Hans Abrahamsen entdecken – Die Themenkonzerte 2019/20

„Musik, das sind Klänge, die das Herz und den Geist berühren. Und natürlich noch viel mehr. Es ist eine Welt für sich, doch darüber hinaus ist sie mit der gesamten Welt verbunden, in der wir leben. Musik spricht, singt und bewegt uns auf eine Art, wie nur Musik es vermag.“ (Hans Abrahamsen)

Die diesjährigen Themenkonzerte widmen sich Hans Abrahamsens Schaffen aus Anlass seiner Oper The Snow Queen, die am 21. Dezember in der Bayerischen Staatsoper Premiere feiert. Bei den Konzerten wird Musik von ihm zu hören sein, meist kombiniert mit Komponisten, die ihm am Herzen liegen und deren Werke er bearbeitet hat. Wer ist dieser Hans Abrahamsen, was inspiriert ihn und wie entstand die Programmauswahl der Themenkonzerte?

Hans Abrahamsen © Wilfried Hösl

Hans Abrahamsen, geboren 1952 in Lyngby, Dänemark, ist eine der führenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musikszene in Dänemark und einer der international am meisten anerkannten Komponisten Skandinaviens. Der bescheidene Komponist schrieb zahlreiche Instrumentalwerke, bevor er sich mit Let Me tell you, uraufgeführt 2013, das erste Mal an eine größere Komposition für die menschliche Stimme wagte.  

Abrahamsens Musik zeigt eine unglaubliche Struktur und Symmetrie auf, strebt aber paradoxerweise zugleich nach einer immer größeren Einfachheit; sie klingt trotz ihrer Komplexität leicht und schwebend. Vor allem sein Frühwerk steht im Zeichen der „Neuen Einfachheit“, einer musikalischen Stilrichtung, die sich bewusst der komplexen Ästhetik der seriellen Kompositionsweise entgegenstellte und eine Schlichheit strebt.  

Im Interview erzählt Abrahamsen, dass er eine sehr klare Idee von einem Stück hat, bevor er eine Komposition beginnt: „Ich habe meine Musik sehr stark konstruiert. Innerhalb des Stückes muss man sich bewusst sein, was passiert, man muss hören, reagieren und vielleicht das System dann ein wenig verändern, um unerwartete Ereignisse einzubinden. Denn oft tauchen plötzliche Dinge auf, die mir wie Geschenke erscheinen. Wer Konstruktionen verwendet, muss auch über die Intuition und Fantasie verfügen, um Entscheidungen zu fällen.“

In seinem künstlerischen Leben hat Hans Abrahamsen, der Horn, Musiktheorie und Musikgeschichte studierte und nun selbst Honorarprofessor für Komposition ist, auch manche Wendungen erlebt. Zwischen 1990 und 1998 hatte er eine schöpferische Pause, die der Komponist heute seinen "Fermate" nennt. Er suchte in dieser Zeit nach neuer Inspiration bei György Ligeti und arbeitete außerdem eigene und fremde Werke um. Charakteristisch für Abrahamsen ist die Beschäftigung mit Musik früherer Komponisten. Sein Werk spiegelt einen Dialog mit der Vergangenheit, in der er viel Inspiration fand. Die Romantik, und insbesondere Robert Schumann, ist für ihn ein konstanter Bezugspunkt, weshalb dieser in fast allen Themenkonzerten vertreten ist. Darunter Schumann-Lieder auf Texte von Hans Christian Andersen, mit dem sich auch Abrahamsen viel beschäftigte –beispielweise in der Oper The Snow Queen. Im dritten Themenkonzert interpretiert ein Holzbläserquintett aus Musikern des Bayerischen Staatsorchesters  eine der wichtigsten Schumann-Bearbeitungen von Hans Abrahamsen, die Kinderszenen. Auch Johann Sebastian Bach diente ihm als Inspiration und gab Anstoß zu neuen Werken. Eine Auswahl von Abrahamsens Kanon-Arrangements nach Bach finden sich im Programm der zweiten Themenkonzertes wieder. Im Laufe der 1970er und 80er Jahre prägten ihn Komponisten wie Terry Riley, Steve Reich und später György Ligeti, dessen Bagatellen ebenfalls im 3. Themenkonzert zu hören sind. Das Streichquartett ist eine der wenigen Gattungen, auf die Hans Abrahamsen im Verlauf seines künstlerischen Schaffens immer wieder zurückkommt. Er hat vier Streichquartette geschrieben, die einen Bogen über nahezu seine gesamte künstlerische Laufbahn schlagen. Sein erstes Streichquartett, das im vierten Themenkonzert zu hören ist, schrieb er mit Mitte zwanzig.

Hans Abrahamsens Musik kommt aus der Stille, und Schnee ist oftmals eine zentrale Metapher seiner Werke. Der Komponist gibt eher den leisen Farben den Vorzug vor den lauten. Seine Musik geht vorsichtig mit ihrem Material um, doch klingt dabei nie einfach, weil sie unterhalb der Oberfläche über eine große Materialfülle verfügt. Seine Musik ist so zart und gewaltig wie die Natur.

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