"La femme c'est moi" - Ein Abend mit Elisabeth Kulman

Am 12. Juli 2018 ist Elisabeth Kulman mit La femme c´est moi im Prinzregetheater zu erleben – einem abwechslungsreichen Abend, der mit Nummern von Richard Wagner, Georges Bizet, den Beatles oder Michael Jackson eine enorme Bandbreite an musikalischen Stilen bietet. Im Gespräch mit Gert Korentschnig erzählt Sie von den Hintergründen und Herausforderungen dieses besonderen Abends.

Sie präsentieren erstmals im Theater an der Wien Ihr Programm La femme c’est moi. Was macht dieses spezielle Konzert zu Ihrem großen Herzensprojekt, Frau Kulman?
Dieses Programm ist das erste, das ganz aus meinen Vorstellungen und Ideen kommt. Es ist ein Programm, das ich mir auf den Leib geschneidert habe. Für mich war alles, was ich davor gemacht habe, richtig und wichtig, aber noch nicht das Wahre. Ich brauche die Herausforderung, liebe die Vielfalt, den Wagemut und die Kreativität. In diesem Programm kann ich nun all das ausleben. In einer Opernrolle zeige ich nur ein paar Facetten, hier zig verschiedene. Das macht mir Spaß. Dieses Programm ist ganz auf meine Stärken zugeschnitten, etwa die Vielfarbigkeit in der Stimme, das schnelle Wechseln zwischen Stimmungen, das Hineinschlüpfen in ständig neue Charaktere.

Der Abend bietet eine enorme Bandbreite an musikalischen Stilen – von Höchstdramatischem aus dem Wagner-Fach bis hin zu Nummern von den Beatles und Michael Jackson, von Chansons bis zu Schubert-Liedern. Ist diese Mischung auch repräsentativ für Ihr eigenes musikalisches Interesse?
Ich bin nicht mit der Oper aufgewachsen, sondern mit geistlicher Musik, Volks- und Popmusik. Oper kam erst viel später dazu. Heute liebe ich Jazz ganz besonders, deshalb mussten auch unbedingt Jazzmusiker in  meine „Band“. Ich bin grundsätzlich ein offener Mensch, der sich für viele Dinge interessiert. Oper mag ich musikalisch sehr, aber ich finde auch, dass die Beatles großartige Musik geschrieben haben. Der Reiz für mich ist, beides zu verbinden und zu zeigen, dass Qualität sich nicht durch E oder U kennzeichnet. An diesem Punkt kommt mein grandioser Arrangeur Tscho Theissing ins Spiel, der es raffiniert schafft, das alles so zu verknüpfen, dass man glaubt, es gehört zusammen und hat immer zusammengehört. Auf der Bühne unterstützen mich sieben Musiker, die das alles auf fantastische Weise zum Klingen bringen.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihr Ensemble zusammengestellt?
Wer mit mir auf der Bühne steht, war eine wichtige Überlegung von Anfang an. Ich persönlich liebe den Klang von Streichern, also haben wir ein Streichquartett. Klavier und Akkordeon machen das „Orchester“, und für die „Spezialaufgaben“ habe ich mir einen Bläser – einen Holzbläser – gewünscht. Dann habe ich mich mit Hilfe von Tscho auf die Suche nach den Musikern gemacht. Neben der musikalischen Qualifikation musste auch die Chemie stimmen. Das war mir ganz wichtig. Und ich wollte Musiker, die genremäßig aus verschiedenen Ecken kommen: So habe ich mit Franz Bartolomey und Alois Posch zwei Granden aus den Reihen der Wiener Philharmoniker, die das ganze Opernrepertoire im kleinen Finger haben. Mit dabei musste natürlich mein langjähriger Klavierpartner Eduard Kutrowatz sein, mit dem ich zahlreiche Liederabende auf der ganzen Welt gesungen habe. Die jazzige Seite wird von Gerald Preinfalk an Klarinetten und Saxophonen und von Tscho Theissing als Multiinstrumentalist ausgelebt.  Und auch von Aliosha Biz, der noch seinen einzigartigen Klezmer-Geigenton einbringt. Maria Reiter am Akkordeon als einzige „femme“ neben mir zaubert die feinen Zwischentöne. Es ist eine fantastische Gruppe aus den unterschiedlichsten Bereichen, jeder bringt seine individuellen Fähigkeiten ein. Ich bin sehr glücklich über dieses tolle Team, es spielt alle Stückln. Und wir verstehen uns auch abseits des Musikalischen blendend.

