FSJ Kultur beim Bayerischen Staatsballett - eine Spielzeit in 4 Akten

von Lian Heüveldop

Prolog

Nationaltheater © Felix Löchner
Nationaltheater © Felix Löchner

Vor mir ragt das Nationaltheater in die Höhe. Dass ich in diesem Gebäude für eine Spielzeit arbeiten soll, kann ich zu diesem Zeitpunkt nur schwer glauben. Doch bald schon stehe ich im Ballettsaal, umringt von ca. 60 Tänzerinnen und Tänzern und versuche mir, anfangs vergeblich, all ihre Namen zu merken. Die Welt des Balletts ist mir doch fremder als gedacht. Ich kenne neben John Neumeier nur wenige bedeutende ChoreographInnen und anfangs passiert es mir durchaus, dass ich angereiste weltberühmte Gäste für TänzerInnen halte, die zum Vortanzen kommen.

1. Akt

Jewels von George Balanchine ist im Oktober die erste Premiere der Spielzeit 2018/19. Nicht nur die glänzenden Kostüme und die eingängige Musik haben es mir sofort angetan. Vor allem die aus New York angereiste Patricia Neary, welche als große Muse Balanchines gilt, leitet mit ihren über 70 Jahren die Proben mit einer solchen Leidenschaft und Liebe zum Tanz, dass man als Laie fast schon selbst in die Spitzenschuhe schlüpfen möchte. Die Aufregung am Premierenabend ist groß, aber es wird ein voller Erfolg.

EMERALDS © Wilfried Hösl
EMERALDS © Wilfried Hösl
RUBIES © Wilfried Hösl
RUBIES © Wilfried Hösl
DIAMONDS © Wilfried Hösl
DIAMONDS © Wilfried Hösl

2. Akt

Kristina Lind © Carlos Quezada
Kristina Lind © Carlos Quezada

Im Dezember beginne ich an meinem FSJ Projekt zu arbeiten. Was ich mir vorstelle ist eine Art “Follow me around”-Video mit einer Tänzerin. In meinem Kopf laufe ich für einen Tag einer Person mit einer eher semi-professionellen Kamera hinterher, schneide alles mit einem Schneideprogramm – (das ich noch nicht besitze) und lege eventuell noch Musik dahinter – für mehr reichen meine Fähigkeiten in Sachen Film zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch als ich Unterstützung von verschiedenen Seiten bekomme, wird das ganze Vorhaben durchaus professioneller als gedacht. Ich schreibe ein Drehbuch, mache ein Storyboard, führe Interviews und die ersten Aufnahmen beginnen. Die Dreharbeiten dauern schließlich 6 Tage und ich bin der damaligen Solistin, jetzt Ersten Solistin Kristina Lind unglaublich dankbar für ihre Offenheit, ihre Geduld und Zeit. Der Dreh ist Mitte März beendet und somit beginnt die Postproduktion. Ende Juli werde ich den fertigen Film mit dem Titel “Balance - A day in a life of a ballerina” in den Händen halten und mehr als stolz sein, denn das Ergebnis übertrifft jegliche Erwartungen, die ich im Dezember noch hatte.

Balance - A day in the life of a ballerina

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3. Akt

Ashley Bouder & Osiel Gouneo in Rubies © Wilfried Hösl
Ashley Bouder & Osiel Gouneo in Rubies © Wilfried Hösl

Die Ballettfestwoche kurz vor Ostern ist eines der Highlights der Spielzeit. Schon Monate im Voraus beginnt man damit, Flüge zu koordinieren und Hotels zu buchen, Probenpläne zu erstellen. Auch die ersten Besetzungen stehen bereits fest. Eröffnet wird die Woche durch Gäste wie Ashley Bouder vom New York City Ballet und Vladimir Shklyarov vom Mariinsky-Ballett, die mich nach ihrem Auftritt in Jewels sprachlos lassen. Ballettfestwoche bedeutet viel Arbeit. Jeden Tag werden mindestens zwei bis drei verschiedene Ballette geprobt, die Köpfe rauchen, die Körper schmerzen. Als Außenstehende ist es manchmal schwer zu verstehen, warum Menschen bis zur äußersten Schmerzgrenze und sogar darüber hinaus gehen, um ihren Traum, das Tanzen, zu leben. Acht Tage, acht unterschiedliche Produktionen hintereinander weg: Nach dieser Woche hat sich das Ensemble ein paar ballettfreie Tage sehr verdient.

4. Akt

Auf dem Marstallplatz hinter dem Nationaltheater sammeln sich nach und nach mehr Menschen. Einige mit kleinen Rollkoffern, andere mit Taschen, die so groß sind, als könne man mit ihnen mehrere Monate verreisen. Schließlich steigen alle in den selben Bus Richtung Ludwigshafen. Das Stück mit dem wir im Mai auf Gastspiel fahren, ist Anna Karenina. Obwohl es in München schon vor zwei Jahren Premiere feierte und die Tänzerinnen und Tänzer sehr routiniert sind, ist es für alle aufregend auf einer noch unbekannten Bühne zu performen. Somit heißt es die Bühnenfläche erkunden, Szenen stellen, bevor sie getanzt werden, und Umzüge proben. Der Aufwand lohnt sich. Auch in Ludwigshafen bleiben die Standing Ovations nicht aus. Ich fühle mich geehrt, dabei zu sein.

Das Pferderennen © Wilfried Hösl
Das Pferderennen © Wilfried Hösl
Ksenia Ryzhkova als Anna Karenina © Wilfried Hösl
Ksenia Ryzhkova als Anna Karenina © Wilfried Hösl
Kitty & Kostja bei ihrer Hochzeit (Laurretta Summerscales & Jonah Cook) © Wilfried Hösl
Kitty & Kostja bei ihrer Hochzeit (Laurretta Summerscales & Jonah Cook) © Wilfried Hösl

Finale

Es ist Juli und nun ist die Spielzeit vorbei. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht... Zwar freuen sich alle auf die langersehnte Sommerpause, doch dies bedeutet auch Abschied. “Bittersweet” nennen die Tänzerinnern und Tänzer es: Ein Ereignis, dass auf eine bizarre Weise schön und traurig zugleich ist. Und das ist es auch für mich: In diesem Jahr habe ich mehr gelernt als ich es jemals vermutet hätte. Ganz werde ich die Ballettwelt nie verstehen, aber jetzt weiß ich, dass hinter all der schönen Kunst, die die Zuschauerinnen und Zuschauer auf der Bühne sehen, unfassbar harte körperliche Arbeit steht. Die Tänzerinnen und Tänzer geben für diesen Beruf viel mehr auf, als wir uns vorstellen können. Es ist kein nine-to-five Job, der mit dem abendlichen Heimweg beendet ist. Die Disziplin und das ständige Strapazieren des Körpers und des Geistes und schließlich das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben zu finden, ist eine der täglichen Herausforderungen. Ich bewundere diese zu tiefst, denke aber, dass ich sie in diesem Ausmaß niemals werde nachvollziehen können. Für ein Jahr Teil einer Institution wie der des Bayerischen Staatsballetts zu sein, hat mir jedoch die Möglichkeit gegeben, einen Einblick in eben diesen Balanceakt zu erhalten und die Magie der Ballettwelt zu spüren.

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