Ivy Amista im Interview

Ivy Amista beendet nach 19 Jahren ihre aktive Karriere und verabschiedet sich vom Münchner Publikum. Wir haben mit ihr über vergangene Erfolge und neue Ziele, den perfekt präparierten Spitzenschuh, Mücken in Berchtesgaden und das unglaublich schöne Gefühl des Mama-Seins gesprochen.

Du wirst nach 19 Jahren als Tänzerin diesen Sommer deine aktive Laufbahn beenden. Was war dein größter Gänsehautmoment auf der Bühne? 

Mit Sicherheit die letzte Vorstellung als Tatjana in Onegin. Die letzte Szene, in der Tatjana Onegins Brief zerreißt und ihm vor die Füße knallt, geht emotional einfach unter die Haut. Vor allem am Ende meiner Karriere habe ich die dramatischen Rollen geliebt. Je erfahrener man wird, desto mehr möchte man darstellerisch erzählen.

Du bist sehr jung nach München gekommen, hast dich vom Corps de ballet bis zur Ersten Solistin hochgearbeitet,– quasi eine Bilderbuchkarriere. Hast du einen Tipp für alle jungen TänzerInnen, die gerade am Beginn ihrer beruflichen Karriere stehen?

In erster Linie braucht man einen starken Willen und natürlich Disziplin. Man muss immer sein Ziel vor Augen haben und konsequent daran arbeiten. Ich habe meine Karriere geplant, step by step, hatte immer das nächste Ziel im Blick. Dieses Ziel war: ich möchte Hauptrollen tanzen. Außerdem hilft es, Vorbilder zu haben. Vor allem am Anfang meiner Karriere habe ich mich gerne an den älteren Tänzern orientiert: Judith Turos, Kusha Alexi, Lisa Maree Cullum. Gucken, schauen, wie es die erfahreneren Kollegen machen, das hilft.

Gibt es so etwas wie ein Lieblingsballett oder eine Lieblingsrolle für dich?

Eine meiner Lieblingsrollen war sicherlich die Tatjana in Onegin; und die Julia in Romeo und Julia. Auch die Titelrolle in Die Kameliendame hätte mich sehr gereizt. Leider hatte ich aber nie die Gelegenheit, diese Partie zu tanzen. 

Eine Ballerina ist auch abhängig von der Exzellenz ihres Tanzpartners. Mit wem hast du am liebsten getanzt? Gibt es so etwas wie „den Traumpartner“?

Ich habe mit so vielen getanzt, da ist es schwer, jemanden herauszustellen. Wichtig ist, dass der Partner dir Sicherheit gibt ‒ technisch und künstlerisch. Mit Tigran Mikayelyan und Lukáš Slavický habe ich gerne getanzt, zum Beispiel die Julia. Und dann natürlich Onegin an der Seite von Vladimir Shklyarov Anfang 2018, das war sicherlich eines der Highlights in meiner Karriere, vor allem weil Tatjana meine letzte große Rolle war. 

19 Jahre in derselben Compagnie. Hast du nie daran gedacht, die Compagnie zu wechseln und etwas Neues auszuprobieren?

Ich habe schon mal gedacht, dass es aus künstlerischer Sicht vielleicht besser wäre, zu wechseln. Aber es gab in München immer so viele Optionen. Das Repertoire ist, verglichen mit anderen Compagnien, sehr vielseitig, da kann man sich auch innerhalb derselben Compagnie sehr gut weiterentwickeln. Tatsächlich habe ich nur einmal woanders vorgetanzt. Das war vor dem Direktionswechsel zwischen Ivan Liška und Igor Zelensky. Ich hatte auch ein Vertragsangebot, habe mich aber dann für München entschieden. 

Es gibt das Sprichwort „ich schmeiß alles hin und werde Prinzessin“ – hast du je daran gedacht, den Tanz an den Nagel zu hängen?

