Fantastische Welt

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 2. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu Christopher Wheeldons Alice im Wunderland am 17. November 2018.

Die fantastische Welt von „Alice im Wunderland“ an der Bayerischen Staatsoper München

von Natalie Stadler

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schuf der britische Schriftsteller Lewis Carroll mit seiner Erzählung über das junge Mädchen Alice, das sich in einer Fantasiewelt wiederfindet und unzählige Abenteuer erlebt, einen Kinderbuchklassiker, der bis in die heutige Zeit nichts von seiner Popularität eingebüßt hat. Oft wurde diese Geschichte seit ihrer Entstehung adaptiert und in die unterschiedlichsten Künste übertragen. So schaffte es das Kuriosum von Alice im Wunderland vor sieben Jahren in einem erzählerischen Ballett mit der Choreografie von Christopher Wheeldon und der Musik von Joby Talbot und Nicholas Wright auf die Bühne des Royal Ballet in London. Im April letzten Jahres übernahm auch das Bayerische Staatsballett die fantastische und zauberhafte Inszenierung.   „“

In drei Akten wird das Publikum in ein Abenteuer zwischen den Welten entführt. Gleich unzähliger Zahnräder greifen die vielfältigen Bühnenbildelemente ineinander und kreieren einen Bühnenzauber, der die ZuschauerInnen in den Bann der magischen Welt von Alice hineinzieht. Bunte Kostüme, Videoprojektionen, die den Eindruck einer 3D-Animation entstehen lassen, und das Spiel mit überlebensgroßen Puppen verstärken diesen Eindruck. Die Bühne selbst wird in die beiden Bereiche der Vorder- und Hinterbühne unterteilt. Diese Ebenen greifen ineinander und lassen einen fließenden Übergang der unterschiedlichen Bühnenverwandlungen überhaupt erst möglich erscheinen. Selbst der Zuschauerraum wird im ersten Akt bespielt, wenn Rosenblätter aus Papier von den Logen ins Parkett fallen. Die Abenteuer, die Alice im Wunderland erlebt, werden zu einem Traum, zu einer Geschichte, die die Protagonistin in ihrer Vorstellung erträumt. Generell gibt es zwei Ebenen – die Ebene des Realen und die fiktive Dimension des Wunderlands. Alle Figuren, die Alice aus ihrer Realität kennt, trifft sie in veränderter Form in ihrer Fiktion wieder. Ihre Mutter wird beispielsweise zur bösen Herzkönigin, ihr Freund Jack zum Herzbuben und ihr Vater zum Herzkönig. Den Konflikt mit ihrer Mutter überträgt Alice ins Fiktive und bringt ihn so auf märchenhaft veränderte Weise selbst ins Wunderland.

Zudem lassen sich zwei unterschiedliche inszenatorische Ebenen im Wunderland entdecken. Hier ist nicht Fiktion und Realität, sondern Zeit die entscheidende Variable. Vergehen die Sekunden und Minuten auf gewohnte Weise, so zeigt sich das Bühnenlicht meist in hellen und freundlichen Farben. Vergeht die Zeit jedoch langsamer oder gar in Zeitlupe, so wird die Szenerie in Blautöne getaucht. Alice träumt einen Traum im Traum und sieht eine Illusion im Fantastischen. Sie schlüpft selbst in ihrer Vorstellung in eine verzauberte Welt und trifft dort auf die buntesten und fantasievollsten Gestalten. Auch wenn Alice immer wieder den Eindruck erweckt, die Geschichte würde um sie herum und mit ihr passieren, so ist es doch immer wieder sie selbst, die die Ereignisse aktiv beeinflusst und lenkt. Sie ist es, die den Zeiger der Uhr zum Rückwärtslaufen bewegen kann und damit die Fäden, an denen sie selbst zu hängen scheint, letztlich lenkt.    

Auch die Orchestermusik – die immer wieder an Filmmusik erinnert – ist maßgeblich an der erzählerischen Handlungsstruktur dieses Ballettes beteiligt. Die verschiedenen Instrumentengruppen werden gezielt eingesetzt, um unterschiedliche Emotionen und Stimmungen zu erzeugen. Wird auf der Bühne beispielsweise eine schwungvolle oder aggressive Szenerie gezeigt, so sind Bläser und Schlagwerk dominant. Geht es aber um eine romantische Situation, so führen die Streicher. Entführt das Stück die Zuschauer in die Welt des Radschas und der Raupe, so sind orientalische Klänge aus dem Orchestergraben zu hören.

Soll eine Traumsequenz auf der Bühne erzählt werden, so bewegt sich auch die Musik in immer gleichbleibenden Figuren. An anderer Stelle erzählt ein Thema durch seine stetige Wiederholung einen Trance-Zustand der Protagonisten. Dadurch erhält die Musik in diesem Stück eine klare erzählerische Dimension. Oft werden auch die Bewegungen der Tänzer mit der Musik und den Akzenten des Orchesters synchron ausgeführt.

Nicht nur die Musik, sondern auch die Figuren erzählen mit ihren Bewegungen die Geschichte von Alice im Wunderland weiter. Die Choreografie wechselt zwischen klassischen Paartanzformen, Soli und Gruppenchoreografien und vergisst dabei nicht, den roten Faden der Geschichte weiter zu führen. Die einzige Ausnahme bilden dabei die Solotänze, die hauptsächlich der Charakterisierung der Hauptfiguren dienen. Teile dieser Soli werden – gleich den musikalischen Themen – an anderen Stellen im Stück wiederverwendet und neu bearbeitet. Es würde zu weit führen, Komposition und Choreographie in die Tradition der wagnerianischen Leitmotivrezeption zu stellen, und doch finden sich immer wieder Anklänge an eben diese Technik, die sowohl in Wheeldons als auch in Talbots Arbeit feststellbar sind. Tanzen alle Charaktere auf der Bühne, die jeweils mit einem individuellen Thema ausgeformt wurden, so vermischen sich auch ihre musikalischen und tänzerischen Attribuierungen.

Alice im Wunderland  getanzt vom Bayerischen Staatsballett München ist ein abendfüllendes Stück voller Bühnenzauber, Fantasie und Illusion, das bereits für ein sehr junges Publikum geeignet ist. Es verbindet eine märchenhafte Erzählstruktur mit einem durchdachten und eindrucksvollen Bühnenkonzept, das durch seine Wandelbarkeit den Zauber des Ballettes überhaupt erst möglich macht. Es zieht das Publikum in seinen Bann und profitiert, trotz seiner Länge von knapp drei Stunden, von einer enormen Kurzweiligkeit.

 

Natalie Stadler spezialisierte sich nach ihrem Bachelorstudium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis in den Fächern Musik und Theater auf die Musik- und Tanzwissenschaft. An der Universität Salzburg schreibt sie derzeit an ihrer Dissertation zum Thema "Musik und Tanz in den Salzburger Inszenierungen des Schauspiels Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes". Neben ihrer wissenschaftlichen Forschung arbeitet sie als Regieassistentin und Inspizientin bei Musiktheater- und Schauspielproduktionen an deutschen und österreichischen Theaterhäusern sowie bei den Salzburger Festspielen.

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