Fast ein ganzes Orchester

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Sänger, Dirigent, Orchestermusiker – von all diesen Berufen an einem Opernhaus hat man klare Vorstellungen. Aber was genau macht eigentlich ein Repetitor? Wir haben uns mit Naomi Schmidt, der Repetitorin des Opernstudios, über ihren spannenden und abwechslungsreichen Beruf hinter den Kulissen unterhalten.

Es ist Anfang April. Knapp drei Wochen dauert es noch bis zur Premiere von Bohuslav Martin?s Oper Mirandolina, der diesjährigen Neuproduktion des Opernstudios. Die szenischen Proben laufen bereits. Eng ist es hier im Probenraum: Der provisorische Aufbau der Bühne füllt den Wernicke-Saal fast bis an die Wände aus. Drum herum tummeln sich die Mitarbeiter des Regieteams, der Dirigent sowie die Sänger, die gerade Pause haben. Am meisten Platz hat wahrscheinlich Naomi, die aufmerksam hinter ihrem Flügel hervorschaut. Vor ihr aufgeschlagen steht der Klavierauszug von Mirandolina – abgesehen von ihrem Instrument ihr wichtigstes Handwerkszeug. Regisseur Christian Stückl probiert gerade ein Duett mit den beiden Hauptfiguren szenisch, das heißt noch ohne Musik und Gesang. Währenddessen nutzt Naomi die Zeit, um mit dem Dirigenten Alexander Prior noch ein paar musikalische Feinheiten zu besprechen. Als Repetitorin ist sie seine „rechte Hand“ und Beraterin zugleich. „Zusammen mit Regisseur, Regieassistenten und dem Dirigenten sind wir die Konstanten, die auf jeder Probe da sind“, sagt die Pianistin, die mit Mirandolina neben zahlreichen Liederabenden und Konzerten bereits ihre zweite Produktion des Opernstudios hier am Haus betreut. Normalerweise werden in einer Neuproduktion mindestens zwei Repetitoren eingeteilt, aber im Opernstudio ist sie alleine im Einsatz. Und plötzlich kommt er auch schon, ihr Einsatz: Die „trockene“ Absprache ist beendet, jetzt müssen die Sänger ihre Szene nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch umsetzen. Der Dirigent hebt an und Naomi beginnt zu spielen. Was wir hören, ist die Orchestermusik. Im Klavierauszug ist die Partitur der Oper auf die wichtigsten Stimmen reduziert. Damit ersetzt der Repetitor das Orchester in allen szenischen Proben. Und das sind viele: Rund 150 Stunden probiert das Ensemble mit Regisseur und Dirigent ohne Orchester. Bis zu den Endproben gilt: Kein Repetitor – keine Musik! Bei den Endproben fungiert der Repetitor schließlich als Berater des Dirigenten; er überwacht die musikalische Qualität aller Beteiligten und gibt dem Dirigenten Rückmeldung zur Balance innerhalb des Orchesters und zwischen den Musikern und Sängern. Dass er hierfür der beste Experte ist, zeigt folgende Tatsache: Er muss in seinem Klavierspiel nicht nur die Orchestrierung möglichst genau wiedergeben, sondern zusätzlich die Partien von fehlenden Sängern mit der eigenen Stimme markieren. Am Anfang sei es schon eine große Überwindung gewesen vor Profi-Sängern einfach mal los zu singen: „Du bist halt einfach kein Sänger und das meiste musst du auch oktavieren, aber im Grunde sind ja alle wahnsinnig dankbar, dass irgendwer die fehlenden Stimmen ersetzt.“

Um ein ganzes Orchester und fehlende Sänger imitieren zu können, muss man die Partitur eines Werkes sehr gut verinnerlicht haben: „Es ist ein Job, in dem man musikalische Zusammenhänge schnell erfassen und wiedergeben können muss, sonst schaffst du das Pensum nicht.“ Mit allen hier in der Probe anwesenden Sängern hat Naomi die Partien in Einzelproben gemeinsam einstudiert. Dies ist, vor der Begleitung der szenischen Proben und der Beratung in den Endproben, die erste große Aufgabe des Repetitors in einer Neuproduktion.

Dabei verhilft der Repetitor dank seiner präzisen Partitur-Kenntnis dem Sänger zunächst einmal zur Orientierung im Werk: Er entschlüsselt das Werk auf Motivik und analysiert prägnante Anschlussstellen, um dem Sänger Hilfestellungen für seine Einsätze zu geben. Manchmal müssen auch Fehler behoben werden: Die Ursache für ein stimmliches Problem an einer bestimmten Stelle liege oft schon viele Takte vorher. Frei nach dem Kinderspiel „Finde die Maus!“ gelte es, genau diese Stellen zu finden.

Außerdem wird an korrekter Intonation sowie präzisem Rhythmus genauso gefeilt wie an sprachlicher Artikulation und Betonung. Gerade bei Mirandolina spielt die Sprache eine wichtige Rolle: Da Martin? an manchen Stellen gegen den italienischen Sprachfluss komponiert hat, mussten die Sänger zusammen mit Naomi und einer eigens engagierten Sprachtrainerin Lösungen erarbeiten, Musik und Sprache bestmöglich miteinander zu vereinen. Über die musikalische und sprachliche Einstudierung hinaus machen sich Repetitor und Sänger außerdem gemeinsam ein Bild von der Rolle und erarbeiten charakterliche Feinheiten. Abwechslungsreich und spannend sei diese Arbeit, beteuert Naomi. Vor allem mache es ihr Spaß, sich in jeder Stunde neu auf den Sänger einzustellen und einfühlsam auf seine Persönlichkeit und seine Stimme einzugehen: „Jede Stunde ist individuell.“

Die Tatsache, dass vielleicht nicht jeder etwas mit dem Beruf des Repetitors verbinden kann, stört Naomi wenig. Für sie sei das positive Feedback und das Vertrauen der Sänger Entlohnung genug. Außerdem stehe sie bei zahlreichen Liederabenden und Konzerten regelmäßig mit auf der Bühne. Das Lied ist übrigens ihre große Leidenschaft. Es macht ihr besonders große Freude, die Umsetzung eines Textes in Musik aktiv mitzugestalten und verschiedene Farben und Stimmungen aus einem Werk zu kreieren: „Das Schöne an meinem Job ist, dass ich mit den Sängern von Beginn an musiziere und etwas erschaffe.“ Deshalb ist ihr Beruf als Repetitorin an der Bayerischen Staatsoper auch nicht (wie in vielen Fällen) nur Durchgangsstation zur Dirigentin. Im Gegenteil: Sie möchte weiterhin als Pianistin und als Repetitorin arbeiten: „Ich liebe mein Instrument, das Klavier, und möchte ihm treu bleiben!“

Die Probenphase für Mirandolina ist beendet, bald ist Premiere. Für Naomi ist die Arbeit an an diesem Werk jedoch lange noch nicht abgeschlossen: Sie sitzt bei den Aufführungen im Orchestergraben. Das Klavier ist in der hier gespielten Fassung Teil des Orchesters.

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