Ist dieser Abend für Sie auch ein Plädoyer für die Aufhebung der Genregrenzen, gegen die klischeehaften Definitionen, gegen Schubladisierungen?
Ja, die Aufhebung der Grenzen ist in meinen Augen der Weg der Zukunft, in jeder Hinsicht. Die Grenzen werden sich auflösen, so wie sich auch die geografischen Grenzen irgendwann in ferner Zukunft ganz auflösen werden und man nicht mehr sagt, da hört Österreich auf und dort fängt Ungarn an. Das geht natürlich nur, wenn wir unsere Beschränkungen im Kopf aufbrechen.

Im Moment gehen wir politisch leider gerade einen anderen Weg.
Das ist der ängstliche Widerstand gegen den Fluss der Zeit. Doch der ist unaufhaltsam. Das Internet hat die Grenzen bereits aufgelöst. Alle sind mit allen verbunden, alle sind eins. Nicht jeder tut sich damit leicht. Ich lebe einfach jetzt schon nach diesem Prinzip.

Ist Ihr Programm also die Fortsetzung einer politischen Idee mit musikalischen Mitteln?
Nein, sicher nicht. Ich habe mit meinem Programm nicht das Ziel, jemanden zu belehren oder Botschaften zu verschicken. Ich will selber Spaß an meinen Möglichkeiten haben, an meinem Talent – und das Publikum daran teilhaben lassen. Was ich hier skizziere, ist eine sehr persönliche Haltung, die Konsequenz aus meiner eigenen seelischen Entwicklung. Ich habe mich immer nach Freiheit gesehnt, nach dem Blick über den Tellerrand. Mich hat es immer gereizt, Grenzen zu sprengen. Das tue ich hier. Und mir scheint, das könnte auch Anregung sein für andere.

Ihre Karriere ist schon davor nicht geradlinig verlaufen und hat mehrere Abzweigungen genommen. Sie sind vom Chor zunächst über das Sopranfach zur Oper gekommen und wurden dann zum Mezzo bzw. zum Alt. Wenn man als ausgebildete Opernsängerin in andere musikalische Richtungen geht und zum Beispiel Musicals oder Chansons singt, Pop oder Jazz, besteht immer die Gefahr, dass es zu artifiziell klingt. Meistens geht es schief. Wie vermeiden Sie dieses Künstliche im Gesang?
Das war für mich eine ganz wichtige praktische Überlegung bei den Arrangements. Es war entscheidend, in welcher Tonart die Stücke gesetzt werden. Das musste alles nahe meiner Sprechstimme sein, damit es möglichst natürlich rüber kommt. Alle Popnummern sind daher tief und leise instrumentiert, damit ich nicht draufdrücken muss. Sonst wird es sofort opernhaft, das wollte ich keinesfalls. Das war in der Vorbereitung die meiste Arbeit: zu suchen, wo es am natürlichsten klingt.

Steckt dahinter auch der Gedanke, neues Publikum anzusprechen?
Mir scheint, dass die Stile in meinem Programm so gemixt sind, dass das durchaus ein breiteres Publikum ansprechen könnte. Mit Nischenprodukten ist es immer schwierig. Aber Oper ist ja auch ein Nischenprodukt. La femme c'est moi ist vielleicht eine Spur kommerzieller als das, was ich davor gemacht habe, aber keineswegs weniger anspruchsvoll, im Gegenteil. Aber ist es schlecht, viele Leute anzusprechen?

