„Man erfindet jeden Abend etwas Neues“ – Das Leben im Ensemble

04.05.2017

Bei den Ensemble-Liederabenden zeigen sich unsere Sänger abseits der Bühne fast schon ganz persönlich. Das letzte Konzert der Reihe, am Dienstag 9. Mai, gestalten gleich vier Sänger: Heike Grötzinger, Kevin Conners, Elsa Benoit und Johannes Kammler.
Sozusagen stellevertretend für das Ensemble haben wir Kevin Conners im Aufenthaltsraum des Herren-Solo abgefangen, um etwas mehr über den außergewöhnlichen Liederabend und das Ensemble-Leben an der Bayerischen Staatsoper zu erfahren.


Ensemble-Liederabend
Di, 9. Mai 2017, 20.00 Uhr Karten
Wernicke-Saal

Johannes Kammler, Kevin Conners, Heike Grötzinger, Elsa Benoit.
Johannes Kammler, Kevin Conners, Heike Grötzinger, Elsa Benoit.

Beginnen wir am Anfang: Wolltest Du schon immer Sänger werden?
Meine Eltern waren beide Lehrer und es war daher bald klar, dass ich ihren Fußstapfen folgen sollte. Deshalb studierte ich Musik auf Lehramt. So richtig wurde ich aber mit dieser Ausbildung nicht glücklich und brach ab. Es gab dann noch einen kurzen einjährigen Exkurs zur Kirchenmusik, bis ich dann letztendlich die Gesangausbildung begann.

Wie würdest Du den Verlauf Deiner Karriere beschreiben?
Sehr geradlinig. Ich machte die Ausbildung fertig, wurde im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper aufgenommen und dann ins Ensemble übernommen. Es hat einfach alles gepasst.

Seit wann seid ihr alle im Ensemble der Bayerischen Staatsoper?
Ich bin seit 1988 im Ensemble, Heike etwas kürzer, sie ist seit ca. 12 Jahren am Haus, Elsa seit dieser Saison und Johannes wird im September ins Ensemble übernommen.

Wie ist das, wenn ein neues Ensemble-Mitglied aufgenommen wird, wie Johannes Kammler? Gibt es da viele Gespräche, Rituale, Mutproben?
[Lacht] nein... aber vielleicht sollten wir das einführen! Trotzdem freuen wir uns natürlich alle, wenn man mal ein Bier, Leberkäse und Kartoffelsalat mitbringt, also ein bisschen für gesellige Stimmung sorgt.

Weißt Du wie viele Rollen Du schon an diesem Haus gesungen hast?
[Denkt nach] Nein nicht genau, vielleicht hundert? Aber genau weiß ich es nicht, ich zähle das nicht.

Und in wie vielen Sprachen? Welche ist deine Lieblingssprache?
Über meine Lieblingssprache habe ich noch nie nachgedacht. Jede Sprache hat ihre Besonderheiten, die ich sehr schätze; ob Italienisch, Deutsch, meine Muttersprache Englisch oder Russisch. Einzig beim Tschechischen fällt es mir sehr schwer. Es gibt einfach so wenig Vokale, das ist für die Atmung beim Singen nicht so einfach.

Wie viele Abende pro Monat, schätzt Du, stehst Du/Ihr auf der Bühne?
Ich singe in diesem Jahr in 60 unterschiedlichen Vorstellungen. Am intensivsten sind dabei so Wochen wie beispielsweise Anfang des Jahres. Da haben wir sechs Opern in sieben Wochen gesungen. South Pole war grad mal fertig geprobt, schon wurde Boris Godunow angefangen, das ging direkt in die Proben mit Petrenko für den Rosenkavalier über, um dann schon mit dem feurigen Engel anzufangen. Direkt danach ging es los mit der Falstaff-Serie und als großes Finale noch Andrea Chènier. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass man vergisst, welche Oper heute dran ist.

Bist du lieber der Spaßvogel oder Fiesling?
[ohne Nachzudenken] Beides! Jede Rolle hat ihren Reiz und natürlich ist man gerne der Spaßvogel, es ist aber genauso spannend einmal richtig böse zu sein. Die Hexe in Hänsel und Gretel zum Beispiel: Sie ist verrückt und vollkommen drüber, man kann über sie lachen, trotzdem will sie die Kinder essen. Sie hat also etwas Urböses in sich. Ich mag es diese Charaktere auszufüllen und neues in den Figuren zu entwickeln. Egal, wie oft ich eine Partie schon gesungen habe, ich kann jeden Abend etwas Neues erfinden oder entdecken.

