Höchstleistung auch hinter den Kulissen

Nadine Göpfert an ihrem Arbeitsplatz in der Carnegie Hall
Nadine Göpfert an ihrem Arbeitsplatz in der Carnegie Hall

Die Bayerische Staatsoper gibt ihr Debüt in der Carnegie Hall – das bedeutet für unsere Künstler trotz Jetlag, neuen akustischen Bedingungen und kurzer Anspielprobe auf Knopfdruck die geforderte Leistung zu bringen. Doch auch hinter den Kulissen werden Höchstleistungen erbracht: Etliche Mitarbeiter der Bayerischen Staatsoper sind mit angereist und sorgen wie gewohnt für einen reibungslosen Ablauf – nur unter komplett anderen Bedingungen.

So zum Beispiel unsere Inspizientin Nadine Göpfert, die wir kurz vor Beginn des konzertanten Rosenkavaliers am 29. März treffen durften, um mit ihr über ihre Arbeit zu sprechen.

Die Stimmung hinter der Bühne ist bereits angespannt. Das gefüllte Zuschauerhaus und die Bühne sind durch zwei Bildschirme neben dem Bühnenaufgang zu beobachten. Nadine steht an einem Notenpult, darauf ein Klavierauszug von Der Rosenkavalier, den etliche Post-Its und handschriftliche Notizen schmücken. Sie spricht mit Kirill Petrenko noch die letzten Details der Sängerauftritte durch, bevor sie durch die Hausanlage das Orchester und die ersten beiden Solisten Richtung Bühne ruft. Obwohl bis zum Vorstellungsbeginn nur mehr wenige Minuten Zeit bleiben, strahlt Nadine Ruhe aus, nimmt sich für jedes Anliegen der Künstler Zeit und hat sogar die Nerven für ein kleines Interview mit uns.

Liebe Nadine, wie hast Du Dich auf Deine Arbeit als Inspizientin des Rosenkavaliers hier in New York vorbereitet?

In München kümmern wir uns ebenfalls um die Auftritte der Sänger, aber dort sind wir auch für alles Technische, alles, was die Verwandlungen auf der Bühne betrifft, zuständig. Das fällt hier weg, weil es eine konzertante Veranstaltung ist. Das heißt, ich habe gemeinsam mit Kirill Petrenko im Vorfeld überlegt, wer am besten wann und wo auftritt und wer wo auf der Bühne stehen soll. Dafür sorge ich hier heute: dass die Sänger zur richtigen Zeit auf der Bühne sind und dort stehen, wo sie stehen sollen. Vorbereitet haben wir das bereits in München und heute bei den Proben letzte Korrekturen vorgenommen. Schade ist, dass wir hier nur eine kurze Anspielprobe hatten. Bei einigen Dingen ist nicht sicher, ob es bei der Aufführung dann wirklich so funktioniert, wie wir es geplant haben. Aber ich gehe jetzt mal davon aus, dass alles gut sein wird.

Was ist hier in New York der größte Unterschied zu Deiner Arbeit in München?

In München kommen viele Leute zu uns und fragen: „Wie komme ich hier oder dort hin“ und wir helfen den Kollegen, sich zurechtzufinden. Die größte Herausforderung in einem fremden Haus beruht darauf, dass man sich selber nicht so gut auskennt. Ich bin hier ja selber zu Gast. Wir haben zwar vor ein paar Tagen eine kleine Führung bekommen, bei der uns alles gezeigt wurde. Trotzdem muss ich jetzt oft sagen „ich weiß es selber nicht und muss auch erst einmal nachschauen“. Man ist zwar Ansprechpartner für alle, aber kennt sich genauso wenig aus. Das macht es etwas stressiger, da es sich natürlich besser anfühlt, wenn man sich im gewohnten Umfeld bewegt. Ein weiterer Unterschied ist, dass wir in München beispielsweise den Pausengong selber betätigen, den Saal abdunkeln und alle informieren, wieviel Zeit bis zum Beginn der Vorstellung bleibt. Hier machen das alles die Kollegen von der Carnegie Hall. Es ist recht ungewohnt, das nicht selber in der Hand zu haben. Ich muss für jeden Ruf erst Rücksprache halten.

Du trägst ein Headset – mit wem kommunizierst Du darüber?

Hierüber spreche ich mit meiner Kollegin Maria Stanglmaier. Sie arbeitet normalerweise bei uns im Chorbüro – was sie hier vor Ort natürlich auch macht. Sie hat sich aber außerdem dazu bereit erklärt, beim zweiten Eingang auf der anderen Seite der Bühne die Auftritte für die Sänger zu koordinieren. Ich gebe ihr über Funk die Auftritte durch und sie schickt die Sänger rechtzeitig auf die Bühne. Davor wird jeder Sänger von mir rechtzeitig zur Bühne eingerufen. Das heißt, man hört meine Stimme über die Hausanlage im gesamten Backstage-Bereich und in den Garderoben. Ich sage dann zum Beispiel „Herr Conners bitte zur Bühne“ und Kevin Conners weiß, wann er für seinen Auftritt als Wirt in den Aufzug zum Bühnengeschoss steigen sollte. Die Sänger kommen dann zum jeweiligen Bühneneingang und werden rechtzeitig von uns auf die Bühne geschickt.