Definitiv nicht. Wie schwierig beziehungsweise leicht ist so ein Programm für Sie als Opernsängerin?
Ich habe mir ein Programm geschrieben, ohne zu bedenken, ob die Sängerin Elisabeth Kulman das überhaupt schafft. Nur ein Beispiel: Ich muss vom Sprechgesang einer Weill-Nummer in die dramatischste Opernarie von Verdi switchen und dann in einen Song von Cole Porter, dazwischen reingestreut sind noch Textzitate aus Salome. Ich habe da nur konzeptionell gedacht und nicht kalkuliert, ob ich das stimmlich überhaupt bewältigen kann. Oder von ganz tief nach ganz hoch und umgekehrt. Verrückt. Technisch ist es das Anspruchsvollste, was ich je gemacht habe. Anstrengender als jede Opernpartie und jeder Liederabend, den ich gesungen habe. Normalerweise hat man in der Oper maximal zwei Oktaven, man singt in einem Stil – und aus. Hier geht es über knapp drei Oktaven. Dabei muss ich stilistisch rasch umschalten. Und für ein zwei Zentimeter kleines Instrument ist das extrem schwierig. Aber genau diese Herausforderung reizt mich. Freilich ist die ganze Sache auch extrem riskant: Ich muss körperlich und stimmlich topfit sein. Der Abend steht und fällt mit meiner Verfassung.

La femme c´est moi - Elisabeth Kulman

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Sie singen an diesem Abend Partien, die Sie nie auf der Opernbühne gesungen haben beziehungsweise nie singen werden, von der Marschallin aus dem Rosenkavalier bis zur Bariton-Partie des Escamillo aus Carmen, von der Brünnhilde aus dem Ring des Nibelungen bis zur Eboli. Ist das auch eine Erfüllung persönlicher Wünsche?
Ich habe mir die Rosinen aus den Opern rausgepickt. Der Marschallin-Monolog ist einfach die Essenz des Rosenkavaliers. Bei der Carmen singe ich eine Strophe mit aller Leidenschaft und Lust, wie man sich das eben vorstellt, und schließe mit einem skeptisch fragenden Gesichtsausdruck. Mein persönlicher Kommentar zum Carmen-Klischee.

Wie oft haben Sie Carmen auf der Bühne gesungen?
Oft genug. Meine erste Carmen war an der Volksoper, auf Deutsch. Dann habe ich Carmen in Berlin gesungen, eine Neuproduktion in Hamburg, natürlich x-fach bei Galakonzerten. Allerdings nie an der Wiener Staatsoper. Ich kann Ihnen sagen: Mit der Carmen ist es ein Gfrett. Weil das so eine Klischeerolle ist. Tscho Theissing wollte unbedingt, dass neben der Habanera noch ein anderes Stück der Carmen mit dabei ist. Dagegen sträubte sich was in mir. Irgendwann kam mir plötzlich die Idee mit Escamillo. Jawohl, zwei Fliegen mit einer Klappe, dachte ich: Carmen, aber als Mann. Carmen ist musikalisch super, aber die Figur selbst vermisst Tiefgang und bleibt an der Oberfläche. Fragen Sie andere Carmen-Sängerinnen: Die werden Ihnen alle das gleiche sagen. Erstens räumt immer die Micaela ab, wenn sie nur halbwegs schön singt. Zweitens hat jeder Zuschauer eine Meinung, wie die Carmen sein muss. Niemandem kann man es da recht machen. Das ist ziemlich frustrierend.

