„La vraie musique est le langage du coeur“

12.07.2016

... sagt Jean-Philippe Rameau, dessen Opéra-Ballett Les Indes galantes am 24. Juli in einer Neuproduktion von Sidi Larbi Cherkaoui Premiere im Prinzregententheater feiert. Unser Probentagebuch begleitet die spannende Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur, den Tänzern und den Sängern in drei Teilen.

„La vraie musique est le langage du coeur“ („Echte Musik ist die Sprache des Herzens“): Ganz im Sinne dieses Gedankens präsentiert sich Jean Philippe Rameaus Philosophie nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich in seiner Oper Les Indes galantes, die während der diesjährigen Opernfestspiele neu produziert wird. Im blühenden Reich der Hebe stellt die Kriegsgöttin Bellona die Macht der Liebe auf die Probe. Angesichts dieser Kränkung entsendet Amor seine Amoretten in exotische Breitengrade, um dort neue Siege zu erringen. Im Verlaufe der folgenden vier Aufzüge werden wir Zeuge von persischem Liebestaumel, peruanischem Verlangen, türkischem Großmut und eben auch von der Treue der nobles sauvages, die den launischen Europäern als natürliches Idealbild gegenübergestellt werden.

Der Komponist Rameau, der sich als junger Mann Anfang des 18. Jahrhunderts vorerst als Musiktheoretiker einen Namen machte, revolutionierte die ehrwürdige Tradition der französischen Oper und führte diese zu neuer Frische und Modernität. Die Ballet-Opéra Les Indes galantes, die im August 1735 in Paris uraufgeführt wurde, stellt hierbei seinen größten Erfolg dar. Wie der Name Ballet-Opéra suggeriert, handelt es sich um eine Kunstform, die im besonderen Maße lebt vom Miteinander von Musik, Schauspiel und Ballet, vom Zusammenspiel dreier Elemente, die sich hier gegenseitig durchdringen und nicht voneinander trennbar sind. Obwohl Rameau selbst, anders als der große Jean-Babtiste Lully, kein balladin war, ist der Einfluss der Tradition des Ballet du Cour auf sein Werk so offensichtlich wie die Tatsache, dass Rameaus Musik das Ballet selbst revolutionierte.

Die ersten Proben Mitte Juni offenbarten, dass dem Regisseur der Produktion, dem belgischen Tänzer und Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, sehr daran gelegen ist, diese wechselseitige Beziehung für den heutigen Zuschauer verständlich zu machen und ihr neues Leben einzuhauchen.
Erstaunlich wirkt zunächst, dass seine Choreografie für Les Indes Galantes nicht bloß klassisches Ballet oder strenge historische Tanzpraxis einschließt. Die barocke Tanztradition dient vielmehr als Inspirationsquelle für Bewegungen, die freier durch den Raum zu fließen scheinen. Dieses Merkmal spiegelt sich auch in der Zusammensetzung seiner Compagnie, der Compagnie Eastman aus Antwerpen: Nicht alle Tänzer haben eine klassische Tanzausbildung absolviert – vom Ballet bis zum Streetdance, ja bis zum Kung-Fu reichen ihre künstlerischen Wurzeln.

Schon im Mai fand ein Workshop in Antwerpen statt, bei dem die jetzt feststehende Choreografie (u.a. aus der Improvisation) entstanden ist. Cherkaoui möchte, dass auch die Sänger tanzen. Die Reaktionen auf diesen Plan waren seitens der Solisten vorerst ambivalent: Während nämlich einige von ihnen schon Tanzerfahrung mitbringen, es ihnen Spaß macht und leicht fällt, sich die teils komplexen Bewegungsabläufe einzuprägen, gehen die anderen noch zusehends auf Distanz. Manch einer versucht sogar sich spaßeshalber zu verstecken - ohne Erfolg: Denn beim "Tanz der großen Friedenspfeife", der das Finale der Oper einleitet, müssen alle aufs Parkett. Lisette Oropesa übernimmt mit den Partien der Hébé und der Zima wohl die beiden tanzfreudigsten Rollen. Leicht wäre es ihr nicht sofort gefallen, meint sie. Es mache ihr aber trotz der Anstrengung großen Spaß, am liebsten würde sie jetzt sogar noch mehr tanzen.
Vor allem die Kombination von Bewegung und Gesang fordert die Sänger: Wie konzentriere ich mich auf meinen Part und merke mir gleichzeitig alle Schritte? Die Tänzer der Compagnie gleichen diese Schwierigkeiten durch geduldige Hilfestellung aus und üben die Tanzschritte vor, nach und während der Probe mit den Solisten.

Teils müssen sich die Sänger aber gar nicht selbst bewegen, sondern werden bewegt. Sie singen und spielen z.B in großen Schaukästen, die von den Tänzern über die Bühne geschoben werden ...

Cisse, Seydou

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