Joyce DiDonato singt falsch – und zwar mit Absicht

14.11.2016

Joyce DiDonato gehört aktuell zu den angesehensten Sängerinnen der Welt. Zuletzt war sie beispielsweise die Charlotte in Jules Massenets Werther am Royal Opera House und regelmäßig stellt sie ihr Gesangstalent auch an anderen bedeutenden Opernhäusern auf der Welt unter Beweis. An der Bayerischen Staatsoper übernimmt sie im Februar 2017 die Partie der Semiramide in der gleichnamigen Oper von Gioacchino Rossini. Für ihren neuesten Film musste sie ihre Sangeskünste allerdings bewusst hinter sich lassen. Die Florence Foster Jenkins Story ist ein schillerndes Kino-Dokumentarspiel über die tragisch-komische Figur der Florence Foster Jenkins, die im New York der 1920er Jahre als schlechteste Sängerin der Welt zum Star avanciert. Joyce DiDonato verkörpert diese Sängerin nun im neuesten Film von Regisseur Ralf Pfleger und singt falsch – mit Absicht. 

Joyce DiDonato als Florence Foster Jenkins c) Edition Salzgeber

Ralf Pfleger erzählt mit Die Florence Foster Jenkins Story die Geschichte einer wohlhabenden New Yorkerin, die durch ihre Leidenschaft für das Singen tief überzeugt ist von ihrem musikalischen Talent, dem Wohlklang ihrer Stimme und von ihrer exzentrischen künstlerischen Selbstinszenierung. Dass ihre eigene Wahrnehmung nicht der Wirklichkeit entspricht und sie sich mit ihren skurrilen Darbietungen lächerlich macht, begreift sie lange Zeit nicht. So werden ihre missglückten Auftritte zu einem regelrechten Kult. Im Oktober 1944 erreicht ihre Karriere den tragischen Höhepunkt: Sie bringt in der restlos ausverkauften New Yorker Carnegie-Hall das Publikum zum Toben – doch die Kritiken am nächsten Tag sind vernichtend. Fünf Wochen später stirbt sie im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes.

Ein Bild der echten Florence Foster Jenkins c) Edition Salzgeber

„Es war tatsächlich eine enorme Herausforderung“ sagt Joyce DiDonato über die Vorbereitung auf ihre Rolle als Florence Foster Jenkins. „Ich musste gegen all meine natürlichen Instinkte und antrainierten Reflexe als Sängerin ankämpfen.“ Schließlich gelang ihr dies und sie erfuhr dadurch eine große Befreiung: „Ich konnte das Ideal der Perfektion, das in der klassischen Musik so unnachgiebig gefordert wird, fallenlassen und den reinen Ausdruck aus mir herausströmen lassen.“ Welche Erfahrungen sie sonst durch ihre ungewöhnliche Rolle machte, erzählte sie uns im Interview:

In dem Film Die Florence Foster Jenkins Story spielen und singen Sie die Rolle der selbsternannten Operndiva, die nicht singen konnte, aber im New York der 1920er Jahre die Menschen in ihren Bann gezogen hat. Was interessiert uns gerade so sehr an ihrer Geschichte? Und was interessiert Sie persönlich?

Joyce DiDonato: Der ausschlaggebende Grund, warum ich dem Projekt zugesagt habe, war die Herangehensweise des Regisseurs Ralf Pfleger, der nicht daran interessiert war, sie zu imitieren oder sich über sie lustig zu machen. Gemeinsam wollten wir dem nachgehen, was sie wohl gedacht, gehört und gesehen haben mag. Florence Foster Jenkins hat sich vorgestellt, eine Primadonna und eine Fashion-Ikone zu sein. In der Realität war sie all dies nicht – in ihrer Realität sehr wohl. Ich glaube, wir alle leben zu mehr oder weniger großen Teilen in der Vorstellung von einer Realität, die unsere eigene ist.

Der Film versucht durch fiktive, fantasievoll gestaltete Sequenzen einen Eindruck davon zu vermitteln, wie diese individuelle Realität ausgesehen haben könnte. Kriegen wir als Zuschauende dadurch ein anderes Bild von ihr?

JD: Die Idee für diese Sequenzen war, in ihren Kopf einzusteigen. Meine Beziehung zu Florence Foster Jenkins hat sich dadurch deutlich verändert. Ich glaube, durch den Film sehen wir sie zum ersten Mal nicht nur als Karikatur, und wir hören sie auch dementsprechend mit anderen Ohren.

Wie haben Sie sich in den Charakter eingefühlt? Hat die Figur Sie während der Vorbereitungen und Dreharbeiten dabei stark beschäftigt?

JD: Ich habe viel Zeit damit verbracht, ihre Aufnahmen zu hören. Aber so richtig bin ich erst mit den Kostümanproben in die Figur eingestiegen, und vor allem als ich anfing, einen Rhythmus und Stil des Sprechens für sie zu entwickeln. Und ab einem bestimmten Punkt ist etwas sehr Merkwürdiges passiert: Es fühlte sich an, als sei sie anwesend.

Als Schatten der Vergangenheit?

JD: Haha, ja. Aber einer, der es gut meint. Immer wieder sind Dinge schief gelaufen, die sich plötzlich zum Guten gewandt haben. Es gab einen Moment, wo wir wirklich verzweifelt waren, weil uns sehr kurzfristig die Rechte für einen Song entzogen wurden, für den Florence den Text geschrieben hat, und den wir im Film verwenden wollten. Ich saß gerade im Flieger nach Dresden und plötzlich schaue ich auf den Text, sehe ihre Wörter und mir kommt diese Melodie. Sowas ist mir vorher noch nie passiert – nie hatte ich das Bedürfnis, auch nur irgendetwas zu komponieren. Und jetzt gibt es diesen Song mit einem Text von Florence Foster Jenkins und der Musik von mir.

Seit dem 10. November 2016 wird das Dokumentarspiel in ausgewählten Kinos gezeigt. Hier seht Ihr den Trailer:

Simone Westermaier

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