Ist Ihr neues Programm in dieser Hinsicht auch ein weiterer Schritt nach Ihrem öffentlich ausgetragenen Protest gegen Entwicklungen innerhalb der Opernszene?
Ich beobachte meine Kollegen. Und ich frage mich, wie sie mit dem zurechtkommen, mit dem ich nicht zurechtgekommen bin. Und ich sehe, dass viele gar nicht stört, was mich so gestört hat. Also lag es wohl an mir. Wenn meine Kollegen etwas an dem Metier stört, dann müssen sie sich selbst artikulieren und etwas ändern.

Aber Sie haben immerhin ein Bewusstsein für Probleme geschaffen.
Ich schaffe auch jetzt ein Bewusstsein, indem ich das mache, was ich mache. Auf Youtube haben wir einen Sängerkanal gegründet, der heißt „What’s Opera, Doc?“. Da lasse ich Kollegen zu Wort kommen und frage sie zum Beispiel: Stell dir vor, du bist Operndirektor. Was würdest du ändern? Ich möchte, dass die zu reden anfangen, die drin sind. Nicht jemand wie ich, der ausgestiegen ist.

Was würden Sie selbst ändern, wenn Sie Intendantin wären?
Ich bin raus aus dem Spiel. Mein Fokus liegt nicht auf der Oper. Ich bin nicht ausschließlich Opernsängerin. War ich nie. Ich hatte immer irgendwelche Nebenbeschäftigungen. Als ernsthafte Opernsängerin hätte ich mich eigentlich nur auf meine Stimme konzentrieren müssen, damit ich am Abend funktioniere. Aber ich hatte immer Tausendmillionen anderer Gedanken. Erst jetzt wird mir klar, dass ich da eigentlich von Anfang an überhaupt nicht reingepasst habe. Es ist so absurd, dass man bei etwas landet, wo man gar nicht hingehört. Andererseits profitiere ich jetzt davon. Ich habe eine ausgebildete Stimme. Ich habe ein unglaubliches Repertoire. Das befähigt mich nun, La femme c'est moi zu machen. Es war also im Endeffekt gut für mich.

Was hat Sie denn so sehr gestört am Opernbetrieb?
Ich tue mir grundsätzlich schwer, wenn über mich bestimmt wird. Als Opernsänger wird einem ständig gesagt, was man zu tun hat. Das war für mich das größte Problem. Dass der Fokus überhaupt nicht auf dem Musikalischen liegt, hat mich auch sehr geschmerzt. Wenn ich musikalisch genau weiß, was ich will, wie ich die Rolle gestalten will, dann ist die Szenerie in meinen Augen ein Nebenprodukt. Aber es ist leider genau verkehrtrum. Jetzt zum Beispiel bei La femme c'est moi: Ich brauche da kein Bühnenbild, ich brauche keine Requisite, es geht nur um die verschiedenen Seelenzustände. Darauf müsste man auch in der Oper den Fokus legen: Alles steht in den Noten, alles kommt aus den Noten. Unsere Komponisten waren Genies. Wir Musiker wissen das, ein Regisseur selten. Ein guter Regisseur geht auf die Persönlichkeit des Sängers ein und baut auf seinen Erfahrungen auf. Im Idealfall ist es ein gegenseitiges Aufeinander-Eingehen und Befruchten aller Beteiligten. Aber das passiert kaum. Meist werden einseitig große Konzepte entworfen, die werden über die Sänger gestülpt, die noch dazu sehr stark verkleidet werden – da bleibt überhaupt nix mehr übrig von der Persönlichkeit.

Kennen denn überhaupt alle ihre eigene Persönlichkeit?
Nein, viele Opernsänger kennen sie gar nicht. Das ist ein Grundproblem. Sänger werden heute dazu trainiert zu funktionieren. Und dadurch, dass es so viele gibt, ist auch die Konkurrenz riesig. Man muss, um einen Job zu bekommen, das tun, was angeschafft wird. Das wiederum steht genau diametral zu dem, was eigentlich eine Künstlerpersönlichkeit ausmacht, die eigenen Charakter hat, selbstständig denkt und vielleicht sogar eine eigenwillige Stimme besitzt. Früher gab es viel markantere Stimmen, weil sie technische Unebenmäßigkeiten haben durften – diese Sänger hat man sofort wiedererkannt. Heute wird versucht, alle technischen Fehler zu beheben.

