Keine Angst vor Uraufführungen

Die aktuelle Woche steht ganz im Zeichen der Themenkonzerte. Wissenschaft und selten gespielte kammermusikalische Werke treffen an unterschiedlichen Orten aufeinander. Unter anderem werden im Rahmen dieser Woche auch zwei eigens für diese Reihe komponierte Werke uraufgeführt. Beide Stücke sind auf Anregung und zu Ideen von Musikern des Staatsorchesters entstanden.

Werke, die das erste Mal dem Publikum vorgestellt werden, können einerseits beängstigen, andererseits aber auch Neugierde wecken. Die Zuhörer wissen nicht, was auf sie zukommt, die Komponisten wissen nicht, wie das Publikum reagieren wird. Um zumindest Sie und uns selber etwas von dieser Unwissenheit zu nehmen, haben wir Konstantia Gourzi und Philipp Fabian Kölmel je drei Fragen zu ihren Werken gestellt:

Konstantia Gourzi
Konstantia Gourzi

Drei Fragen an Konstantia Gourzi zu ihrem Stück für Schlagzeug und Ensemble

Was würden Sie Leuten sagen, die Angst davor haben, dass sie das „moderne“ Stück nicht verstehen?

  • Sei neugierig, was ein heutiger Komponist „sagen“ möchte, denn man kann nicht nur mit der Klanginformation der Vergangenheit leben
  • Nimm die Gefühle – egal welche sie sind – während des Hörens wahr und akzeptiere sie, ohne sie zu bewerten
  • Vergleiche das moderne Stück nicht mit der klassischen Musik.

Was ist der zentrale Moment des Stückes?

Das Stück besteht aus sieben Miniaturen, die miteinander klanglich verbunden sind: In einem Klangprozess „erzählt“ jede Miniatur von dem jeweiligen Titel, der mit dem Thema Wunde | Wunder verbunden ist. Aus diesem Grund ist das vorletzte Stück mit dem Titel „die Transformation“ ein zentraler Moment; diese Satz-Miniatur ist wie alle Sätze auch ein Programm für die Umwandlung des Klanges in einen Gesamtprozess von Anfang bis zum Ende. Der folgende und letzte Satz hat den Titel „die Seele der Rose“ (inspiriert von dem gleichnamigen Bild von Waterhouse) als „Erlösung“ und klangliches Ziel.  

Was ist das Besondere an der Instrumentation?

Ich finde, dass verschiedene Klangaspekte besonders sind: der Solist mit einigen unüblichen Instrumenten wie z. B. Darbuka, originale Kuhglocke, Waterphone usw. Das Streichquintett, die Harfe und die Bassposaune bilden eine klangdramaturgische Spannung mit dem Schlagzeug – jeder für sich, aber gleichzeitig auch gemeinsam. Diese Klangkombination scheint mir besonders, ungewöhnlich und herausfordernd für die gesamte Klangdynamik.

 4. Themenkonzert
Sonntag, 4. März 2018 19.00 Uhr Karten
Allerheiligen Hofkirche

Philipp Fabian Kölmel
Philipp Fabian Kölmel

Drei Fragen an Philipp Fabian Kölmel zu seinem Stück Borderline:

Wundheilung, Psychiatrie und Musik. Wo sehen Sie hier die Zusammenhänge?

Umgangssprachlich spricht man auch bei seelischen Traumata von Wunden bzw. Narben. Daraus folgere ich, dass sich im besten Fall auch bei psychischen Wunden eine Wundheilung wie beim physischen Körpergewebe erhoffen lässt. Allerdings gibt es in der Psychiatrie keinen biologischen Wundheilungsprozess. Im Falle der Borderline-Störung, die ich musikalisch darstellen möchte, wird es komplex, da der Patient die naturgegebene Wundheilung kaum mehr zulässt, wenn er sich selbst Verletzungen zufügt. Musik schreibt man ja heilende Wirkung nach. Sie kann aber auch zermürbend, deprimierend sein, mitunter als psychotisierende Waffe eingesetzt werden. Ich verstehe Borderline nicht nur als psychiatrische Krankheit im Sinne einer Persönlichkeitsstörung, sondern Borderline als eine Situation, der wir immer wieder ausgesetzt sind. Gesundheit auf der glücklichen, unbeschwerten Seite und plötzlich krank und darnieder liegend und deprimiert und hoffnungslos. Das ist aber dann keine psychiatrische Krankheit, also Borderline in einem weit umfangreicheren Sinn. Somit ist die Komposition bzw. Borderline auch eine „Gratwanderung“, die Gefahr nach einer Seite abzukippen, entweder kreativ und kommunikativ oder zerstörerisch, gegen sich und gegen die Umwelt.

Warum haben Sie sich für gerade diese Instrumentation entschieden?

Streichinstrumente und Schlagzeug ermöglichen den schärfsten Kontrast zwischen harmonischer Verschmelzung und archaisch-triebhafter Rohheit. Sie passen eigentlich nicht zusammen, zum Beispiel ist Schlagzeug naturgemäß meist viel lauter. Das war aber der Reiz an der Sache, beide Instrumentengruppen zu verschmelzen und dadurch starke Gefühlsschwankungen darzustellen. Auf der anderen Seite stand das Streichquartett, das einen Großteil der Musik des Konzerts alleine bestreitet, schon zur Verfügung. Ich habe den Ambitus (Tonumfang) durch Kontrabass vergrößert und ein großes Schlagzeug-Setup konfiguriert. Beides Instrumente, die in meiner Biographie eine wichtige Rolle gespielt haben.

Wie würden Sie einer gehörlosen Person Ihr Stück „Borderline“ beschreiben?

Die Komposition durchläuft starke, teils abrupte Gefühlsschwankungen, fängt sich periodisch in subtil versöhnlichen Klängen, um dann wieder wild auszubrechen. Die Gefühlslage ist also sehr sprunghaft und unkonform, auch manchmal unangenehm. Im Gegensatz dazu ist das Metrum fast durchgehend sehr gerade, mehr wie ein Uhrwerk, die Musik also irgendwie doch kontrolliert. Der Reiz beim Schlagwerk liegt für den Zuschauer darin, dass man – viel stärker als bei Streichinstrumenten – die Entstehung des Klangs visuell nachverfolgen, gleichsam mit dem Auge fühlen kann.

 3. Themenkonzert
Samstag, 3. März 2018 19.00 Uhr ausverkauft
Deutsches Museum

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