Einfach Cranko

06.02.2018

John Cranko ©Hannes Kilian
John Cranko ©Hannes Kilian

John Cranko revolutionierte das Handlungsballett wie kein anderer und gilt als einer der erfolgreichsten Choreographen seiner Zeit. Auch wenn sein Wirken hauptsächlich mit dem Stuttgarter Ballettwunder in den 1960er Jahren in Verbindung gebracht wird, hat er auch in München seine Spuren hinterlassen. Vor mehr als fünfzig  Jahren hat er nämlich als Chefchoreograph in München gewirkt und beeinflusst damit bis heute die Münchner Compagnie mit seinem großartigen choreographischen Erbe. Außerdem feierte im vergangenen Jahr 2017 die Tanzwelt seinen 90. Geburtstag. Daher steht seine Trias, bestehend aus OneginRomeo und Julia sowie Der Widerspenstigen Zähmung den gesamten Februar auf unserem Spielplan. Wir nehmen all dies zum Anlass, die berühmten Pas de deux dieser drei Stücke mal genauer unter die Lupe zu nehmen und schauen, was an ihnen so Cranko ist.

Romeo und Julia 

Wer kennt es nicht? William Shakespeares großes Liebesdrama Romeo und Julia. Bereits am 2. Dezember 1962 zeigte John Cranko seine Interpretation dieses Stückes in Stuttgart. Am 12. November 1968 war es endlich soweit und Romeo und Julia konnte das Münchner Publikum mit Konstanze Vernon in der weiblichen Hauptrolle zusammen mit dem Stuttgarter Heinz Claus als Romeo begeistern. Relativ schnell wurde sie aber mit Heinz Bosl das Traumpaar dieser Liebesgeschichte. Vor allem John Crankos Balkonszene zählt zu den schönsten Schlüsselmomenten der Tanzgeschichte. Cranko gelingt es hier durch sein fein durchdachtes Zusammenspiel aus dem Ausdruck der Tänzer und seinem bedeutungsreichem Bewegungsvokabular Liebe ganz ohne Worte auszudrücken. Romeo und Julia gestehen sich in dieser Szene ihre Liebe füreinander. In der literarischen Vorgabe geschieht das durch große Liebesgeständnisse. Choreographisch löst John Cranko dies durch federleichte Hebefiguren. So lässt Julia sich nach ihrem ersten Kuss buchstäblich in die Arme ihrer großen Liebe fallen.

Sehen Sie nun hier einen kurzen Ausschnitt der Balkonszene aus Romeo und Julia, getanzt von Ksenia Ryzhkova und Jonah Cook.

 

Onegin

Die junge Tatjana findet in Onegin die große Liebe, die sie sonst nur aus Büchern kennt. Der arrogante Onegin lässt sie jedoch nicht an sich heran und zerreißt wortwörtlich ihr Liebesgeständnis. Nach Tatjanas Heirat mit einem anderen Mann erkennt Onegin jedoch, dass auch er in Tatjana die wahre Liebe gefunden hätte. Hoffnungsvoll kehrt er zu ihr zurück. Tatjana muss sich nun zwischen Liebe und Pflicht entscheiden.
Die Uraufführung dieser dramatischen Erzählung fand am 13. April 1965 in Stuttgart statt. 1972 stand München nicht nur im Zeichen der Olympischen Spiele. Für die Münchner Ballettszene sollte der 20.06.1972 zu einem wichtigen Datum werden, schließlich feierte Onegin an diesem Tag seine Premiere. In den Hauptrollen faszinierte das schon erwähnte Traumpaar Konstanze Vernon und Heinz Bosl.
Das Publikum wird durch die Entwicklung von hoffnungsvoller Romantik zu ernsthaftem Pflichtbewusstsein geführt. So befinden sich am Anfang die Tänzer auf dem Land, wo Cranko alles sichtbar humorvoller und an Volkstänze angelehnt choreographiert hat. Im späteren Verlauf ist die Ernsthaftigkeit auf der Bühne durch die streng klassischen Ballszenen zu spüren. Abgelöst wird die klassische Sprache sobald, die Protagonisten alleine auf der Bühne sind. In jenen intimen Momenten wird die Bewegungssprache von den tiefen Emotionen geleitet. Beispielhaft dafür ist der Spiegel-Pas de deux der zwei Hauptrollen. Tatjana träumt in dieser Szene davon, dass Onegin ihre Liebe endlich offen erwidert. Voller Leidenschaft wirbeln die beiden durch die Luft.