Wenn Sie Opernregisseure kritisieren – gibt es da nicht auch Ausnahmen?
Das Berufsbild eines Regisseurs ist meiner Ansicht nach völlig falsch. Ich finde, das Um und Auf einer guten Inszenierung wäre eben eine ganz stark gedachte Personenregie. Das Drumherum, das Optische, soll unterstützen, aber nicht eine tolle Verpackung sein für nix dahinter. Das Publikum geht in die Oper, weil es die einzigartige Persönlichkeit der Anna Netrebko erleben will. Oper lebt durch die Sänger und von den Sängern, aber die werden immer achtloser behandelt. Umgekehrt gibt es unglaublich große Egos bei den Regisseuren, bei den Intendanten – das ist eine enorme Diskrepanz.

Sie haben sich nicht nur von szenischen Opern zurückgezogen, sondern versuchen auch in anderen Bereichen einiges an sich zu ändern. Sie haben viele Dinge verschenkt, weil Sie erkannt haben: Besitz ist nicht das Wesentliche. Wie darf man sich Ihr persönliches Leben heute vorstellen?
Das gehört natürlich alles zusammen. Aber um das auch nur annähernd nachvollziehen zu können, muss man drei Jahre zurückgehen. Damals habe ich eine Auszeit genommen. Ich war fix und fertig, kurz vor einem Burn-Out.

Sie sprechen von der Zeit, als Sie sich mit Ihrer Initiative „Art But Fair“ bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2013 gegen den Opernbetrieb und auch gegen den damaligen Intendant Alexander Pereira exponiert haben?
Von der Zeit danach. 2013 bin ich durch „Art But Fair“ viel in der Öffentlichkeit gestanden, habe viel kritisiert und geglaubt, ich muss alles reformieren, die ganze Opernwelt retten. Und das geht jetzt alles bitte zack-zack – und dann ist das Problem gelöst. So war es nicht. Leider ist es auf meine Ressourcen gegangen. Ich war streichfähig und so ausgepowert, dass ich große Probleme bekommen habe. Die Stimme hat zwar noch funktioniert, aber das war auch das Einzige. Da habe ich Stopp gesagt und den Sommer 2014 als Auszeit genommen. Ich war so unten und habe über alles nachgedacht. Noch nie davor war ich an einem solchen Punkt. Man stellt da ganz grundsätzlich auch sich selbst infrage. Alles, was man tut. Was man singt. Was man denkt. Was man isst. Wie viel man sich bewegt. Einfach alles. Das hat einen Prozess in Gang gesetzt, der in zwei Monaten, die ich mir ursprünglich genommen hatte, nicht beendet war.

In dieser Zeit haben Sie Ihre Teilnahme an der Neuproduktion von Mussorgskis Chowanschtschina an der Wiener Staatsoper abgesagt und sind nach Thailand geflogen.
Ja, ich bin in die erste Probe gegangen und habe gewusst: Ich halte das nicht sechs Wochen aus. Danach werde ich seelisch ausgelaugt und körperlich kaputt sein. Ich kann mich nicht so verstellen, nicht so kleinmachen, mich selbst nicht so vergessen, dass ich das durchstehe. Es hätte meine Errungenschaften der Auszeit, meine Bemühungen, mir ein neues Leben aufzubauen, wieder zunichtegemacht. In der Zeit, die ich durch die Absage gewonnen habe, bin ich spontan nach Thailand geflogen, trampen, mit einem Rucksack, ganz wenig Zeugs. Da habe ich mir den Luxus genommen, diese Fragen genau zu beleuchten. Ich habe nicht aufgehört nachzudenken. Danach bin ich zurückgekommen und wieder in den Beruf eingestiegen. Da war für mich klar: Das wird jetzt alles noch genauer geprüft. Ich bin auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper in München gegangen, habe die Fricka gesungen und mich ständig gefragt: Macht mir das eigentlich Freude? Ist es das, was ich will? Irgendwann kommt man zum Schluss: Nein, das ist nicht das, was zu mir passt. Ich muss mir das suchen, was zu mir passt. Was mir gut tut. Was mich froh macht. Was mich glücklich macht. Wenn man einmal angefangen hat, sich Dinge bewusst zu machen, geht man nicht mehr zurück. Man wird immer bewusster, klarer, auch sensibler. Über soziale Medien lasse ich Menschen an meinen Überlegungen teilhaben, weil es vielleicht für manche eine Inspiration ist. Man muss nicht in einem Sumpf leben, man kann auch selber raussteigen aus dem Gatsch.

