Isabel Coixet in München

Make No NoisePavillon 21

„Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie aus meinem Film eine Oper werden soll, aber wenn Sie das können, gebe ich Ihnen den Stoff.“ Das antwortete die katalanische Filmregisseurin Isabel Coixet dem tschechischen Komponisten Miroslav Srnka, als dieser 2007 um Erlaubnis fragte, aus ihrem Film The secret life of words eine Kammeroper komponieren zu dürfen. Vier Jahre später war sie dann doch neugierig, was aus diesem Projekt geworden ist. Die zweitägige Sommerpause in München kam ihr zur Abkühlung gerade recht, die offenen Schuhe, mit denen sie aus dem Flugzeug von Barcelona stieg, behielt sie deshalb gerne an. Vor allem die Eisbachwelle und die Surfer wollte sie sehen, war dann aber über deren kleines Ausmaß ziemlich enttäuscht.

In ihrem Film und auch in der Oper gibt es mehr als genug Wellen. Martin kommt mit dem Zählen gar nicht nach. Er befindet sich wie der schwerverletzte Joseph und der gelangweilte Koch Simon auf einer Bohrinsel, die nach einem Brand stillgelegt wurde. Der autistische Wissenschaftler verfolgt irgendein undurchschaubares Projekt und zählt die Wellen, die an die Plattform aufschlagen. Coixet war begeistert vom Humor, mit dem Srnka diesem Eigenbrötler eine Stimme gegeben hat und ihn den gesamten zweiten Teil über sechsstellige Zahlen singen lässt. Seine Anwesenheit auf der Bühne war für Coixet ausreichend, um den Ort der Bohrinsel zu etablieren. Als Ausdruck der Verletzbarkeit aller Figuren hatten der Regisseur Matthew Lutton und der Ausstatter Christof Hetzer die Bühne mit lose zusammengefügten Stühlen gefüllt und die verschiedene Orte des Stücks mit geringen Veränderungen verdeutlicht.

Coixet war für den Film mehrere Wochen mit ihrem Team auf einer Bohrinsel vor Irland, wie sie im Publikumsgespräch nach der Vorstellung erzählte. Es war ungemütlich, kalt und windig. Szenen, für die sie im Drehbuch Sonnenschein vorsah, mussten dann bei Regen gedreht werden. Die Regisseurin mochte die neue Qualität, die das Wetter den Szenen gab. Hauptsächlich interessierte sie der stetige Lärm, der auf einer Bohrinsel herrschte. Diesen hatte Coixet schon 15 Jahre vor dem Film kennengelernt, als sie eine Woche auf einer chilenischen Bohrinsel verbracht hatte und diesem Ort seine besondere Qualität als Drehort abgewann. Anfangs brachte der Lärm die Filmcrew an den Rand des Wahnsinns, irgendwann hörte man ihn nicht mehr. Geräusche, tatsächliche und nur im Innern eines Menschen gehörte, waren ein wichtiges Thema für den Komponisten von Make No Noise. Seine Hauptfigur Hanna trägt in der Oper wie im Film ein Hörgerät, das sie immer wieder abschaltet, wenn sie den Lärm der Welt nicht mehr ertragen kann. Doch auch dann ist es nicht ruhig – Srnka ließ sich vom Sounddesigner Olivier Pasquet vier elektronische Zuspielungen anfertigen, die dem inneren Lärm der traumatisierten Hanna einen Klang geben.

In welchen Extremzuständen sich ihre Protagonistin befindet, erfuhren die Filmregisseurin und der Komponist durch einschneidende Erlebnisse in der Begegnung mit Folteropfern und der Frau, die seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein weltweites Netzwerk zur Behandlung dieser traumatisierten Menschen aufgebaut hat: Dr. Inge Genefke vom International Rehabilitation Council for Torture Victims (IRCT). Coixet war längere Zeit im kriegserschütterten ehemaligen Jugoslawien für einen Dokumentarfilm und sprach mit zahlreichen Menschen, denen unbeschreibliches Leid zugefügt wurde. Nie im Leben wollte sie daraus einen Spielfilm machen. Doch die Erzählungen arbeiteten weiter in ihr, sie musste das Drehbuch zu The secret life of words schreiben. Inge Genefke tritt darin als Figur auf und wird von Julie Christie gespielt. Sich von dieser starken Persönlichkeit bildlich zu lösen, war für den Komponisten eine der größten Herausforderungen, erläuterte Srnka dem Publikum. Okka von der Damerau sang Inge in der Uraufführung von Make No Noise. Danach begegnete sie dem realen Vorbild ihrer Rolle: Inge Genefke, das siebzigste Lebensjahr vollendet, war mit ihrem Mann Bent Sørensen zur Premiere und zweiten Vorstellung gekommen. Für Coixet ist Inge Genefke eine der wenigen Helden in dieser Welt, die ihr ganzes Leben in den Dienst gefolterter Menschen gestellt hat. Ihre Energie und auch Wut bekam auch das Münchner Publikum im Gespräch nach der zweiten Vorstellung von Make No Noise zu spüren: „Torture is power“, wiederholte Genefke unermüdlich und nahm dabei explizit auch westliche Demokratien nicht aus, unter deren Schutzschild ein Folterlager wie Guantánamo betrieben werden könne.

 

Bei aller Ernsthaftigkeit dieses Thema war Isabel Coixet dennoch als eine wunderbar humorvolle Frau zu erleben, die in ihrer Kunst keine Kompromisse eingehen will. Nach dem Film The secret life of words im Filmmuseum München, das in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsoper die vier bedeutendsten Filme der Regisseurin zeigte, bekannte sich Coixet als leidenschaftliche Musik- und Literaturliebhaberin. Sie hat an die 10000 Schallplatten zuhause und sich zu Eigen gemacht, die Musik in ihren Filmen zu verwenden, die für sie in der Entstehungsphase besonders wichtig waren. Songs, die sie oft gehört hat, die ihre Arbeit einen Film lang begleitet haben. Wie Antony and the Johnsons oder Tom Waits bei The secret life of words. Und in jedem ihrer Filme versteckt sie ausgewählte Bücher, die die Kamera kurz ins Bild rücken. Wie Alfred Hitchcock sich selbst in jedem seiner Filme. „I don’t trust people who don’t read“, sagte Isabel Coixet.

Thank you so much for coming, Isabel!

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