Mehr als nur hübsche Kleider

„Kostüme müssen eine Geschichte erzählen.“ Davon ist Emma Ryott fest überzeugt. Dies hat sie überhaupt erst dazu gebracht, Kostümbildnerin zu werden: Die Möglichkeit, einen Charakter zu schaffen und gleichzeitig die Person und den Charakter inhaltlich auszufüllen. Und Leo Tolstois Roman Anna Karenina, auf dem das Ballett des Choreographen Christian Spuck basiert, bietet eine große Vielfalt an Charakteren!

Ksenia Ryzhkova und Erik Murzagaliyev als Ehepaar Karenin
Laurretta Summerscales als Kitty und Jonah Cook als Kostja Lewin
Prisca Zeisel als Betsy Tverskaja, mit Dustin Klein
Ball-Frisur der Corp de Ballet Damen
Ensemble in der 1. Salonszene. V.l.n.r. Sergio Navarro, Elisa Mestres, Madelaine Dowdney, Anna Nevzorova, Alexey Dobikov, Ekaterina Bondarenko

Emma Ryott begann ihre Zusammenarbeit mit Christian Spuck im Jahr 2003. Seitdem haben sie immer wieder an zahlreichen Projekten zusammen gearbeitet. 2013 begannen sie mit der Arbeit an der Ballett-Adaption der berühmtesten Liebesgeschichte Russlands. Gemeinsam beschlossen sie, dass die für die Figuren in Anna Karenina entworfenen Kostüme die adligen Kreise Russlands der 1870er Jahre – der Zeit, in der Tolstoi seinen Roman niederschrieb und in der dieser auch spielte –  getreu widerspiegeln sollten. Die Gesamterscheinung und die Silhouetten der Figuren mussten also die passenden Bilder hervorrufen, um die richtige Geschichte zu erzählen. Wir sehen also hohe Spitzenkrägen, lange Ärmel mit feinen Plissees, manchmal auch Kleider mit einem Wasserfallausschnitt am Rücken, lange, ausladende Röcke und Unterröcke sowie schmale Taillen, die  mit breiten Hüftpartien kontrastieren: ein Effekt, der mit viel steifem Tüll und Wattierung erzielt wird. Auch die Frisuren mussten realistisch sein. „Doch“ – und hierauf legt Emma Ryott großen Wert – „die Kostüme sind nicht als wörtliche, realistische Übertragung der damaligen Mode auf die Bühne des 21. Jahrhunderts zu verstehen. Die Kunst steckt hier im Detail.“ Und Emma Ryott genießt es wirklich, mit diesen Details zu spielen und sie mit dem zu vermischen, was ihr als zweite Inspirationsquelle dient: Modemagazine von heute. „Die ursprünglichen Maße der historischen Kostüme wären zu eng und zu einschränkend für den Bewegungsspielraum gewesen, den ein zeitgenössisches Ballett braucht“, erklärt sie weiter. Daher schuf Emma Ryott ihre eigene Version der damaligen Epoche. So hat beispielsweise Betsys Kleid eine für das 19. Jahrhundert klassische Drapierung der Falten  – ansonsten aber atmet es „einen Hauch von Dior“. Mit dem kräftigen Pink des Kleides unterstreicht Ryott Betsys Status als Mittelpunkt der Gesellschaft, den Betsy auch im Roman innehat.

Wenn Emma Ryott damit beschäftigt ist, das perfekte Kostüm für eine Figur zu entwerfen, damit diese schlussendlich eine Geschichte erzählen kann, dann ist dies stets als erstes eine Frage der Farben und Stoffe. Auf ihrer Geburtstagsfeier, trägt Kitty beispielsweise ein Kleid in sehr hellem Blau, gefertigt aus Organza und Seide. Es erinnert an das Kleid einer Prinzessin: armfrei, mit leichter Organza-Schulterdrapierung. Das Kleid unterstreicht, ja immitiert, die sanften, fröhlichen Bewegungen, die Kittys Wesen entsprechen. Im Laufe der Geschichte jedoch wandelt sich Kitty vom jungen Mädchen, das zunächst ein wenig wie eine verwöhnte Prinzessin wirkt, zur verheirateten, auf dem Land lebenden Frau. Dementsprechend ändert sich ihre Garderobe vom kindhaften, sehr hellen Blau zu einem schlichteren Stil: lange Ärmel, Verzicht auf Spitzen, dafür sehr solide Stickereien – nun aber in einem kräftigeren, etwas reifer wirkenden Blauton.