Sie reisen sehr viel und versuchen im Moment zu leben. Aber wo wohnen Sie zur Zeit?
Momentan lebe ich als Nomadin und wohne entweder dort, wo ich gerade zu singen habe, oder in warmen Klimazonen. In Wien habe ich zwei Wohnungen, die ich vermiete. Je nachdem, welche gerade frei ist, dort wohne ich. Ich habe ein Lager gemietet, wo meine restlichen Besitztümer sind. Meine Abendkleider, meine Noten. Nicht viel mehr. Von dort hole ich mir ab, was ich gerade brauche. Ansonsten habe ich das Wesentliche in einem Koffer und reise. Ich liebe die Sonne und die Wärme. Im Winter fühle ich mich in Mitteleuropa wegen der Kälte nicht so wohl. Dann fliege ich in die Sonne. Zuletzt war ich in Sri Lanka, dann in Ägypten, das tut mir einfach gut.

Spielt Musik für Sie dort eine Rolle?
Ich übe dort und lasse die Menschen auch teilhaben. Als ich in Sri Lanka in meinem Zimmer gesungen habe, haben die Leute gedacht, das Radio ist an. Für sie ist das exotisch. Auf meinen Reisen treffe ich sehr interessante Menschen und kriege neuen Input. Ich realisiere dort auch, wie sehr wir hier in einer Opernblase leben, in einer Klassikblase. Für 99,9 Prozent der Bevölkerung anderswo ist es völlig wurscht, was wir machen. Ob ich einen Ton verhaue oder nicht – das ist völlig unerheblich. Dieser Perfektionismuswahn, den wir in unserer klassischen Welt haben, dieser Zwang, dass jeder Ton sitzen und alles nach CD klingen muss – das ist so krank.

Sind Sie auf diesen Reisen alleine unterwegs?
Ja, und ich liebe es. Zuletzt bin ich nach Ägypten gereist, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen für La femme cʼest moi. Ich gehe alles bei meinen Spaziergängen am einsamen Strand durch. Dort kann ich mich, wenn ich in meinen Rollen bin, aufführen wie ein Psychopath (lacht). Dort bin ich völlig ungestört. Und dort kommen die Ideen. Das ist toll.

Sie haben in Ihrer Karriere schon mehrfach neue Wege eingeschlagen. Ist das jetzt einer, von dem Sie annehmen, dass Sie ihn eine Zeitlang so weitergehen? Oder kann es sein, dass Sie in zwei Jahren sagen: Ich singe jetzt wieder Oper?
Nein, das sicher nicht. Das ist wie eine Liebe, die man verlassen hat. Es war eine schöne Zeit, ich schätze das alles und habe ganz viel davon mitgenommen. Aber der Weg geht voran. Er geht weiter zu mir selbst, zu noch mehr Authentizität. Denn nur wenn ich ich selbst bin, bin ich auch für die anderen nützlich und erfreulich. Nur so hat das Leben echten Sinn.

