Frau Holle aus der Requisite

RequisiteOnegin

Szene aus "Onegin": Polina Semionova, Javier Amo, Ivy Amista und Marlon Dino
Szene aus "Onegin": Polina Semionova, Javier Amo, Ivy Amista und Marlon Dino

Manche Special Effects auf dem Theater gibt es bereits so lange, dass wir sie nicht mehr als etwas Besonderes wahrnehmen. Das sind sie jedoch durchaus, gerade weil es sie seit Jahrzehnten ohne größere Technisierung gibt. Wir haben uns gefragt: Wie geht das eigentlich mit dem Winter auf der Bühne?

John Crankos Onegin, Ende des zweiten Aktes. Aufgrund seines Hochmutes – und seines Frauenverschleißes – wird Eugen Onegin gleich seinem einstmals besten Freund Lenski im Duell gegenüber stehen. Aber noch ist er nicht da und Lenski ist alleine. Wir befinden uns in Russland, es ist Winter und wenn Lenski in seinem letzten Solo vor dem Tod in die Arabeske geht und die Violine ihr schmerzvolles Klagelied über verlorene Freundschaften und die Wahrung der Ehre anstimmt, beginnt es, lautlos zu schneien.

Leise sinken die Flocken zu Boden, bedecken den (Tanz-)Boden und uns, den Zuschauern, wird optisch kalt. Wir fühlen uns draußen und alleine mit dem Mann, von dem wir wissen, dass dies sein letzter Tanz sein wird.

Quadratische Flocken: die Schneevorräte der Requisite
Quadratische Flocken: die Schneevorräte der Requisite

Doch was ist es, das da aus dem Bühnenhimmel sinkt und nicht schmilzt, den Boden nicht rutschig macht und uns doch hinfort trägt in einen russischen Wintertag? Die Antwort ist so einfach, dass man es sich fast nicht zu sagen traut: Unsere Bühnen-Frau-Holle aus der Requisite wirft mit Papier. Und das fällt aus einer Schneewiege über der Bühne, bestehend aus zwei Netzen, befestigt an zwei Stangen, die sich gegeneinander bewegen und so zwischen den Netzen immer wieder Fall-Löcher produzieren.

Und um aus den Schnipseln Schnee zu machen? Licht! „Wir verwenden spezielle Scheinwerfer mit hellem, kalten, blauen Licht“, sagt Beleuchtungsmeister Christian Kass, „wichtig ist, dass das Licht von den Seiten kommt. Die eigentlich harten Kanten unserer Flocken werden für das Auge des Betrachters ausgeblendet, das weiße Papier flirrt und dreht sich im Licht und wir sehen, was für uns aus der Ferne wie Schneeflocken erscheint.“ Den Rest macht das menschliche Gehirn und produziert das entsprechende körperliche Kältegefühl.

So einfach, so wirkungsvoll.

Bevor Sie jetzt jedoch ihre alte Akten schreddern und uns als Requisite zur Verfügung stellen, müssen wir betonen: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Unsere profanen Papierquadrate bestehen aus einem speziellen, schwer brennbaren Material. Und nach dem Schneegestöber auf der Bühne werden die vier Kilo Neuschnee von unserem fleißigen Winterdienst (unseren Bühnentechnikern) zusammengekehrt und in Säcke verpackt, um die Bühne auch in den folgenden Vorstellungen wieder in eine traumhafte Winterlandschaft verwandeln zu können.

Lenskis "Todessolo": Lukáš Slavický im zweiten Akt von John Crankos "Onegin"
Lenskis "Todessolo": Lukáš Slavický im zweiten Akt von John Crankos "Onegin"

Kommentare

  • Am 18.03.2015 um 18:49 Uhr schrieb Helmut Lisberger

    Rutschgefahr

    Warum rutschen die Tänzer nicht aus, mit den Papierschnipseln zwischen Boden und Schuh?

  • Am 28.02.2019 um 20:17 Uhr schrieb

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