Farbenfroh und schillernd

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den Auftakt der Serie bildet die Orchesterhauptprobe zu George Balanchines Jewels am 24. Oktober 2018.

Ein farbenfroh schillernder Ballettabend - George Balanchines „Jewels“ feiert seine Premiere am Bayerischen Staatsballett

von Hannah Duffek

Funkelnd, feurig, filigran: In schillernder Abwechslung reihen sich die drei Teile des abstrakten Balletts Jewels aneinander, denen George Balanchine 1967 die Juwelen Emeralds, Rubies und Diamonds zuordnete. Das erwartungsvolle Auge wird dabei nicht enttäuscht: Das rekonstruierte farbenfrohe Bühnenkonzept Peter Harveys hüllt das Publikum erst in das sphärische Grün des Smaragds, dann in das temperamentvolle Rot des Rubins und schließlich in das elegante Blau-Weiß des Diamants. Statt einer Handlung verfolgt der Tanzvisionär eine charakterisierende und zugleich ehrende Dramaturgie, indem er seine biografischen Eckpfeiler Frankreich, Amerika und Russland verbindet.

Von runden Formen und grünen Verläufen gerahmt zollt Balanchine im ersten Teil Frankreich seinen Respekt. Aus den großen symmetrischen Gruppenbildern kristallisiert sich das respektvoll intime Miteinander des ersten solistischen Paares, das sich elegant in Gabriel Faurés Klänge hineinschmiegt. Je bewegter die Musik wird, desto mutiger und verspielter wird das dennoch lyrisch tanzende Paar, das in den ruhigen Momenten zu einer konzentrierten Verbindung auch durch den Raum hindurch zurückfindet. Dem sanften Puls der Musik folgend schreitet das zweite solistische Paar über die Bühne, kann sich jedoch nicht komplett von einer vorsichtigen Behutsamkeit befreien. Mit freudigem und final anmutendem Charakter erwacht die Szenerie durch vielschichtige Gruppenbilder zu neuem Leben, die zwischen kleinen Formationen und großen Reihen den Raum dynamisch formen. Umso größer wirkt der Kontrast zum geradezu demütigen männlichen Trio, welches Emeralds kniend und den Arm emporstreckend auf einer melancholischen Note enden lässt.

Mit feuriger und provokativer Kraft wird der Schleier der Melancholie hinweggefegt und Platz für das kantige rot-schwarze Fragment des Rubins gemacht. Dieser Bruch findet nicht nur im Bühnenbild statt, sondern vor allem im kontrastierenden Bewegungsvokabular, das sich Balanchine zu Igor Strawinskys Capriccio for Piano and Orchestra erdachte. An seine Broadway- und Showbusinesszeit in Amerika erinnernd, lässt er die 15 Tänzerinnen und Tänzer kokettierend ihre Hüften vor- und zurückschieben, auf Hacken statt auf Spitzen die Bühne einnehmen und bricht schließlich auch die klassisch-romantische Handhaltung. Im Frage-Antwort-Spiel sowie häufig in der Imitation findet der verspielte Gestus auch innerhalb des Ensembles statt und vermittelt – unterstrichen vom sehr präsenten Rot – eine enorme Tanzlust und sprühende Elektrizität. Dekorative Momente von Revuetänzerinnen sind ebenso klar und präzise mit der Musik abgestimmt wie die teils überdehnenden und grenzüberschreitenden Bewegungen des Ensembles. Besonders sticht dabei die Solistin Prisca Zeisel hervor, der im Eifer des Gefechts eine gewisse Ähnlichkeit zum Feuervogel nicht abzusprechen ist. Da auf sie damals zugeschnitten hat Zeisel mit der Tänzerin Patricia Neary die ideale Hilfe bei der Einstudierung gehabt. Stark, entschieden und selbstbewusst endet der zweite, leider deutlich kürzere, Teil.

Spätestens während sich zu Pjotr Tschaikowskys Klängen der dritten Sinfonie der Vorhang öffnet wird die Idee des Choreografen deutlich. Das Bühnenbild des Diamonds-Teils verbindet geometrisch zwar die beiden vorherigen Abschnitte, kreiert in seiner blauen und weißen Gestaltung – in Abgrenzung zum eher wilden Gestus des Rubins – eine ruhige Atmosphäre. Der russische Tanz wird hier in gewohnt eleganter Manier vollführt und brilliert in den homogenen wie wirkungsvollen Gruppenformationen, wohingegen sich das Solistenpaar nicht ganz einig zu sein scheint. In seinem dritten Teil gehen Balanchines Bewegungen in die Weite und sind gewürzt mit folkloristischen Anklängen. Gemeinsam mit dem Orchester kulminiert das Finale in beeindruckender Spannung und knüpft so an die bezaubernden Startmomente des Stückes an. Daraus resultiert ein Tanzabend, der den wertvollen Juwelen alle Ehre macht.

 

Hannah Duffek ist Masterstudentin der Musik- und Tanzwissenschaften an der Universität Salzburg. Duffek ist künstlerisch besonders dem 20. Jahrhundert verbunden und verfolgt ihr Interesse im mittlerweile dritten Semester vertiefend mit dem Schwerpunkt der russischen Avantgarde. Der Liebe zu Komponisten wie Schostakowitsch geht sie dabei außerdem redaktionell und journalistisch in ihrem Nebenjob beim Konzert- und Opernmagazin „concerti“ nach.

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