Wie ist die Arbeit mit den Regisseuren?
Es ist immer wieder spannend. Bei Lady Macbeth von Mzensk zum Beispiel hatte ich zuletzt einen besonders schönen Moment: Als ich meine Szene proben sollte, ließ Harry Kupfer mich immer wieder den Auftritt üben, um ein Gefühl für die Rolle zu bekommen. Irgendwann sagt er, ich solle einfach singen und da hab ich improvisiert. Als ich fertig war, meint er nur „Perfekt, genauso wollte ich das“. Wenn dieser Moment des gegenseitigen Vertrauens übereinstimmt, ist es das absolute Ideal.

Kannst Du den Unterschied zwischen dem „Ensemble-Leben“ und dem eines freischaffenden Sängers beschreiben?
Das geht ganz schnell: Das Ensemble ist ein Teil des Hauses und ist unter anderem dafür verantwortlich das Repertoire zu pflegen. Der freischaffende Sänger ist nur für dieses eine Stück da und probt auch nur dieses eine. Wir im Ensemble haben da schon öfter ganz andere Tage: Da kann es in der Früh eine Probe zu La traviata geben, am Nachmittag eine Sitzprobe zu Tannhäuser. Abends stehen wir dann wieder für Guillaume Tell auf der Bühne. Ein Tag – drei Opern.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Gast-Sängern?

Ich würde sagen, das Ensemble funktioniert wie eine Art tragende Säule für alle Produktionen. Insbesondere bei Wiederaufnahmen mit wenig Proben oder wenn ein Einspringer kommt, helfen wir den Gästen sich zurechtzufinden. Ganz dezent und galant geben wir ihnen die Sicherheit und Ruhe, die sie auf der Bühne benötigen. Aber wir unterstützen sie auch beim Orientieren im Haus und hinter der Bühne. Wo ist die Maske, wo das Kostüm, was für Besonderheiten gibt es an unserem Haus. Ich bewege mich hier, wie in meinem Wohnzimmer. Das spürt dann auch das Publikum. Selbst, wenn es ein Einspringer ist, der noch nie in dem Stück gesungen hat!

Auf dem Programm des Ensemble-Liederabends steht Brahms.
Auf dem Programm des Ensemble-Liederabends steht Brahms.

Was bedeutet die Kunstform Lied für Dich?
An einem Opernabend kann es bis zu 88 Musiker im Orchestergraben, 120 Choristen und dann noch Statisten auf der Bühne geben. Eine Vorstellung fühlt sich dabei manchmal so an, als ob es ums Überleben ginge. [lacht] Bei einem Liederabend ist das ganz anders. Hier haben wir die Möglichkeit jede kleinste Bewegung gegenseitig wahrzunehmen, man hört das Atmen der Kollegen, man nimmt das Publikum viel direkter wahr und hat diesen wunderbar intimen Raum. Bei einem Liederabend tragen wir kein Kostüm und haben keine extra Maske, es ist insofern viel ehrlicher, weil wir wir sein müssen.

Nun noch zu Eurem Programm. Ihr habt Euch für Brahms Liebesliederwalzer und Zigeunerlieder entschieden. Wie kam's?
Ich wollte die Liebeslieder singen, weil sie meine ersten Begegnung mit dem deutschen Liedgut waren. Es ist außerdem ein Zyklus, der für vier Stimmen geschrieben ist und damit perfekt für uns passt. Und Heike und ich wollten einen Ensemble-Liederabend machen, an dem wir eben auch als Ensemble auftreten, Elsa und Johannes haben sofort zugestimmt und mitgemacht!
Die Zigeunerlieder passen einfach sehr gut zu dem Abend und bieten einen schönen Kontrast. Außerdem singen wir alle 15 Lieder.

Wie sehen die Proben aus?
Es macht uns viel Spaß gemeinsam diesen Abend vorzubereiten. Schon bei der ersten Probe letzte Woche haben wir einfach angefangen zu singen und es hat gepasst. Ich habe wunderbare, musikalisch sensible Kollegen an meiner Seite und wir alle verfolgen das gleiche Ziel. Es braucht dabei keine Absprachen, weil einfach alles fast sofort stimmt. Wir haben auch niemanden, der uns anleitet. Es sind einfach sechs gleichwertige Musiker, die sich auf einer Ebene untereinander verständigen und den passenden Weg finden. Gerade bei Brahms muss man sehr viel „spüren“, er hat fast keine Tempoangaben gemacht und wir müssen gemeinsam die Musik zusammen mit dem Text erforschen, um die Emotionen transportieren zu können, die wir auch vermitteln möchten. Das klappt mit einer faszinierenden Leichtigkeit!

Wie bereitet ihr Euch auf den Abend vor? Lest ihr auch Hintergründe?
Ja, ich interessiere mich sehr dafür. Zum Beispiel, dass Brahms die Liebeslieder extra für vier Hände geschrieben hat, um Clara Schuhmann näher bei sich zu wissen. Solche Anekdoten finde ich sehr schön.

Die Korrepetitoren Donald Wages, Mark Lawson

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