„Humanitäres Durchstehen“

OpernfestspieleFansKarten

Auf einer detaillierten Karte findet der enthusiastische Opernfreund den Weg zu einem PKW skizziert, in dem eine Gruppe von Festspielfreunden die offiziellen Anstehnummern austeilt. In Abständen von zwei Stunden gibt es sogenannte „Appelle“, bei denen sich die Nummernbesitzer melden müssen. Akribisch wird so eine Anwesenheitsliste geführt. Wer sich zweimal hintereinander nicht meldet, wird gestrichen, da gibt es kein Pardon!

Hier ein kleiner Querschnitt der treuesten Festspielfans:

John Daborn ist gespannt auf die beiden Festspielpremieren Saint François d’Assise und Mitridate, rè di Ponto. Messiaens Oper sei zwar nicht geeignet um „in den Gängen zu tanzen“, aber Kent Nagano habe besonders viel Erfahrung mit der Partitur und allein deswegen könne man nicht falsch liegen.
„Dieses Jahr freue ich mich mehr auf die Besetzungen als auf eine bestimmte Produktion. Peter Seiffert und Nina Stemme zum Beispiel gehören zu meinen absoluten Lieblingssängern.“
Seit der Sonntagsvorstellung von Lohengrin ist er ganz besonders begeistert von Elza van den Heever, die zum ersten Mal in München gesungen hat. „Das macht Herr Bachler gut, er bringt neue Gesichter ebenso wie bekannte Stars nach München. So spare ich mir den Trip nach Frankfurt oder Berlin.“
Eigentlich geht Herr Daborn schon immer gern in die Oper, aber erst seitdem seine Frau vor knapp 20 Jahren eine Produktion von Don Giovanni an der Bayerischen Staatsoper gesehen hat und daraufhin vom Opernfieber gepackt wurde, geht er regelmäßig. Allein zu gehen ist einfach nicht dasselbe.

Der Mann mit der Liste: Herr Baritz. Er verwaltet zusammen mit sieben anderen Opernfreunden und zwei Pkws mit Sonderparkerlaubnis auf dem Marstallplatz die Liste der Ansteher. „Wir haben Donnerstagmorgen und es sind bereits 75 Leute auf der Liste. Viele teilen sich die Appelle mit Freunden, es muss ja nicht jeder immer persönlich vorbeischauen.“
Auch nach zwei Tagen, Regen und Schnee, glänzen alle Opernfans mit perfekter Anwesenheit: „Bis jetzt wurde noch keiner gestrichen“, berichtet Herr Baritz. Heutzutage sei es eben doch eher ein „humanitäres Durchstehen“. Es ging aber nicht immer so gesittet zu, wie Herr Baritz beschreibt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Opernfestspiele wieder eingeführt wurden, sah es noch ganz anders aus: Von einem Pulk von Menschen ist die Rede, von Fensterglasbruch und Polizeieinsatz beim Kampf um Karten. Wie gut, dass das Schlangestehen, in England auch „queueing“ genannt und dort von großer Beliebtheit, auch bei uns Einzug erhalten hat. Ohne System geht es eben nicht!

Frau Püschel hat die Anstehernummer 78 und kommt schon seit 40 Jahren in die Bayerische Staatsoper. Sie vertritt sich und zwei Freunde, die jedes Jahr extra aus Dresden für die Festspiele anreisen. Dieses Jahr stehen bei ihr die Klassiker hoch im Kurs, Tristan und Isolde und vor allem der Rosenkavalier. „Gespannt bin ich auf I Capuleti e i Montecchi, das ist eine Oper die man nicht überall zu sehen bekommt.“
Tagsüber kommt sie mit ihrem Fahrrad zum Appell und erledigt zwischendrin ihr Tagesgeschäft. Nachts steigt sie doch lieber auf ihr Auto um. Verständlich, bei dem Winterwetter…

Hannah Büchler hat die Nummer 58. Bei den Büchlers sind die Opernfestspiele eine echte Familienangelegenheit, und so ist um 16 Uhr Tochter Hannah an der Reihe, sich am Marstallplatz zu melden. Tristan und Isolde sowie die Liederabende sind bei den Büchlers generationenübergreifend die Lieblinge im Programm. Hannah freut sich immer auf vielseitige Theatererlebnisse und darauf, neue Sänger zu hören. Anja Harteros ist eine ihrer Favoritinnen: „Sie hat eine ganz besondere Stimme, im Rosenkavalier wird sie sicher glänzen.“ Ihr Vater sei, erzählt Hannah, bestimmt schon seit fünf oder sechs Jahren treuer Besucher der Festspiele.

Am Samstag um 9.15 beginnt der offizielle Vorverkauf. Die Eingangshalle Nord, sowie die Kantine werden bereits ab 6 Uhr geöffnet sein. Außerdem wartet auf alle Frühauf- und Ansteher noch eine besondere Überraschung vor Beginn des Verkaufes.

Kommentare

Neuer Kommentar