probenbühne der Staatsoper.
Pelléas träumt: Elliot Madore auf der Probenbühne der Staatsoper.
Intensives Gespräch zwischen Constantinos Carydis, dem musikalischen Leiter der Neuproduktion, und Elliot Madore
Intensives Gespräch zwischen Constantinos Carydis, dem musikalischen Leiter der Neuproduktion, und Elliot Madore
Die szenischen Proben werden von einem Korrepetitor am Klavier begleitet, der musikalische Leiter Constantinos Carydis dirigiert die Sänger.
Die szenischen Proben werden von einem Korrepetitor am Klavier begleitet, der musikalische Leiter Constantinos Carydis dirigiert die Sänger.
Regisseurin Christiane Pohle im Gespräch mit Elena Tsallagova (Mélisande) und Markus Eiche (Golaud)
Regisseurin Christiane Pohle im Gespräch mit Elena Tsallagova (Mélisande) und Markus Eiche (Golaud)
Auf der Probebühne gibt es lediglich eine angedeutete Dekoration.
Auf der Probebühne gibt es lediglich eine angedeutete Dekoration.
Blick in den Probenraum
Blick in den Probenraum
 

Kommentare

Neuer Kommentar