Flanieren per Video

Vox PopuliVideo-Walk

Noch bis 31. Juli können die drei Video-Walks Auf offener Straße rund ums Nationaltheater begangen werden. Doch was ist das eigentlich – ein Video-Walk? Konzipiert und gestaltet wurde dieses Projekt von Regie-Studierenden der Bayerischen Theaterakademie August Everding unter der Leitung von Josef Bairlein, der ein paar Einblicke in dieses Projekt und den Produktionsprozess gibt.

Was ist ein Video-Walk?

Ein Video-Walk ist eigentlich nichts anderes als ein Spaziergang. Allerdings wird der Spaziergänger dabei von einem Film geleitet: Er folgt den Bildern auf seinem Smartphone, als ob er diese selbst aufnehmen würde. Die Filmbilder führen ihn auf seinem Weg und schreiben ihm den Blick vor. Wie das technisch funktioniert, steht hier.

Die Walks verlaufen dabei für jeden Teilnehmer anders – je nachdem, was gerade um ihn herum passiert. Und in dieser Diskrepanz (oder im Zusammenspiel) von aktueller und gefilmter Situation besteht auch der Reiz dieses Formats: wenn zum Beispiel eine Person ins Filmbild kommt und an gleicher Stelle tatsächlich eine Person steht; wenn sich aufgenommene Geräusche mit dem Straßengeschehen überlagern und so fort.

Der Teilnehmer wird zum Flaneur zwischen An- und Abwesendem, zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem.

Was macht die drei Video-Walks aus?

Auf offener Straße besteht aus drei Filmen und damit drei Walks, die miteinander in Verbindung stehen, aber ebenso auch einzeln begangen werden können.

Die Video-Walks sind assoziativ gestaltet. Verschiedene Motive kehren in Abwandlung wieder oder verweisen auf andere. Uns war es wichtig, keine Geschichte zu erzählen, sondern einen Raum der Assoziation, des Fragens und Suchens zu eröffnen. Dies entspricht auch eher der medialen Verfasstheit des Video-Walks, handelt es sich hierbei um ein stetiges Vergleichen und Abgleichen der unmittelbaren Situation mit der filmisch gezeigten. Die einzelnen Motive lehnen sich sehr frei ans Spielzeitmotto vox populi an und umspielen die jeweiligen Örtlichkeiten.

Wir haben bei Auf offener Straße viel mit Musik gearbeitet – vornehmlich mit popularisierter klassischer Musik. Leitend war die Frage, wie Musik und ihre unterschiedlichen Rezeptionsformen unsere Wahrnehmung der Umgebung und unsere Bewegung im Raum beeinflussen. Musik kehrt so in ganz unterschiedlicher Weise in den einzelnen Walks wieder.

Wie gestaltete sich die Umsetzung?

Wir mussten sehr viel experimentieren. Wie schnell darf und muss eine Kamerafahrt sein, um den Betrachter noch mitzunehmen? Bei einem Probedreh beispielsweise sind wir einer Person mit der Kamera gefolgt; beim Ausprobieren der gedrehten Sequenz haben wir festgestellt, dass sämtliche „Probewalker“ genau zwei Meter weiter zum Stehen kamen als vorgesehen: Sie alle haben die Geschwindigkeit falsch eingeschätzt, alle aber in gleicher Weise. Wir mussten also sehr genau beachten, dass die suggerierte und die reale Geschwindigkeit übereinstimmen bzw. sich an zentralen Momenten wieder ausgleichen.

Zudem haben wir in sehr langen Plansequenzen von bis zu zehn Minuten gedreht, d.h. ohne die Möglichkeit eines Schnittes. Diese langen Takes bedürfen einer genauen Planung, ohne dass wir alles genau planen konnten – oder auch wollten. So war es für uns wichtig, dass auch Passanten „mitspielen“, dass wir die Orte so filmen, wie wir sie vorfinden; wir haben die Drehorte deswegen nicht absperren lassen. Auf der Maximilianstraße beispielsweise kann es dann aber auf einmal sehr eng werden und man muss improvisieren.

Nicht zuletzt musste sich auch unser Kameramann umstellen und gegen erlernte Prinzipien verstoßen. Wir drehten mit Steadicam (einem Schwebestativ, das am Körper befestigt ist und weitgehend wackelfreie Bilder ermöglicht). Hierdurch sind gleitende Bewegungen möglich. Es galt einerseits Bilder zu schaffen, die den Betrachter mitnehmen, andererseits aber einfach auch schöne Bilder zu kreieren. Beidem wollten wir Rechnung tragen, was nicht immer leicht war, uns aber – wie ich hoffe – gelungen ist.

Auf offener Straße
Drei Video-Walks
Reigen: Max-Joseph-Platz, Zugang zur Tiefgarage vor dem Nationaltheater
Quadrat: Marstallplatz, Tageskasse der Bayerischen Staatstheater
Parade: Maximilianstraße, Bühneneingang des Nationaltheaters
Noch bis 31. Juli 2013

Kommentare

  • Am 30.08.2013 um 21:30 Uhr schrieb Dipl.-Psych. Thorsten Kerbs

    Kreativ und mutig, danke dafür! Gerne würde ich mit Schülern bei einem solchen Dreh oder ähnlichen Projekten mit dabei sein. Kündigen Sie solche Projekte eigentlich an, auf dass eine Teilnahme geplant werden könnte? Ich denke, dass solche Veranstaltungen für bislang wenig theateraffine Jugendliche ein faszinierender Einstieg sein könnte.

  • Am 16.09.2013 um 11:44 Uhr schrieb Johannes Lachermeier - Redaktion

    Im konkreten Fall haben wir über unseren Newsletter und die sozialen Netzwerke nach freiwilligen TeilnehmerInnen gesucht. Bei zukünftigen Projekten (die jedoch momentan noch nicht feststehen) werden wir vermutlich ähnlich verfahren. Am besten also, Sie melden sich unter www.staatsoper.de/newsletter für den Opernnewsletter an, dann entgeht Ihnen so etwas in Zukunft nicht.

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