Kittys Prinzessinnenkleid. Jonah Cook als Lewin mit Laurretta Summerscales als Kitty.
Nahaufnahme der Stickerei. Laurretta Summerscales backstage im Gespräch mit Kristina Lind
Die verheiratete Kitty. Jonah Cook als Lewin mit Laurretta Summerscales als Kitty.
Kittys Ballgäste: v.l.n.r. Antonia McAuley, Matteo Dilaghi, Dmitrii Vyskubenko, Vera Segova, Madelaine Dowdney, Dukin Seo

Die größte Entwicklung innerhalb des Romans durchläuft freilich die Titelfigur Anna Karenina. Die Ballerina, die die Rolle der Anna tanzt, wechselt im Laufe des Abends ganze sieben Mal das Kostüm. Vom Ballkleid über verschiedene Salonkleider (u. a. das berühmte signalrote Kleid), vom förmlichen russischen Reisekleid bis hin zum leichten italienischen Urlaubskleid, vom in Momenten der Niedergeschlagenheit getragenen Nachthemd bis zu dem schweren Samtkleid, das sie bei ihrem Tod trägt – in jeder Etappe von Annas Entwicklung spielen Kleidung und Frisur – neben der Choreographie – eine wichtige Rolle bei der Darstellung ihrer Emotionen und ihres Seelenzustandes. Anna fällt erstmals bei Kittys Geburtstagsfeier auf: Alle Gäste auf dem Ball sind wesentlich jünger als Anna. Die weiblichen Mitglieder des Corps de Ballet tragen leuchtende Pastelltöne. Diese Kleider sind aus leichten Stoffen wie Organza und Seide gefertigt, was dafür steht, dass sie in einer jugendlichen, hoffnungsvollen Welt leben. Annas elegantes, ausladendes schwarzes Kleid unterstreicht die Darstellung Anna Kareninas als der faszinierenden Außenseiterin. Dieses Kleid zeigt sie - im Vergleich zu den jugendlichen Gästen - als reifere, selbstbewusstere Dame der Gesellschaft. Kein Wunder also, dass Graf Wronski sich Hals über Kopf in sie verliebt. Und auch als Zuschauer kommt man nicht umher, dieser Faszination zu verfallen.

Anna Kareninas erster Auftritt
Anna Karenina auf Kittys Geburtstagsparty
Anna Kareninas rotes Kleid
Das Pferderennen
Das italienische Kleid
Das Nachthemd
Anna Kareninas Sterbekleid
 

Im Gegensatz zur Szene auf dem Geburtstagsball wird die Salon-Welt der Betsy Tverskaya und der Karenins in dunkleren, schwereren und auch aggressiveren Tönen dargestellt. Daher entschied Ryott sich hier für schwerere Stoffe wie Taft, für dunkle Netze und dunkle Stickereien. Die Kleider der Damen haben dementsprechend hohe Krägen und lange Ärmel, die wie „gemeißelt“ wirken. Dolly, Lady Wronskaja und Lady Lydia illustrieren diese strenge Form am deutlichsten. Doch wenn Anna einen Salon betritt, muss sie in Tolstois Geschichte einen großen Auftritt haben und Eindruck machen. Dennoch steht die Szene im Kontrast zum Ball, denn hier im Salon ist Anna kein Eindringling – sie ist vielmehr die „Lebensader“ der gesamten Veranstaltung. Ein Gedanke, der auch durch das Rot ihres Kleides symbolisiert wird. „Durch den Wechsel von Schwarz zu Rot deutet Anna an, dass sie nun offen für die Liebe ist“, erklärt Ryott. Das rote Kleid, das für viele das markanteste Kleid des gesamten Abends ist, hat nicht weniger als sieben Unterröcke. Ryott erklärt, dass sie diesen Unterröcken genau so viel Bedeutung beimessen wollte wie dem Überrock, da das Publikum bei den Hebungen und Sprüngen die Unterröcke der Ersten Solistin häufig zu sehen bekommt. Die Unterröcke sind daher in zwei oder drei verschiedenen Tönen gehalten, die Abwandlungen der Hauptfarbe sind. In Annas rotem Kleid finden wir auch ein wenig Pink, Orange und verschiedene Rottöne. Ähnlich verhält es sich bei Dollys Kleid: Dieses ist nicht einfach nur braun, sondern zeigt verschiedene Grau-, Braun- und Blaugrün-Töne.  Ryott verdeutlicht damit ihre Sicht auf Dolly als der ergebenen Ehefrau. Diese Farben lassen Dolly zurückhaltend und unscheinbar aussehen. Dolly ist nicht so glamourös wie die anderen Damen der Gesellschaft – dennoch ist sie sehr elegant und ihrem adligen Stand gemäß gekleidet. Kittys Unterrock jedoch lässt sie mit seinem Reinweiß und Blassblau aussehen wie eine „dahinschwebende Tüll-Wolke“, findet Ryott.

