Ivy Amista verabschiedet sich nach 19 Jahren als Tänzerin vom Münchner Publikum

 

Ob jugendlich-verspielte Prinzessin Aurora in Dornröschen, temperamentvolle Kitri in Don Quijote oder tragisch-liebende Julia in Shakespeares Liebesdrama: Ivy Amista verlieh mehr als 50 Bühnenfiguren Ausdruck, Charakter und Charisma. Seit 2001 stand die gebürtige Brasilianerin und mittlerweile überzeugte Wahlmünchnerin rund 300 Mal mit dem Bayerischen Staatsballett auf der Bühne. Nach 19 erfolgreichen und künstlerisch erfüllenden Jahren beendet die Erste Solistin nun ihre aktive Karriere.

Ivy Amista als Julia in ROMEO UND JULIA.
In LA FILLE MAL GARDEE.

Dass es die richtige Entscheidung war, zeigte sich rasch. Nach drei Jahren in München erfolgte die Ernennung zur Halbsolistin, 2007 dann die Beförderung zur Solistin. Mit der Spielzeit 2014/15 schließlich erfüllte sich ihr lang gehegter Traum: Der damalige Ballettdirektor Ivan Liška ernannte sie zum Principal Dancer des Bayerischen Staatsballetts. Zahlreiche (Haupt-)Rollen in mehr als 30 verschiedenen Produktionen verkörperte sie in ihren insgesamt 19 Jahren mit dem Münchner Ensemble. Allein 16 Mal tanzte sie die Gamzatti in La Bayadère, 13 Mal starb sie als Julia an der Seite von Tigran Mikayelyan und Lukáš Slavický einen tragischen Liebestod. Besonders in Erinnerung bleiben wird ihre Tatjana in John Crankos Onegin, die sie am Ende ihrer Tänzerlaufbahn 2018 an der Seite von Vladimir Shklyarov darstellen durfte. „Das war für mich der Augenblick, an dem ich mir gesagt habe, ich habe es geschafft. Die letzte Szene, in der Tatjana Onegins Brief zerreißt und ihm vor die Füße knallt, geht emotional einfach unter die Haut. Vor allem am Ende meiner Karriere habe ich die dramatischen Rollen geliebt. Je erfahrener man wird, desto mehr möchte man darstellerisch erzählen,“ resümiert Amista. Auch die Phrygia in Yuri Grigorovichs Spartacus gehört zu den Partien, die in Erinnerung bleiben werden. An der Seite von Osiel Gouneo tanzte sie die weibliche Hauptrolle in der Premiere im Dezember 2016. Es ist die erste Premiere unter dem neuen Ballettdirektor Igor Zelensky und der Abend wird für das Ensemble und auch für sie persönlich zu einem großen Triumph.

Ivy Amista als Phrygia in Yuri Grigorovichs SPARTACUS.
Gemeinsam mit Osiel Gouneo bei der Premiere von SPARTACUS im Dezember 2016.

Zu ihren größten künstlerischen Erfolgen zählt sie selbst neben der Darstellung der Tatjana in Onegin aber auch die Erfahrung, die sie 2016 in dem Tanztheaterstück Für die Kinder von gestern, heute und morgen von Pina Bausch machen durfte. „Nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas tanzen und darstellen könnte,“ erinnert sie sich. „Ich bin daran sehr gewachsen.“ Das umfangreiche Münchner Repertoire war auch der Grund, warum sie nie die Compagnie gewechselt hat, auch wenn dies aus rein künstlerischer Sicht interessant gewesen wäre. München jedoch bot immer viele Optionen. „Das Repertoire ist, verglichen mit anderen Häusern, sehr vielseitig, da kann man sich auch innerhalb derselben Compagnie sehr gut weiterentwickeln,“ so die Erste Solistin und künftige Ballettmeisterin.

Ivy Amista in FÜR DIE KINDER VON GESTERN, HEUTE UND MORGEN von Pina Bausch.
Und als Tatjana in ONEGIN.

Denn auch nach Beendigung ihrer aktiven Tänzerin-Laufbahn wird sich Ivy Amista beim Bayerischen Staatsballett weiterentwickeln. Zwar fiel die geplante Abschiedsvorstellung aufgrund der Corona-Pandemie ins Wasser, als Ballettmeisterin wird sie in München aber zukünftig ihr Wissen an die junge Generation weitergeben. Außerdem plant sie ein Pädagogikstudium in Deutschland. Dass Ballettlehrer heute viel stärker pädagogisch geschult sein und insgesamt breiter aufgestellt sein müssen, ist für die Brasilianerin nicht nur eine offensichtliche Tatsache, sondern eine Herzensangelegenheit. „Man darf nie auslernen. Früher hat der Schüler einfach gemacht, was ihm der Lehrer gesagt hat. Heute geht das nicht mehr. Man muss erkennen, wie man mit welchem Körper und Temperament arbeiten kann. Man braucht eine gute Portion Menschenkenntnis und psychologisches Geschick“, erläutert sie ihr Verständnis vom neuen Beruf. 

Ivy Amista in PORTRAIT WAYNE MCGREGOR.
Ivy Amista in IN THE NIGHT.

Dass man nie auslernt, hat sie auch die Geburt ihres Kindes gelehrt. Seit eineinhalb Jahres ist Ivy Amista Mutter des kleinen Matheus. Mama-Sein sei eine große Verantwortung, aber auch sehr bereichernd. „Man lernt, sich selber nicht so wichtig zu nehmen und tut gleichzeitig mehr für andere Menschen. Das ist etwas sehr Schönes“, sagt sie. Auch diese Erfahrung wird sie in ihre zukünftige Arbeit beim Münchner Ensemble einbringen. 

Ivy im Probensaal bei den Proben für DAS LIED VON DER ERDE (2007). Zukünftig wird sie hier als Ballettmeisterin tätig sein.
Ivy Amistas Sohn Matheus.

Fragt man sie, wo ihre Heimat sei, antwortet sie übrigens ohne zu Zögern „München“. Mehr als ihr halbes Leben hat sie inzwischen in der bayerischen Landeshauptstadt verbracht. Gerade die deutsche Verlässlichkeit und Verbindlichkeit schätzt sie sehr, auch wenn ihr natürlich die brasilianische Spontanität etwas fehlt. Für sie und ihre Familie wird München weiterhin der Lebensmittelpunkt sein. Nach Brasilien zurückkehren möchte sie also – zumindest vorläufig – nicht. 


Ivy Amista tanzt ONEGIN
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