„Liebe ist die stärkste Lebensenergie überhaupt.“

InterviewMax Joseph

Daniel, La mienne
Daniel, La mienne

„Küsse, Bisse, / das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen“, ruft Heinrich von Kleists Penthesilea aus. Liebe und Leidenschaft bewegen uns alle. Aber was bringt Menschen dazu, dem abzuschwören? Der Journalist und Therapeut Thomas Östreicher hat in MAX JOSEPH eine einfühlsame Reportage über einen Mann geschrieben, der darüber offen spricht. Wir hatten noch ein paar Fragen.

SABINE VOß Wenn ein Mensch der Liebe abschwört, hat das dann immer mit psychischen Verletzungen in der Kindheit zu tun?

THOMAS ÖSTREICHER Nicht zwingend. Ich habe keine Statistik parat, vermute aber, häufiger als Kindheitstraumata sind Enttäuschungen im Erwachsenenleben die Ursache für ein explizites Abschwören. Wer früh verletzt wurde, verliert möglicherweise – zeitweise oder für länger – die Fähigkeit, sich zu verlieben, trifft aber nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung.

SV Welche Gründe führen Menschen für ihren Rückzug von der körperlichen Liebe an? Müssen es Bisse sein oder reichen schon Kratzer?

Die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen. Was dem einen wie eine Lappalie erscheint, kann für den anderen schon existenziell sein. Zum Beispiel eine tiefe Herabwürdigung im Streit, Scham oder auch das stets aufs Neue bestätigte Gefühl, nichts wert zu sein, das irgendwann im Entschluss mündet, sich dem heiklen Thema Liebe ganz zu entziehen. Es gibt außerdem nicht wenige Menschen, deren Libido schlummert und die buchstäblich keine Lust (mehr) haben zu lieben. Asexualität ist weder selten noch in jedem Fall krankhaft, also mit Leid verbunden.

SV Was sind die Folgen eines solchen Rückzugs?

Auch das ist individuell sehr verschieden. Einen schmerzhaften Anteil des Ichs bewusst abzukapseln ist zunächst ein Selbstschutz, also eine durchaus positive Funktion. Daraus kann aber ein Dauerthema werden, das sich, weil unbearbeitet, auf anderen Wegen zeigt bis hin zu schweren körperlichen Erkrankungen, für die sich dann kaum „objektive“ Ursachen finden lassen.

SV Wie hoch sind die Heilungschancen?

Es lohnt sich gewiss, das jeweilige Thema mit vertrauensvoller Begleitung und in der angemessenen Behutsamkeit anzuschauen. „Heilung“ klingt mir ein wenig nach der Reparatur eines Defekts durch einen Experten. Ich würde eher von Bearbeitung und von persönlichem Wachstum sprechen. Daraus können mit hoher Wahrscheinlichkeit neue Perspektiven entstehen, die neue Wege aufzeigen.

SV Sind solche Fälle ein Phänomen unserer Zeit? Sind die Erwartungen an den Anderen zu hoch?

Sicher leben wir in einer Zeit, in der wir auf vielfältige Weise zur Selbstverwirklichung und obendrein möglichst anstrengungslosen Optimierung unserer Lebensverhältnisse aufgefordert werden. Das hat gute, emanzipatorische Seiten, wenn sich beispielsweise Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten trauen, selbstbewusster aufzutreten. Dass Individualisierung auch Vereinzelung heißen kann, ist die Kehrseite, und ja: Übertrieben hohe Erwartungen an das Gegenüber scheinen mir in der Tat zuzunehmen. Nach dem Motto: Eigentlich ist sie ja ganz nett, aber in manchen Punkten doch nicht hundertprozentig meine Traumfrau. Da hilft meines Erachtens, sich erstens der eigenen Schwächen bewusst zu sein und zweitens, statt nach dem perfekten Liebesobjekt zu suchen, lieber auf gemeinsame Entdeckungsreise zu gehen und durch Achtsamkeit Eigenschaften jenseits der Oberfläche wertschätzen zu lernen. Denn eigentlich sind es oft irgendwelche Oberflächlichkeiten, die stören. Wer darauf zu viel gibt, kann in der Summe zu dem Schluss kommen: Was ich gern hätte, gibt es nicht auf dieser Welt, also lasse ich das Thema doch ganz.

SV Daniel in Ihrer Reportage ist Künstler und lenkt die aufgegebenen Liebesgefühle in andere Bahnen. Was geschieht, wenn man diese Möglichkeit nicht hat oder findet?

Liebe ist die stärkste Lebensenergie überhaupt. Wer diese Energie nicht pflegt, wird versuchen, sie aus anderen Quellen zu schöpfen: Karriere, Macht, Geld oder Kicks jeglicher Art – keine wirklich überzeugenden Alternativen. Gesünder ist es, die Liebe zu erlernen. Das geht. Ein guter Anfang ist die Wertschätzung seiner selbst.

SV Kommen sich Ihre beiden Berufe – Journalist und Therapeut – manchmal in die Quere?

Ständig, und zwar sehr positiv. Perspektivwechsel sind ungemein erhellend. In mir unterstützt der Journalist den Therapeuten mit einer gewissen professionellen Distanz, die ich in bestimmten Momenten brauche. Und der Therapeut hilft dem Journalisten, anders, vor allem liebevoller auf andere zu schauen.

SV Was raten Sie uns, damit aus unserem Herzen keine Gefühlsgruft wird?

Erst einmal zu akzeptieren, dass da überhaupt Gefühle sind und sie ohne Bewertung anzuschauen. Reifen heißt, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, erst Recht für die eigenen Gefühle. Eine wichtige Erkenntnis dabei ist: Wir müssen uns nicht entscheiden zwischen Verstand und Gefühl. Wenn die beiden im gleichberechtigten Dialog bleiben, ist das die beste Basis für ein selbstbestimmtes Leben, in dem die Liebe ihren Platz hat.

Die Reportage von Thomas Östreicher lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von MAX JOSEPH zum Thema „Bisse“.

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