Sie singen im Moment Ihr Programm La femme c’est moi, Sie singen konzertant Opern, sie singen Konzerte. Wo ist die Grenze? Alles außer szenische Oper?
Derzeit singe ich hauptsächlich Konzerte, ein paar Liederabende, ab und zu konzertante Oper. Gerne würde ich mit La femme cʼest moi auf Tournee gehen (wir sind bei den Münchner Opernfestspielen 2018 zu Gast). So wie es ein Pop- oder Chanson-Sänger macht. In der U-Musik ist es ganz normal, dass der Künstler sein eigenes Programm hat, dass er sich selbst ausdrückt, dass er kreativ ist. In der Klassik sind wir nur Nachschaffende, weil der eigentliche Schöpfungsprozess ja bereits abgeschlossen ist. Ich bin aber ein hochkreativer Mensch, der sein Potenzial jetzt erst auszuschöpfen beginnt.

Sie haben zuletzt in einem Interview gesagt, Sie sind eigentlich auf der Suche nach Sprache. Da sind wir im philosophischen Bereich angekommen, zum Beispiel bei Ludwig Wittgenstein.
Das ist für mich ein ganz großes Thema. Komponisten haben ihre Sprache gefunden, Schriftsteller haben ihren Personalstil. Ich stehe in einem Konflikt und denke oft: Wie könnte ich etwas ausdrücken, wofür ich keine Worte habe? Und dann kommt der Gedanke: Ich habe eh meine Stimme und kann damit etwas sagen, wofür Worte nicht reichen würden. Aber es ist halt nicht meine eigene Musik, die ich singe. La femme cʼest moi jetzt ist vielleicht eine Art Zwischenschritt oder ein vorläufiges Endergebnis. Meine Art Sprache, mein Bemühen um persönlichen Ausdruck. Es gibt Themen, über die ich gerne sprechen würde, wofür mir aber die Worte fehlen. Es ist auch ganz schwierig, begreiflich zu machen, was ich in den letzten drei Jahren erfahren habe. Ich habe keine Worte dafür. Ich kann Ihnen das nicht wirklich verständlich machen. Eigentlich würde ich das gerne, aber ich kann es nicht.

Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus endet mit dem Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“…
Das tu ich im Moment auch. 

In der Oper gibt es diese Frage ebenso: „Prima la musica?“ Oder doch „prima le parole“?
Genau darum geht es. Ich bin eigentlich stimmlich in der besten Zeit meiner Karriere. Ich habe alle Möglichkeiten, bin im idealen Alter. Ich habe ein Instrument, das so gut funktioniert, dass es mich selbst erstaunt. Und weil ich mich innerlich befreit habe, spürt man das auch an meiner Stimme. Ich kann eigentlich alles singen, was ich will, und bewältige technisch alles mühelos. Aber im Hinterkopf ist immer die Suche nach dem Wort, nach der Sprache. Es ist eine schwere Geburt.

Welche Musik hören Sie privat?
Ich höre gerne Jazz. Und ich höre gerne jungen Leuten zu, die ihre eigene Musik machen. In Wien etwa gibt es einen tollen Kreativpool. Zum Beispiel der junge Cellist Matthias Bartolomey, um nur einen zu nennen: Der spielt im Concentus musicus, macht aber auch seine ganz eigene Musik. Ich schätze solche hochausgebildeten Musiker, die eine klassische Basis haben und dann neue Wege gehen. Ich mag hohes Niveau und möchte intellektuell und emotional bewegt werden. Das betrifft Musik, Texte, Witze, Filme. Aber daheim CDs aufzulegen? Das mache ich nur sehr selten. Ich habe ja selbst so viel Abenteuer im Kopf.

Dieses Interview wurde von Gert Korentschnig für die Tageszeitung KURIER geführt.

Kommentare

  • Am 13.08.2018 um 08:29 Uhr schrieb alenna aliosn

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