Ein Ausschnitt des erwähnten Spiegel-Pas de deux sehen Sie hier. Hier Lucia Lacarra als Tatjana und Marlon Dino als Onegin.

Der Widerspenstigen Zähmung

Frauen sollen sich den Männern unterwerfen – soll das Der Widerspenstigen Zähmung aussagen? Nein, im Gegenteil: Nachdem beide Protagonisten ihre Masken ablegen, endet das Kräftemessen und Grenzen-Ausloten der beiden Verlobten in einer gleichberechtigten, vertrauensvollen Ehe. Aus einer störrischen Katharina und einem groben Petrucchio werden eine liebevolle Ehefrau und ein humorvoller Ehemann.
Nach der erfolgreichen Uraufführung am 16. März 1969 in Stuttgart brillierten Konstanze Vernon und Peter Breuer in der weiblichen und männlichen Hauptrolle der Münchner Erstaufführung gut sieben Jahre am 25. März 1976. Dies durfte der Choreograph jedoch leider nicht mehr miterleben, da er total unerwartet im Jahre 1973 verstorben ist.
Seine Choreographie zeichnet die Entwicklung der Rollen sehr deutlich: Der erste Pas de deux von Katharina und Petrucchio ist durch sehr unkontrollierte und zappelige Bewegungen gekennzeichnet. Während der letzte Pas de deux des Paares die harmonische Partnerschaft zeigt – nicht nur auf tänzerischer Ebene. Achten Sie in diesem Stück besonders auf Umsetzung der Zankereien und Neckereien, vor allem auf das kämpferische  Händezusammenschlagen. Anfangs ist es noch sehr zornig; später auf eine neckische Art romantisch. Außerdem wird ganz besonders in Der Widerspenstigen Zähmung John Crankos Begeisterung für gar schon akrobatische Hebungen erkennbar.  Die Tänzer meistern diese mit einer Leichtigkeit, die seinesgleichen sucht.

Hier als Beispiel ein Ausschnitt aus dem ersten Pas de deux von Katherina und Petrucchio. Die Rollen werden von Ksenia Ryzhkova und Yonah Acosta verkörpert. (Vorstellung der Spielzeiteröffnung 17/18)

 

Restkarten zu diesen drei choreographischen Meisterwerken können Sie online oder an der Tageskasse erwerben. 

 

Antonia Hostlowsky

Kachelbild: Ksenia Ryzhkova und Jonah Cook als Liebespaar in Romeo und Julia © Wilfried Hösl

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Kommentare

  • Am 12.02.2018 um 19:07 Uhr schrieb Dr.phil. Ethery Inasaridse

    Eine wunderbare Idee, aber!

    Ein Cranko-Fest anlässlich des 90. Geburtstags des unvergessenen und genialen Choreographen - besser geht's nicht! Die drei großen Handlungsballette mit Rollendebüts aufgefrischt zu präsentieren, finde ich auch super! Natürlich hätte man auch überlegen können, einen Ballettabend mit z.B. "Jeu de Cartes" oder "Carmen" einzustudieren, aber vielleicht kommt das ja noch...
    Was mich jedoch beschäftigt, ist die Frage, warum man nicht die noch lebenden Cranko-Tänzer geholt hat, um den jungen Tänzern den (ich nenne es mal den Cranko'schen) Anspruch an das Schauspielen zu vermitteln und zu zeigen, wie sehr die Musik ihnen bei der Darstellung hilft! So viele dramatische Akzente, die Cranko exakt auf einen musikalischen Punkt gesetzt hat, kamen verwischt oder gar nicht, d.h. blieben ungenutzt oder wurden schlicht verschenkt. So schade! Ich habe noch Konstanze Vernon und Heinz Bosl erlebt und erinnere mich genau an so viele wunderschöne und ergreifende Details! Sie machten einen Unterschied, den Unterschied zwischen schön und besonders. Diesen "Cranko-Geist" müsste man weitergeben...

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