Jedes Ding hat seine Zeit. Und für Neues ist es nie zu spät!

Film

Mein ganzes Sängerleben bin ich in die unterschiedlichsten Rollen geschlüpft. Das Spielen ist für mich existentiell – im Laufe der Jahre hat es sich aber natürlich auch sehr verändert. Statt der Töchter spiele ich heute die Mütter. Ich bin nicht mehr die lauernde Salome sondern die Herodias. Statt der wilden Elektra spiele ich die Klytämnestra. „Jedes Ding hat seine Zeit“, sagt die Feldmarschallin im Rosenkavalier. Und recht hat sie.

Wichtiger als die Frage, ob man eine alte oder junge Figur spielt, ist ohnehin, wie natürlich und glaubhaft man sie verkörpert. Man muss die dargestellte Person sein – und so wurde ich schließlich für den Film Quartett zur launischen, alternden Operndiva. Im Grunde eine Rolle, die so gar nicht meinem Temperament entspricht. Aber was wären wir ohne Herausforderungen?

Die Überraschung war groß, als die Anfrage von Dustin Hoffman kam. Eines Morgens weckte mich mein Mann mit einem Kuss auf. „Guten Morgen, mein Filmstar!“, sagte er, und ich musste lachen. Doch er blieb dabei: „Nein, wirklich. Du bist jetzt ein Filmstar!“ Und tatsächlich: Er hatte bereits am frühen Morgen meine E-Mails gecheckt, und dort war eine Anfrage der Produktionsfirma von Quartett. Dustin Hoffman wollte seinen ersten Film als Regisseur mit mir als Darstellerin machen! Ich war sofort begeistert, und dennoch etwas nervös – schließlich sollte das mein Spielfilmdebüt werden.

Und so spiele ich also in Quartett die ehemalige Opernsängerin Ann Langley, die größte Konkurrentin der Hauptfigur Jean Horton, ebenfalls in früheren Jahren eine gefeierte Sopranistin. Gemeinsam leben sie in Beecham House, einer Seniorenresidenz für alternde Sänger und Instrumentalisten. Meistens dreht sich hier alles um das, was sie alle verbindet: die Liebe zur Musik und der vergangene Glanz vieler unterschiedlicher Künstlerleben. Den jährlichen Höhepunkt in Beecham House stellt ein großes Galakonzert dar, bei dem Jean Horton gemeinsam mit drei Sängerkollegen das Quartett „Bella figlia dell’amore“ aus Verdis Rigoletto singen soll – doch sie zögert. Noch einmal die Gilda singen, in ihrem Alter? Erst als sie erfährt, dass Ann Langley mit Puccinis „Vissi d’arte“ ihren großen Auftritt haben soll, denkt sie langsam um…

In Quartett bin ich die ewig launische Primadonna, immer noch gefangen im Konkurrenzdenken alter Tage. Das wandelnde Klischee einer eitlen Diva also, für das ich einiges an schauspielerischer Leistung aufbieten musste. Auf keinen Fall nämlich wollte ich als ich selbst wahrgenommen werden. „Du musst böser schauen“, sagte Dustin Hoffman bei den Dreharbeiten immer wieder, „noch giftiger!“ Die Arbeit mit ihm war sehr intensiv und inspirierend. Es war eine Wonne, mit ihm zusammen zu arbeiten.

Immens geholfen hat mir beim Spielen eine rote Perücke. Ich selbst trage mein Haar (vielleicht als einzige Sängerin meiner Generation) schon immer in seiner naturgegebenen Färbung – und so hoffe ich, dass jede Verwechslung zwischen der Filmfigur Ann Langley und mir ausgeschlossen ist.

Viel Spaß gemacht haben die Dreharbeiten. Zwar liegen lange und mitunter auch sehr anstrengende Drehtage hinter uns, doch die enge Zusammenarbeit mit so vielen Kollegen hat großen Spaß gemacht. Der Großteil der Heimbewohner wird nämlich tatsächlich von ehemaligen Musikern dargestellt. Eine Sängerin, die bei der gleichen Lehrerin wie ich studiert hatte, erkannte mich wegen meiner Perücke nicht wieder. Als wir uns dann gegenseitig vorstellten, war das Wiedererkennen umso schöner!

Das Spiel vor der Kamera ist natürlich ein völlig anderes als im Opernhaus. Wenn ich als Leonore Texte spreche, müssen sie auch noch im obersten Rang deutlich zu verstehen sein. Ich muss meine Stimme viel stärker projizieren als bei intimen Filmaufnahmen, bei denen ich viel leiser und schneller sprechen kann. Und dennoch: Glaubwürdig in seiner Rolle aufzugehen bleibt doch immer das Wichtigste.

Nach meinem späten Spielfilmdebüt bin ich natürlich gespannt, was als nächstes um die Ecke kommt. Wer weiß, vielleicht werde ich ja noch die neue Miss Marple? Was auch immer ansteht: Für Neues ist es nie zu spät. Ich bin bereit, mit Freude und offenem Herzen!

QUARTETT
UK 2012
Regie Dustin Hoffman
Drehbuch Ronald Harwood
Ab 24. Januar 2013 im Kino

Kommentare

Neuer Kommentar