Ich hatte mehrere Stressfrakturen am rechten Fuß. Beim fünften Mal habe ich tatsächlich gedacht: Dein Körper macht das offensichtlich nicht mehr mit, ich hänge die Schuhe jetzt an den Nagel. Aber gleichzeitig war mir immer klar, dass man seine Entscheidung über das Karriereende nicht treffen sollte, wenn man krank ist. Also habe ich mich operieren lassen. Glücklicherweise war dann plötzlich alles gut und es ging weiter. Man sollte gerade in solchen Situationen einen kühlen Kopf bewahren und nie überstürzt Entscheidungen treffen. Außerdem hilft es, wenn man in schwierigen Momenten seine Familie hinter sich weiß.

Wie bist du eigentlich zum Ballett gekommen?

Durch meine Schwester. Sie ist einige Jahre älter als ich und hat schon vor mir Ballett gemacht. Mit sechs Jahren hat meine Mutter mich dann mal mitgenommen in die Ballettschule und es hat mir gefallen. So sehr, dass ich beschlossen habe, Tanzen zu meinem Beruf zu machen. Es gab bis zu diesem Zeitpunkt keinen Ballettbezug in unserer Familie. Meine Mutter hat mich in meinem Wunsch unterstützt, aber ohne Druck auszuüben. Als ich dann mit 17 nach Deutschland gegangen bin, dachte sie, ich komme spätestens in ein paar Jahren zurück. Diese Hoffnung hat sie inzwischen aufgegeben.  Meine Schwester hat das Tanzen übrigens dann nicht weiterverfolgt und ist stattdessen zum Studieren an die Uni. 

Was war dein größter Erfolg?

Es ist schwer von „einem“ größten Erfolg zu sprechen, Erfolge sind immer abhängig von jeweiligen Stand der Karriere. Bezogen auf das Ballett würde ich aber sagen: Die Rolle in Für die Kinder von gestern, heute und morgen von Pina Bausch. Die war eine große Herausforderung. Ich dachte nicht, dass ich das würde tanzen und darstellen könnte. Bezogen auf das Leben: Ganz klar meine Familiengründung und die Geburt meines Sohnes Matheus.

Ein Geheimnis vieler Tänzerinnen: Wie präparierst du deine Spitzenschuhe? Was hast du vorne drin, um die Schmerzen zu lindern?

Tatsächlich fast gar nichts. Meistens hatte ich nur eine an den Zehen abgeschnittene Baumwollstrumpfhose vorne drin, eventuell noch ein bisschen Baumwolle. Aber mehr hat mich eher gestört.

Was ist der ungewöhnlichste Ort, an dem du je getanzt hast?

Zum einen der Auftritt mit Giselle im Naturpark von Berchtesgaden. Wir standen da mit sehr vielen Mücken gemeinsam auf der Bühne, das war etwas gewöhnungsbedürftig. Und dann auf jeden Fall das Gastspiel in der Akropolis in Athen. Wir haben in diesem alten historischen Gemäuer Balanchine getanzt, es wehte vom Meer her ein leichter Wind und alles war in dieses warme Licht der untergehenden Sonne getaucht. Die Akropolis ist ja quasi die Wiege des Theaters. Was wir heute machen, hat dort angefangen. Das war eine ganz besondere Atmosphäre und ein sehr prägendes Gefühl. Daran werde ich mich immer erinnern. 

Die Corona-Pandemie hat derzeit gravierende Auswirkungen auf das kulturelle Leben. Denkst du, dass sie langfristige Auswirkungen hat auf das Ballett?

Schwer zu sagen. Momentan wird vieles online angeboten, aber das ist kein Ersatz für eine Live-Vorstellung. Außerdem: Tanzen lebt von der Berührung, im eigentlichen, aber auch im übertragenen Sinn. Ballett ohne Körperkontakt geht nicht und ohne jeglichen Körperkontakt hat das, was auf der Bühne passiert, auch keine Seele, kein Gefühl. In der jetzigen Situation muss man sich natürlich Alternativen überlegen, aber langfristig glaube ich nicht, dass sich Ballett als Kunstform völlig ändern wird. Fiele die Berührung, das Sich-anfassen weg, würde das Ballett das nicht lange überleben. Außerdem ist Ballett eine performative Kunst. Jede Vorstellung ist einmalig und diese Einmaligkeit entsteht auch dadurch, dass Künstler und Zuschauer gemeinsam in einem Raum sind. Das ist ja auch in gewissem Sinne eine Art Körperkontakt. 

