La Bayadère - Wie der Orient nach München kommt

10.10.2016

Die Wiederaufnahme von La Bayadère bietet vieles: Liebe, Verrat, Prunk, aber vor allem Exotik. Und das verdankt das Ballett in der Choreographie von Marius Petipa und Patrice Bart seinem mythischen Schauplatz: einem imaginierten Indien, das hier und da dem Orient fatal ähnelt. Paradoxerweise kann wohl niemand die genauen Grenzen dieses Fleckchens Erde ziehen, das in dem historischen Handlungsballett zitiert wird, aber jeder hat konkrete Vorstellungen von diesem wahrlich „traumhaften“ Ort.

Der Orient / mein Orient: Das ist Hitze auf der Haut – ab und zu wird es kühl unter einer Palme am Wegrand –, das ist der Geschmack süßer Datteln im Mund und der Geruch exotischer Gewürze in der Nase. Und Indien? Man denkt an Farben wie Orange, Lila, Gold und an Elefanten, Schlangen und Tiger. Alles scheint neu und erfrischend anders. Vielleicht auch ein wenig gefährlich? Schließlich hält sich in der Fantasie der Orient hinter einem Schleier versteckt und verweigert sich oftmals einer genauen Definition. Man wird jedoch feststellen, dass das Bild vom fernen Osten – von Juwelen, Schlangenbeschwörern und verschleierten Schönheiten – gerade deswegen reizvoll ist, weil es schemenhaft bleiben darf; weil dieses im 19. Jahrhundert vor allem in den Köpfen der westlichen Welt entstanden ist und dadurch eine romantische Vorstellung bleibt, die mit den tatsächlichen historischen, kulturellen oder geographischen Gegebenheiten oftmals wenig zu tun hat. Edward Said, ehemals Professor für vergleichende Literaturwissenschaften in Harvard und Yale, führte hierfür 1978 den Begriff „Orientalismus“ ein.

La Bayadère, gerne auch „Giselle des Orients“ genannt, verspricht eine Geschichte in eben diesem exotischen Kontext; sofort stapeln sich in unseren Köpfen die Bilder von goldenen Palästen, fremden Pflanzen und wilden Tieren. Wie aber gelingt es nun dem Bayerischen Staatsballett, diese magische Ferne nach München zu bringen? Ein Blick in die verschiedenen Abteilungen verrät es: In Kostümfundus, Schneiderei und Maske wird das Auge bereits verwöhnt mit allem, was die Farbpalette zu bieten hat: Vom kräftigen Rot und fantastischen Mischungen aus Gold und Kupfer über zarte Blau- und Rosa-Töne. Jedes Stück hier ist ein indischer Traum, übersäht mit Perlen, Federn und funkelnden Schmucksteinen. Zwei imposante Turbane in Rot und Blau durchbrechen die Reihen der prachtvollen Kopfbedeckungen, die nebeneinander auf Styroporköpfen aufgereiht sind. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Requisite hüten kostbare Schätze: Es finden sich Trommeln, ein Blumenkorb gefüllt mit rosa Lotusblüten und eine alte Wasserpfeife, dessen Schlauch aufwendig verziert ist. Eine reich gefüllte Obstschale mit Mangos, Granatäpfeln und Sternfrüchten ruht hier und zwischen den fremdländischen Früchten ein schmaler Dolch mit einem geschwungenen Griff aus Gold. Grün gefiederte Papageien sitzen auf Stangen, an dessen Enden rote Kordeln geknüpft sind. Es sind fantastische Gegenstände, die sich nahtlos in die historischen, aber auch in unsere Projektionen von einem fernöstlichen oder auch südostasiatischen Märchen mit - in diesem Fall durch das Ausstatterteam Mohri/Sakurai verbürgten - japanischen und indischen Zügen einfügen.

So befinden sich die rund 2000 Plätze schon bald nach Vorstellungsbeginn nicht mehr im Nationaltheater in München, sondern irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit in einer Welt voller Exotik und Andersartigkeit. Wenn der Vorhang sich hebt wird La Bayadère zu einer Fahrkarte. Das Ziel? Einfach eine andere, eine exotische, eine weit entfernte untergegangene Welt.


Alexandra Smolorz

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