In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

ÜbertitelTechnik

„Guten Abend, es ist 19.45 Uhr, die Vorstellung beginnt in 20 Minuten“, sagt die Inspizientin unten neben der Bühne, und ich notiere den Generalruf mit einem „e=1945“. Denn ich bin schon seit über einer halben Stunde hier oben, habe meine Noten für den Abend durchgesehen und die Technik überprüft. Niemand wird später nachlesen, wann der Einruf erfolgte – aber man hat halt so seine Rituale.

Hier oben, das ist hinter einer unscheinbaren Tür in der Galerie des Nationaltheaters. Hier oben, hinter den unbezeichneten Türen, wo fast niemals ein Zuschauer hinkommt, ist neben den beiden Chorsälen, dem Chorbüro und der Hausverwaltung auch mein Arbeitsplatz für den Abend.

Herzlich willkommen im Büro der Übertitel!

„In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln“ heißt es auf dem Besetzungszettel, und fast immer kommen die Übertitel so zuverlässig wie der Dirigent seinen Stab schwingt. So zuverlässig, dass viele Bekannte erst einmal fragen, ob die Übertitel nicht automatisch eingeblendet werden, wenn ich ihnen erzähle, dass ich an der Oper Übertitel fahre.

Automatisch, nein, das geht nicht. Ginge nicht. Nicht gestern, nicht heute, und wohl auch nicht morgen. Einerseits ist auch an einem renommierten Haus keine Aufführung wie die Andere: Mal ist die Tagesperformance des Dirigenten so, mal so; mal kommt ein Einsatz nicht so wie bei der letzten Aufführung; und manchmal, so scheint es, haben wir Kobolde in der Technik und manches funktioniert nicht wie gewollt. Andererseits sind die Übertitel nicht nur eine Serviceleistung, denn unsere Zuschauer wollen gar nicht mehr ohne. Und das nimmt die Staatsoper so ernst, dass vom ursprünglichen Beamer auf eine teure, aber hellere LED-Tafel umgestellt wurde, und zur Neubestuhlung nach und nach alle Plätze ohne Sicht auf die Tafel eine extra Übertitelanlage bekommen werden. Denn: Die drei Zeilen über der Bühne helfen jedem Zuschauer, ob Opernprofi oder nicht, das Stück besser zu verstehen.

Dann wäre noch die technische Beschränkung, dass der Zuschauer den Übertitel immer erst rund eine Sekunde nach meinem Klick sieht. Und eine Sekunde kann sehr, sehr lang sein. Deshalb sitzen wir fünf Übertitelinspizienten nahezu allabendlich hier oben in unserem „Kabuff“, vor drei Bildschirmen, einem Klavierauszug, einem Telefon und auch einer Mikrofonanlage für die ganz eiligen Kommunikationsbedürfnisse. Und dabei gibt es wir wirklich alles doppelt: Zwei unabhängige Computer, zwei Bedienschalter für die LED-Tafel, zwei Bildschirme für Bühne und Dirigent. Warum?
Ganz einfach: Trotz intensiver Vorsorge ist der Technikteufel besonders oft in den Übertitelinstrumenten zuhause. Mal sind Steckverbindungen abgenutzt und die Tafel funktioniert nur, wenn der Chor an der richtigen Stelle steht. Mal reißt eine Leine, und die Projektionsfläche für den Beamer fehlt.

Applaus für den Übertitelinspizienten allerdings gab es nur einmal in den letzten Jahren: Als die ursprünglich eingeteilte Kollegin die Vorstellung nicht rechtzeitig erreichen konnte und der Ersatz die Vorstellung nur mit Verspätung erreichte, gab es mitten in einer Vorstellung spontan Beifall für die plötzlich auftauchenden Übertitel.

Es ist kurz nach 20 Uhr. „Herr Nagano bitte, Herr Nagano,“ sagt die Kollegin unten durch die Lautsprecher.

Die Vorstellung beginnt. Ich drück dann mal.

Kommentare

  • Am 08.06.2012 um 17:08 Uhr schrieb Ute

    Dann spende ich Ihnen und Ihren Kollegen hiermit Applaus für eine gelungene Übertitel-Vorstellung gestern. Was wäre die schönste Oper ohne diesen wichtigen Service.

  • Am 08.06.2012 um 21:21 Uhr schrieb Evi

    Auch von mir einen Applaus, sowohl für den amüsanten als auch den höchstinformativen Text :) gut-klick für die Zukunft!

  • Am 09.06.2012 um 09:59 Uhr schrieb Eva Riedel

    Auch von mir Applaus und Kompliment. Ich kann mir gut vorstellen, wieviel Konzentration und Können das Fahren der Übertitel erfordert!

  • Am 09.06.2012 um 17:11 Uhr schrieb Wilhelm Bock

    Die Übertitel sind wirklich eine tolle Sache. Allerdings sagte mir einmal ein (ziemlich bekannter) Sänger des Hauses, dass er es nicht immer gut findet, denn, Zitat: "Die Leute sehen immer gleich, wenn ich ein Textproblem habe"...
    Nun weiß ich aber von dem liebenswürdigen Tenor, dass er grundsätzlich sattelfest ist, wie alle Solisten dieses wunderbaren Hauses

Neuer Kommentar