Nadine Göpfert mit Kollegin Maria Stanglmaier
Nadine Göpfert mit Kollegin Maria Stanglmaier
Kirill Petrenko betritt die Bühne - nun kann die Vorstellung beginnen
Kirill Petrenko betritt die Bühne - nun kann die Vorstellung beginnen
Nadines Klavierauszug des "Rosenkavaliers" schmücken etliche Notizen
Nadines Klavierauszug des "Rosenkavaliers" schmücken etliche Notizen

Welches ist die größte Panne, Die Dir in diesem Job je passiert ist?

Das werde ich oft gefragt – kann es aber gar nicht sagen. Ich habe den worst case zum Glück noch nie erlebt, dass dirigiert wird, ein Sänger den Einsatz hat und er noch gar nicht aufgetreten ist!

Wie lange bist Du schon an der Staatsoper und Deine wievielte Tour ist das?

Ich bin seit acht Jahren an der Bayerischen Staatsoper. Mein erstes Gastspiel war Dornröschen mit dem Bayerischen Staatsballett in Sevilla. Seither war ich außerdem in Paris bei einer konzertanten Aufführung dabei, zweimal in Japan und außerdem mit dem Ballett auf China-Tournee.

Was macht auf einer Tournee am meisten Spaß an Deinem Job?

Das ist schwierig zu beantworten. Das Schönste finde ich tatsächlich, mit Kollegen in einer anderen Stadt zu sein und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Es bringt viel Spaß, seine Arbeit auch an einem anderen Ort präsentieren zu dürfen. Und es ist spannend zu sehen, wie es an den anderen Häusern der Welt läuft!

Über diese Bildschirme kann Nadine das Geschehen auf der Bühne verfolgen
Über diese Bildschirme kann Nadine das Geschehen auf der Bühne verfolgen
Backstage bereiten sich die Musiker auf ihren Auftritt vor
Backstage bereiten sich die Musiker auf ihren Auftritt vor
Nadine liest im Klavierauszug mit, um die Sänger rechtzeitig auf die Bühne zu schicken
Nadine liest im Klavierauszug mit, um die Sänger rechtzeitig auf die Bühne zu schicken

Nadine erhält die Information, dass alle Zuschauer Platz genommen haben und die Vorstellung beginnen kann. Das Orchester betritt auf Nadines Einruf hin die Bühne, dicht gefolgt von Dirigent Kirill Petrenko und den ersten Solisten. Nadine hat nun alle Hände voll zu tun, die Sänger taktgenau auf die Bühne zu lotsen. In der ersten Pause haben wir nochmal die Möglichkeit, ihr einige Fragen zu stellen.

Liebe Nadine, der erste Teil des Rosenkavaliers wäre geschafft. Wie läuft es heute für Dich?

Die Stimmung ist aktuell sehr angespannt und nervös. Ich höre hier hinter der Tür sehr schlecht, was für mich schwierig ist. Der Raum ist von der Bühne komplett abgeschlossen. Das ist nicht so wie bei uns in München, wo man direkt auf der Seitenbühne steht und das Orchester gut hören kann. Ich bin komplett auf die elektronische Musikübertragung hier im Bühnenvorraum angewiesen, was sehr anstrengend ist. Zum Glück kenne ich den Rosenkavalier gut und habe ihn im Ohr, weil ich ihn auch in München betreue. Aber ich muss hier – neben allem Gewusel hinter der Bühne – sehr genau hinhören, damit ich die Musik für die jeweiligen Einsätze höre und nebenbei trotzdem alle Fragen beantworte und die Künstler zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort schicke. Es läuft bisher aber gut und reibungslos, kostet aber wirklich viel Kraft!

Was machst Du, wenn Du nachher in den Feierabend gehst?

Vielleicht noch mit den Kollegen hier in New York ein Feierabendbier trinken. Nach solchen Vorstellungen kann ich oft erstmal nicht schlafen. Ich muss erst noch Adrenalin abbauen, das dauert immer etwas. Ich befürchte, das wird heute keine gute Nacht werden. Aber das gehört auch zum Job dazu und ist völlig in Ordnung!

Was ist das schönste an deinem Job?

Hier auf der Tournee ist der Job auf jeden Fall einseitiger als in München, da ich mich nur um die Sängerauf- und Abtritte beschränke. An meinem Job im Münchner Opernhaus genieße ich es aber am meisten, mit allen Abteilungen so eng zusammen zu arbeiten. Ich muss genauso mit den Technikern und den Regieassistenten, als auch mit den Musikern und Sängern im engen Kontakt sein. Bei uns Inspizienten läuft alles zusammen, es ist ein unglaublich kommunikativer Job, was mir wahnsinnig viel Spaß macht. Wir haben die Zügel der Vorstellung in der Hand und organisieren alles für einen reibungslosen Ablauf. Das ist etwas Schönes! Und es ist auch schön zu wissen, dass die Kollegen mir vertrauen. Sie sehen, ich bin am Pult, also kann heute nichts schief gehen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn einem solches Vertrauen entgegen gebracht wird. Außerdem genieße ich in München die Vielfalt des Repertoires. Hier am Broadway läuft es ja etwa so, dass eine Show an einem Theater achtmal die Woche das gesamte Jahr über gespielt wird. Das würde mich auf Dauer langweilen. In München ist aber einfach alles dabei, sämtliche Epochen und Komponisten!

Maria wartet am zweiten Bühneneingang auf Nadines Einsätze
Maria wartet am zweiten Bühneneingang auf Nadines Einsätze
Helene Schneiderman wartet Backstage auf ihren Auftritt
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Die Herren des Chors kurz vor ihrem Auftritt
Die Herren des Chors kurz vor ihrem Auftritt

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