Erinnerungen an Astrid Varnay - zu ihrem 100. Geburtstag

Sie war eine, wenn nicht die große Wagner-Interpretin ihrer Zeit. Heute wäre die Sängerin Astrid Varnay 100 Jahre alt geworden. Eine Freundin erinnert sich an die der Bayerischen Staatsoper so eng verbundene Sängerin.

Schon ihr erster Auftritt auf der Bühne machte Astrid Varnay zu einer Legende: Mit gerade Mal 23 Jahren debütierte sie an der Metropolitan Opera in New York als Einspringerin für Lotte Lehmann in der Partie der Sieglinde in Richard Wagners Die Walküre (6.12.1941). Nur sechs Tage später sprang sie erneut ein, als Brünnhilde. Damit startete eine einmalige Opernkarriere, erst in Amerika und wenig später in Europa, die in München nach vielen Jahren, Rollen und Auftritten endete, um in einer zweiten Berufung zu münden: Als Lehrerin und Mentorin unterrichete Varnay viele Jahre das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper. Gemeinsam mit einer guten Freundin, Krista Thiele, die viele Jahre in der Dramaturgie der Bayerischen Staatsoper arbeitete, erinnern wir uns an eine herausragende Persönlichkeit, unvergessene Stimme und einen humorvollen Menschen.

 

Astrid Varnay
Astrid Varnay

Krista Thiele: Der erste und immer erneute Eindruck bei ihr war respekteinflößend. Man konnte am Anfang gar nicht so einfach Zugang finden, weil sie auch sehr streng wirkte. Aber ich hab sie einfach gemocht wegen ihrer unglaublichen Ausstrahlung.

Am 25. April 1918 wird Astrid Varnay in Stockholm geboren. Ihre Eltern stammen aus Ungarn und sind beide Sänger. Ihr Vater arbeitet an der Oper in Stockholm als Regisseur, ihre Mutter ist Koloratursopranistin. 1920 siedelt die Familie in die USA über. Dort nimmt Astrid Varnay die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Sie stand auf der Bühne und man schaute nur noch auf sie. Die ganze darzustellende Person war bereits vorhanden, bevor Astrid in Aktion trat. Das hing wahrscheinlich damit zusammen, dass sie ihre Rollen so intensiv erfasste. Sie ging immer vom Wort aus, hat nie  eine Partie nur gesanglich abgeliefert. Sie sagte: „Ich muss doch erstmal verstehen, was diese Figur sagt und dann kann ich das in Ton umsetzen.“ Nun war sie ja sehr intensiv geschult durch ihre Eltern, die beide Sänger waren. Ihr Vater ist früh gestorben, aber ihre Mutter hat dann ihre ganze Ausbildung übernommen. Zudem gab es einen Menschen, der sie noch vor ihrem sensationellen Debut in Amerika unterrichtet hatte: Hermann Weigert, ihr späterer Ehemann. Er war Repetitor und Dirigent und hat ihr vermittelt, wie man diese Rollen erarbeitet.

Nach dem Auftritt in „Tannhäuser“ als Elisabeth (1954)
Nach dem Auftritt in „Tannhäuser“ als Elisabeth (1954)
Astrid Varnay probiert Schuhe für ein neues Kostüm an
Astrid Varnay probiert Schuhe für ein neues Kostüm an

In Europa startete Varnay ihre Karriere zunächst in London und wurde bald nach Bayreuth (1951) geholt, wo sie mehr als 15 Jahre auftrat und über 100 Mal die Partie der Ortrud in Wagners Lohengrin sang sowie als Brünnhilde knapp 140 Mal auf der Bühne stand. Oft zitiert wird ein Satz von Wieland Wagner, der auf das karge Bühnenbild seiner Inszenierung angesprochen, gesagt haben soll: „Was brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich Astrid Varnay habe?“

Als sie dann nach Europa kam, haben alle natürlich gejubelt, weil die Regisseure wussten, mit ihr können sie moderne Regie machen. Denn sie weiß um die Figuren und ihre Psychologie. Und auf etwas war sie sehr stolz: „Ich habe nie in Bayreuth vorsingen müssen.“

Mit den Wagnerpartien Elsa, Ortrud, Brünnhilde, Elisabeth, Isolde oder Kundry wurde Astrid Varnay bekannt. Später setzte sie Figuren wie Richard Strauss' Elektra oder Klytämnestra ihren Stempel auf.

Diese Rollen passten sehr zu ihrer großen Stimme. Was sie gereizt hat, war die Vielschichtigkeit von Figuren, und Charaktere, die etwas dämonisches hatten. So eine Ortrud oder Elektra– starke Frauen, die Abgründe haben. Es reizte sie zum Beispiel das Böse, obwohl sie ja selbst eine warmherzige Person war. Als ich sie einmal fragte: „Astrid, hast du eine Rolle, die du gerne noch gesungen hättest?“ – „Ja, den Jago. Den hätte ich gerne gesungen.“ Dabei hatte sie gar nichts Böses oder Intrigantes an sich.

Astrid Varnay im Interview mit August Everding

1952 debütierte Astrid Varnay am Münchner Prinzregententheater und war ab diesem Zeitpunkt Mitglied der Bayerischen Staatsoper. Nach dem Tod ihres Mannes 1955 ließ sie sich in München nieder, wo sie lange Jahre große Rollen ausfüllte.