Annas rotes Kleid
Dolly Kleid
Betsys Kleid
Kittys Kleid

Da die Röcke so voluminös sind, kommen die Kostüme schon früh in der Probenphase zum Einsatz. Ein realistischer Probenrock ist zwar aus einfacherem, preiswerterem Stoff gefertigt, hat aber ansonsten die gleichen Eigenschaften wie das finale Kostüm. Ein Probenrock hilft den Tänzerinnen ein Gefühl für die Kleider zu bekommen und richtig mit deren Gewicht und Volumen umzugehen. Dieser Aufgabe müssen sich aber nicht nur die Tänzerinnen stellen. Auch die Tänzer müssen bei solch umfangreichen Kostümen erst einmal üben, wie sie eine Dame beim Pas-de-deux heben oder stützen müssen. Unter den zahlreichen Tüll-Schichten sind die Beine einer Tänzerin möglicherweise gar nicht so leicht zu finden. „Diese Kostüme sind nicht unbedingt leicht zu tragen“, räumt Ryott ein. „Es dauert eine Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat, darin zu tanzen, aber durch Übung haben es letztlich alle geschafft“, sagt sie zufrieden lächelnd.

Das Pferderennen. C) W. Hösl

Doch Anna Karenina hatte für die Kostümbildnerin noch mehr zu bieten als nur prachtvolle historische Kleider: Die Hüte. „Oh, ich liebe Hüte! Im Ballett kommen sie aber nur selten vor“, erklärt Emma Ryott. Lady Wronskajas prachtvoller Hut sticht besonders ins Auge. Er ist die größte Kopfbedeckung von allen. Und da sie die älteste Frau auf der Bühne ist, passt er zu ihrem Rang und unterstreicht die Wirkung ihrer Auftritte. Unter praktischen Gesichtspunkten kann sie es sich überdies leisten, ihn zu tragen, da es in ihrer Choreographie keine schnellen Bewegungen gibt. „Allerdings“ so Ryott, „ist dieser Hut mehr ein Modesymbol als eine historische Replik.“ Alle anderen in Anna Karenina getragenen Hüte sind klein, manchmal eher flach, da Ryott Elemente vermeiden wollte, die das Auge des Betrachters von der Silhouette der Figur ablenken würden. Vor allem in der Szene des Pferderennens tragen die weiblichen Mitglieder des Corps de Ballet Hüte in allen Variationen – vom Hut mit breiter Krempe bis hin zum kleineren Haarschmuck aus Federn und Spitze. Und wo holt sich eine Britin wie Emma Ryott Ideen für Hüte, wie man sie bei Pferderennen trägt? Natürlich in Ascot! Dennoch gibt sie lachend zu, dass sie sich zurückgehalten hat, da die heutige Hutmode von Ascot für ein Stück, das im Russland des 19. Jahrhunderts spielt, doch ein bisschen zu gewagt gewesen wäre. Gleichzeitig wollte sie aber, dass die Zuschauer anhand der Kostüme sofort erkennen, dass es sich um ein Pferderennen handelt. So kamen Hüte quasi ganz von allein ins Spiel und trugen obendrein noch dazu bei, die Tänzer modisch aussehen zu lassen. 

Stanislava Aitova wartet auf ihren Auftritt im Pferderennen.
In der Maske: Elaine Underwood als Lady Wronskaja.

„Und doch“, betont Ryott noch einmal, „muss der Hut auch zur jeweiligen Figur passen.“ Wenn eine Figur einen Hut trägt, muss es auch einen Grund dafür geben.“ Das ist es, worum sich Emma Ryotts Arbeit immer wieder dreht: ein Kostüm anzufertigen, das nicht nur einfach hübsch ist, sondern auch den Charakter einer Figur vermittelt. 

Ensemble in der Ballszene

 

Ein Beitrag von: Martina Zimmermann

Fotonachweise: Wilfried Hösl, Susanne Schramke, Kathrin Ziegler, Sinead Bunn

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