„Ich versuche nicht daran zu denken, wie groß das alles ist“

„Wie ist Ihr Deutsch?“ – Damit beginnt für Selene Zanetti, Sopranistin aus Italien und neues Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, die vielleicht bisher aufregendste Zeit ihrer Karriere. Es ist die Frage, die Staatsintendant Nikolaus Bachler Selene stellt, bevor er ihr die Hauptpartie für die Neuproduktion Die verkaufte Braut anbietet, die am 22. Dezember 2018 Premiere feiert. Die ursprüngliche Besetzung, Christiane Karg, erwartet ein Kind und kann die Partie nicht mehr übernehmen. Selene hat gerade erst zwei Jahre im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper absolviert und nur zwei Monate Zeit, die Rolle einzustudieren. Wir haben uns mit Selene getroffen und uns mit ihr über diese aufregenden Neuigkeiten unterhalten.

Selene Zanetti aus Italien ist frisches Ensemble-Mitglied und wird die Hauptpartie in der kommenden Neuproduktion „Die verkaufte Braut“ singen.
Selene Zanetti aus Italien ist neues Ensemble-Mitglied und wird die Hauptpartie in der kommenden Neuproduktion „Die verkaufte Braut“ singen.

Als ich aufhörte zu singen, sagte Herr Bachler: "Dann – machen wir es!"

Wie hast Du davon erfahren, dass Du die Hauptpartie in der kommenden Premiere von Die verkaufte Braut singen wirst? Und wie hast Du Dich dabei gefühlt?

Das war eine ziemliche Überraschung. Wir haben gerade für die Jubiläumsvorstellung im Foyer im Nationaltheater geprobt, Herr Bachler war da und plötzlich kam er zu mir, nahm mich beiseite und fragte: „Wie ist Ihr Deutsch?“. Ich habe geantwortet: „Ich verstehe fast alles, aber ich lerne gerade noch."“ Und er meinte: „Ich überlege, Ihnen eine ziemlich große Rolle in einer Neuproduktion zu geben.“ Ich dachte nur: „Was?“ Ich habe nicht ganz realisiert, dass er Die verkaufte Braut meinte. Ich glaube, er hat es erwähnt, aber ich dachte: "Sie können mir diese Rolle nicht geben. Das ist in zwei Monaten!" Also habe ich am Tag danach mit den Kollegen aus dem Künstlerischen Betriebsbüro gesprochen und sie haben mir bestätigt, dass es tatsächlich um die Rolle der Marie in Die verkaufte Braut geht. Sie sagten mir, sie müssten mich vorher noch singen hören, aber Herr Bachler sei zwei Wochen nicht im Haus, ich hätte also noch Zeit, einige Teile der Rolle vorzubereiten. Herr Bachler kam allerdings schon nach sechs Tagen zurück und so musste ich viel früher vorsingen . Aber es war eine sehr angenehme Situation. Herr Bachler sagte: "Das ist kein Vorsingen. Sie zeigen mir nur, wie Sie mit Donald arbeiten (Anm. der Redaktion: Donald Wages ist der Leiter der Pianisten) - er war übrigens eine große Hilfe - und dann sang ich die zweite Arie der Marie. Und am Ende, als ich aufgehört hatte zu singen, sagte Herr Bachler bloß: "Dann – machen wir es!" Und dann bekam ich etwas Panik. (lacht)

Was passiert jetzt? Wie bereitest Du Dich auf die Rolle vor?

Ich habe natürlich erst einmal selbst angefangen, die Rolle zu studieren. Zuerst bin ich in die Bibliothek gegangen und habe mir die Noten und die Schwierigkeiten angeschaut. Aber ich habe mich da auf Herrn Bachler verlassen, der gesagt hatte, dass er die Rolle, musikalisch, für mich geeignet hält. Und das ist sie auch. Sie ist nicht zu lang, es gibt Teile, in denen ich mich zum Beispiel ausruhen kann. Und jetzt habe ich einen Plan und innerhalb der nächsten zwei Wochen sollte ich das Stück auswendig kennen. Und dann mache ich mir Lesezeichen, unterstreiche, mache Notizen und übersetze Wort für Wort. Die Bayerische Staatsoper hat mit Isolde Lehberger einige Aussprache-Coachings organisiert. Weil das für mich als Ausländerin natürlich ziemlich schwierig ist. Wir haben einfach nicht viele Konsonanten auf Italienisch. (lacht)

Lerne Selene in dieser kurzen Videonachricht kennen

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Selene: „Ich versuche nicht daran zu denken, wie groß das alles ist“

Wenn man so will, bist du ja ein Shooting-Star: Du wurdest Ensemble-Mitglied nach zwei Jahren im Opernstudio und jetzt eine Hauptpartie in einer Premiere. Was geht Dir durch den Kopf, wenn Du auf die letzten zwei Jahre Deiner Karriere zurückblickst?

Die Zeit im Opernstudio war eine großartige Erfahrung und eine sehr produktive Zeit für mich. Und ich denke, dass ich bereit bin für diese Rolle und die sechs Wochen bis zur Premiere. Eben weil ich so gut geschult wurde und im Studio so viel gelernt habe. Als ich im Ensemble anfing und die Rollen sah, die ich singen würde, war ich etwas enttäuscht. Denn die Rollen waren ziemlich klein und ich fühlte mich wirklich bereit für mehr. Aber ich sagte mir: Nun, dann werde ich geduldig sein und mir Zeit nehmen, ein paar neue Rollen lernen, mich verbessern. Dann fragte ich, ob ich so viele Cover übernehmen könnte, wie möglich. Denn so lernt man am meisten, indem man Rollen für echte Stücke einstudiert und man kann die Musik mit all den großartigen Dirigenten, die hierher kommen, einstudieren – und mit all den fantastischen Pianisten, mit denen wir arbeiten können. Und dann ist das passiert! Bevor ich die Rolle bekam, als sie noch über diese Idee sprachen, dachte ich: "Oh mein Gott, wenn sie mir diese Rolle geben, wird das das Größte in meinem Leben sein!" Und ich zweifelte stark daran, weil ich wusste wie groß diese "Wette" auf mich wäre. Dann haben sie mir die Rolle gegeben, und dann war ich erstmal so glücklich und dankbar. Aber jetzt, wo ich komplett drin bin, versuche ich nicht daran zu denken, wie riesig das alles ist, damit ich keine Angst bekomme, und versuche mich einfach auf die Arbeit zu konzentrieren. Es ist eine große Verantwortung, aber ich weiß, dass ich auch sehr viel Glück hatte und ich freue mich so sehr darauf!

Worauf freust Du Dich am meisten?

Tatsächlich auf den ganzen Weg von jetzt an bis zur Premiere: Ich freue mich zu lernen, die Erfahrung mit anderen zu teilen, etwas zu erarbeiten, Angst zu haben und diese Angst zu überwinden. Ich kann mir gerade noch nicht vorstellen, dass ich diese Rolle auf Deutsch in Deutschland singen kann, so wie ich es gerne möchte. Aber ich freue mich darauf zu sehen, wie ich dahin komme und wie sehr ich in diesen zwei Monaten wachsen und mich verändern werde. Denn jede Produktion verändert Dich auf eine Art und Weise. Vielleicht entdecke ich ja eine neue "Superkraft", von der ich bisher nicht wusste, dass ich sie habe ... Manchmal wenn man unter Druck steht, dann findet man etwas, was man vorher noch nicht an sich kannte.

Was denkst du, wird die größte Herausforderung für Dich?

Deutsch, mit Sicherheit. (lacht)



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