Als ich mit Astrid zusammenkam, studierte sie die Klytämnestra ein (1972). Irgendwie hat es sich dann ergeben: Man mochte sich und wir haben gerne mal zusammen gesessen. Wir konnten vor allem gut miteinander lachen. Sie war nämlich eine Frau von unglaublichem Humor. Sie konnte wunderbar Witze erzählen. Sie hatte so einen sarkastischen Humor, der die Dinge immer auf die Spitze brachte – sehr trocken. Manchmal war ihr Witz geradezu gefürchtet, weil er so messerscharf war. Aber streng war sie eben auch, mit sich selbst und mit anderen. Sie war eine sehr disziplinierte Person. Sie hasste Unpünktlichkeit. Bei Proben saß sie schon eine gute Stunde vorher in der Garderobe. Für sie
hatte das auch etwas mit Kollegialität zu tun. Man lässt seine Kollegen nicht warten.

Astrid Varnay im Gespräch mit Emil Preetorius und Rudolf Hartmann (Fidelio)
Astrid Varnay im Gespräch mit Emil Preetorius (Bühne) und Rudolf Hartmann (Regie) vor der Premiere von „Fidelio“
Astrid Varnay gibt Autogramme im Prinzregententheater
Astrid Varnay gibt Autogramme im Prinzregententheater

1967 wird Astrid Varnay zur Bayerischen Kammersängerin ernannt. Zuvor hatte sie bereits begonnen, Rollen des Mezzo-Fachs zu übernehmen.

Ich mochte sie eigentlich in all ihren Rollen, aber es gab eine, die ganz besonders war. Das war vielleicht ihre beste, ganz große Partie: die Küsterin in Jenůfa. Zu dieser Rolle hatte sie ein ganz besonderes Verhältnis. Man hatte sie ihr schon früher angeboten, aber da hat sie gesagt: „Nein, ich kann diese Rolle noch nicht singen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Frau ein Kind tötet.“ Sie hat lange gebraucht, die nötige künstlerische Distanz zu dieser Rolle zu bekommen. Aber dann ist das eine ihrer ganz, ganz großen Partien geworden. Ich habe nie bei einer anderen Küsterin so wie bei Varnay gesehen, was diese Person durchmacht, bevor sie das Kind tötet.

Noch bis 1995 stand Astrid Varnay auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper. Zuletzt in der Rolle der Amme in Boris Godunow. Nach Ihrer Karriere als Sängerin widmete sie sich mit Hingabe der Ausbildung junger Sänger und Sängerinnen im Opernstudio.

Das war ihr dann sehr wichtig, als sie nicht mehr auf der Bühne auftreten konnte. Sie war – auch menschlich – eine hervorragende Lehrerin. Was sie diesen Leuten mitgegeben hat, ist mindestens so wesentlich wie das, was sie selbst auf der Bühne geleistet hat. Wie erfasst man eine Rolle? Was bewegt diese Figur? Das hat sie dann auch später ihren „Kindern“ beigebracht. Nicht das Singen, das wurde vorausgesetzt. Sondern das Gesangsstilistische. Wie man auch einen Stil entwickelt in verschiedenen Sprachen. Und eben den Sinn der Sache verstehen: „Hör doch erstmal hin, was du da sagst!“

Astrid Varnay als Brünnhilde (1966)
Astrid Varnay als Brünnhilde (1966)
Varnay als Küsterin in „Jenůfa“ (1971)
Varnay als Küsterin in „Jenůfa“ (1971), Hildegard Hillebrecht als Jenůfa
In „Der Rosenkavalier“ von 1954 sang sie die Rolle der Feldmarschallin
In „Der Rosenkavalier“ von 1954 sang sie die Rolle der Feldmarschallin
Varnay in „Die Frau ohne Schatten“
Varnay in „Die Frau ohne Schatten“

Anlässlich ihres 85. Geburtstages erhielt Astrid Varnay 2003 die Meistersinger-Medaille für ihre herausragenden Verdienste an der Bayerischen Staatsoper von Intendant Sir Peter Jonas.

Als sie schon nicht mehr so gut laufen konnte, habe ich sie oft besucht, draußen in Grünwald, wo sie wohnte. Und da gab es so ein kleines italienisches Lokal, wo sie persona grata war. Wie die Italiener sind, haben sie sie als grande mama behandelt. Da ging sie gerne hin, das war so ein bisschen ihr Esszimmer. Und dort haben wir uns oft mittags zum Pasta essen getroffen und haben geredet und viel gefachsimpelt. Und um halb sieben kam der Patrone und sagte ganz schüchtern „Signora, ich bräuchte für sieben Uhr den Tisch.“ Und wir dachten: „Was? Wir sitzen immer noch hier?“ Wir haben das nicht gemerkt, so amüsant waren die Unterhaltungen. Und abends hat sie dann immer noch einmal angerufen und wollte wissen, ob ich gut angekommen war. Also rührend, wie eine Mutter fast.

Meine schönste Erinnerung an Astrid Varnay? An eine Situation erinnere mich noch gut: Sie hat ja nun immer sehr ernste Rollen gesungen und sie hatte den Wunsch, einmal in einer Operette singen zu dürfen. Götz Friedrich, der damalige Intendant der Deutschen Oper Berlin, gab ihr die Chance – er schätze sie sehr – in einer Produktion von Offenbachs Orpheus in der Unterwelt die Juno zu spielen. Ich habe Tränen gelacht. Zum Schluss, da hatte sie schon kranke Beine und konnte kaum mehr laufen und hat trotzdem noch den Rock gerafft und einen halben Cancan hingelegt. Sie hatte so einen Spaß da oben auf der Bühne.

Astrid Varnay als Klytämnestra © Anne Kirchbach
Astrid Varnay als Klytämnestra © Anne Kirchbach

Fotos wenn nicht anders angegeben von: Sabine Toepffer

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