Einst für den Fürsten, heut für das Volk

OrchesterMusikalische AkademieJubiläumGeschichte

Das bislang Unerhörte begibt sich im Jahre des Herrn 1811. Das Bayerische Königliche Hoforchester betritt – die Perücken wie stets fein gepudert – die Bühne. Der Konzertmeister erhebt sich, der Kammerton, damals noch ein wenig tiefer, erklingt.

Alles ist wie immer in den letzten drei Jahrhunderten. Und doch ist alles anders, denn einer fehlt: der König. Dafür sind andere da: das Volk. Die Musiker haben sich durchgesetzt und den Weg geebnet für das heutige Bayerische Staatsorchester. Den Weg weg vom rein höfischen Musikleben hin zur bürgerlichen Konzertkultur. Eine künstlerische Befreiung, deren Jubiläum derzeit mehrere Orchester feiern können.

Wo heute Klassikinteressierte sitzen, klatschte zu Beginn des 19. Jahrhunderts tatsächlich oft nur ein Fürst. Denn vor 200 Jahren kämpften die Musiker der Hoforchester mit den Gegebenheiten ihrer Zeit: Konzerte sind dem Adel vorbehalten, kulturelles Leben passiert an den Höfen. So ist kaum verwunderlich, dass in der Frühklassik das hauseigene Hoforchester samt Hofkomponist in Mode kommt. Die Musiker sind dem Hofherrn unterstellt und haben lediglich den Status eines Kammerdieners. So verdienen sie zwar ein regelmäßiges Einkommen, leiden jedoch unter der stilistischen Willkür des Fürsten.

Eine gesellschaftliche Wende

Der Beginn des 19. Jahrhunderts brachte hier eine gesellschaftliche Wende – und einen Wandel in der Orchester-Tradition: Der Wunsch nach einem bürgerlichen und von den Orchestern selbst gestalteten Konzertleben wurde immer stärker. Eine schöne Anekdote über Joseph Haydns Sinfonie mit dem Beinamen „Der Abschied“ passt in diese Zeit: Haydn war bei der Familie Esterházy in Eisenstadt als Hofkomponist angestellt. Er komponierte die Sinfonie, um das Orchester davor zu bewahren, gestrichen zu werden. Bei der Uraufführung für den Fürsten verließen die Musiker die Bühne, statt,wie in der Partitur vorgesehen, nur nacheinander ihr Spiel zu beenden. Die Provokation hatte Erfolg, der Fürst verstand die Nachricht – und das Orchester durfte bleiben.

Das Orchester in München wollte nun ebenfalls entscheiden, was es spielt, wie es spielt und und vor allem: für wen es spielt. So gründen der Münchner Hofkapellmeister Peter von Winter, der Musikdirektor Ferdinand Fraenzi und der Konzertmeister Josef Moralt im Jahr 1811 die Musikalische Akademie – eine neue Art Gesellschaft von Orchester, die neben der Opern-Tätigkeit für den König eigene Konzerte organisiert. „Diese Entwicklung kam allein von innen heraus“, schwärmt Felix Gargerle, heute Erster Geiger des Staatsorchesters und ehemaliger Vorstand dieser Musikalischen Akademie, „manchmal reiben wir uns noch heute verwundert die Augen“. Die künstlerische und organisatorische Planung übernahm jetzt gänzlich das Orchester.

Bis heute die selbe Identität

Die Musiker gründeten einen Verein, veranstalteten eigene symphonische Orchesterkonzerte und stimmten demokratisch ab. Einnahmen aus Konzerten wurden gerecht unter den Musikern aufgeteilt. Es wurde sogar ein Fonds für in Not geratene Mitglieder der Akademie eingerichtet. Endlich durfte auch das Bürgertum hochwertige Konzerte erleben – und das Interesse an den „Akademiekonzerten“ war überwältigend. Gleich im ersten Jahr nach der Gründung verkaufte die Musikalische Akademie 462 Konzertabonnements. 200 Jahre später sitzen auf den Stühlen andere Musiker, aber die Identität des Orchesters ist dieselbe. Gargerle ist „mit dem Klang des Ladens aufgewachsen“. Schon sein Vater war Musiker des Staatsorchesters und hat seinem Sohn Stil und Lesart seines Orchesters weitergegeben.

Wenn heute ein neuer Musiker das Probespiel absolviert, geschieht dies basisdemokratisch: Stets entscheidet die Mehrheit des Orchesters über die Aufnahme, auch der Dirigent hat nur eine Stimme. Damit reiht sich jeder Neuling in eine lange Klanglinie ein, „aber jeder, der dazukommt, fügt seine eigene Linie hinzu“, betont Gargerle. Die Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters seien kein „nostalgischer Haufen“, sondern arbeiten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.

Der Aufbruchsgedanke von damals ist immer noch da

Sie spielten Uraufführungen der bedeutendsten Werke Richard Wagners. Große Dirigentenpersönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts wie Richard Strauss, Felix Mottl, Bruno Walter oder Wolfgang Sawallisch prägten das Repertoire. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kämpfte die Musikalische Akademie mit finanziellen Schwierigkeiten und wurde schließlich von der Bayerischen Staatsoper übernommen. Der Wille zur künstlerischen Mitbestimmung blieb. Gemeinsam versuchten Musiker und Verwalter eine lebendige Weiterentwicklung zu einem modernen – aber erinnernden – Orchesterklang.

Der Aufbruchsgedanke von damals ist immer noch da. Der Gedanke, Musik auch in Gesellschaftsschichten zu bringen, in denen sie sonst nicht erklingt, ist zum Leitfaden der Akademie geworden. Vor 200 Jahren hieß das: Konzerte für die Bürger. Heute heißt es: Junge Leute für klassische Musik begeistern. Das Jugendorchester ATTACCA des Bayerischen Staatsorchesters erhielt in diesem Jahr den ECHO Klassik Sonderpreis für Nachwuchsförderung – ein schönes „Geburtstagsgeschenk“ für die Musikalische Akademie, die Träger des Projekts ist. Und auch die Akademiekonzerte gibt es noch.

Heute treten Kent Nagano, Zubin Mehta oder Kirill Petrenko ans Pult des ehemaligen Hoforchesters. „Es ist ein Geben und Nehmen. Die Dirigenten geben gute Impulse. Wir aber spielen, wie wir spielen“, beschreibt Gargerle die Symbiose zwischen Traditionsorchester und Dirigenten. Beim ersten Akademiekonzert in der Jubiläumssaison spielte das Bayerische Staatsorchester ohne Dirigenten. Die Aufmerksamkeit liegt allein auf dem Orchester. Alles, was musikalisch passiert, geschieht von innen heraus – wie erstmals vor 200 Jahren.

Das Festprogramm zum 200-jährigen Jubiläum

Dieser Artikel erschien bereits in crescendo – Das Magazin für klassische Musik & Lebensart, Ausgabe Oktober/November 2011.

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