Wie würdest du deine Beziehung zu München beschreiben?

München ist inzwischen meine Heimat, ich habe mehr als mein halbes Leben hier verbracht. Auch wenn ich natürlich meine Familie vermisse und ein bisschen die Spontanität der Brasilianer. Aber man kann nicht alles haben.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann nach Brasilien zurückzukehren?

Zum jetzigen Zeitpunkt: Nein. Ich mag die deutsche Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Im Vergleich zu meiner Heimat ist vieles hier besser geregelt und korrekter. Ich bin auch ein bisschen so, das kommt mir sehr entgegen.

Aktive Ballerina und gleichzeitig Mama: Ein Widerspruch?

Jein. Als Tänzerin war ich immer 100 Prozent Tänzerin. Nun als Mama möchte ich aber natürlich auch zu 100 Prozent für mein Kind da sein. Gerade am Anfang ist das sehr schwer, vor allem emotional. Aber ja, prinzipiell geht das, man muss nur die richtige Balance finden. Kinder sind toll! Und ich bin keine alleinerziehende Mutter. Mir war auch früh klar, dass ich erst ein Kind bekommen möchte, wenn meine Karriere fast zu Ende ist. Wenn man früh schwanger wird, ist es sicherlich einfacher, wieder auf die Bühne zurückzukehren – doch ich denke, dass es auch Vorteile hat, etwas später Mama zu werden.

Was hat dich die Geburt deines Kindes gelehrt? 

Ich bin mit Sicherheit reifer geworden. Als Mutter denkt man nicht so viel an sich oder über sich selbst nach, sondern zuallererst an sein Kind. Man lernt, sich selber nicht so wichtig zu nehmen und tut gleichzeitig mehr für andere Menschen. Das ist etwas unglaublich Schönes. Und es hat mich gelehrt, dass ich selber noch viel lernen muss. Es ist eine große Verantwortung, ein Kind großzuziehen und zu einem guten Menschen zu machen. Manchmal ist das anstrengend, aber zugleich auch sehr bereichernd. 

Tanzen war für dich ein Traum, den du dir erfüllt hast. Was ist der nächste Traum, den du verwirklichen möchtest?

Ich würde eher von Zielen sprechen. Mein nächstes Ziel ist es, mit dem gleichen Engagement wie als Tänzerin nun als Ballettmeisterin zu arbeiten. Und noch einen Master in Tanzpädagogik zu machen.

Was macht deiner Meinung eine gute Ballettpädagogin aus?

Man darf nie auslernen. Außerdem braucht man eine gute Portion Menschenkenntnis und psychologisches Geschick. Tänzer sind sehr emotionale Menschen.

Das klassische Ballett ist in der letzten Zeit aufgrund von kritischen Vorfällen in einzelnen Ausbildungsschulen in die Kritik geraten. Was sollte sich/muss sich deiner Meinung nach ändern?

Die Lehrer sollten stärker pädagogisch geschult werden und sie müssen mehr über den Tellerrand blicken können. Man muss erkennen, wie man mit welchem Körper und Temperament arbeiten kann. Früher hat der Schüler einfach gemacht, was ihm der Lehrer gesagt hat. Heute geht das nicht mehr. Das Verständnis, wie ich das Tanzwissen vermittle, hat sich sehr verändert. Die Lehrer heute müssen sehr viel individueller auf ihre Schüler eingehen, dabei aber trotzdem die nötige Disziplin und natürlich die Balletttechnik vermitteln. 

 

 


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