Ein steppender Hutmacher und eine orientalische Raupe (Eine Szenenanalyse)

Mit der Plattform Tanzkritiker*innen von morgen möchte das Bayerische Staatsballett Studierenden ermöglichen, sich als Kultur-Journalist*innen auszuprobieren. Dabei werden Studierende der Musik- und Tanzwissenschaft der Paris-Lodron-Universität Salzburg sowie der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen, ausgewählte Produktionen der Spielzeit  2018/19 anzusehen und über diese zu schreiben, um sie dann auf unserem Blog zu veröffentlichen. Ganz nach dem Spielzeitmotto „Alles was Recht ist“ bleibt es ihnen überlassen, wie sie auf das Phänomen Tanz schauen. Den 2. Beitrag zu dieser Serie bildet die Vorstellung zu Christopher Wheeldons Alice im Wunderland am 17. November 2018.

Ein steppender Hutmacher und eine orientalische Raupe: Tosender Applaus für „Alice im Wunderland“

von Julia Lipold

Basierend auf Lewis Carrolls Kinderbuch Alice’s Adventures in Wonderland choreografierte Christopher Wheeldon ein Handlungsballett in drei Akten, das 2011 vom Royal Ballet in London uraufgeführt wurde. Die von Joby Talbot komponierte Musik ergibt im Zusammenspiel mit den Videoinstallationen und der Ausstattung von Bob Crowley eine farbenprächtige Märcheninszenierung auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper. Im Folgenden soll exemplarisch die Umsetzung von ausgewählten Szenen dargestellt werden.

Der Ballettabend beginnt mit einer Gartenparty, zahlreiche Gäste treffen ein, die dem Publikum später im Wunderland wiederbegegnen. Alice wird von der Rolle des Lewis Carroll, der quasi als Fotograf fungiert, auf der Gartenbank sitzend fotografiert. Ein Blitz erhellt die Bühne, sofort wird diese abgedunkelt, die Gesellschaft an der Tafel ist nur noch im Hintergrund zu hören. Carroll und Alice werden jeweils von Lichtkegeln beleuchtet. Er springt in seinen aufgefalteten Koffer und taucht mit Hasenohren wieder auf, bevor er Alice mit sich hineinzieht.  

Sie findet sich in einem Raum mit kleinen Türen wieder, die sie versucht zu öffnen. Zuerst vergeblich, dann strömen Wachen, die Herzkönigin (mit dem Aussehen ihrer Mutter) und der Herzbube (Jack) aus der ersten Türe. Von letzterem bekommt sie eine rote Rose. Schließlich tanzt eine kleine Türe über die Bühne, Alice kann nur ihren Kopf durchstecken, als Walzermusik ertönt, das Auditorium erhellt und Tänzerinnen in Blumenkostümen Blütenblätter von den Rängen der Staatsoper auf das Publikum im Parterre streuen. Alice trinkt ein Fläschchen mit der Aufschrift „Drink me“, die Türen werden größer, wodurch sie kleiner erscheint und nicht mehr an den Türknopf kommt. Nachdem sie von einem Küchlein mit dem Hinweis „Eat me“ abbeißt, ist sie zu groß für ein kleines, schräg-angebrachtes Quadrat, das den Raum darstellen soll. Durch ihre Tränen füllt sich der Raum mit Wasser und sie schwimmt davon ins Wunderland.

Der wohl wichtigste Begleiter auf ihrer Reise ist der Hase (vormals Lewis Carroll). Im ersten Akt bringt er sie zu der wohl makabersten Szene des Balletts. In der Metzgerei findet sie sich in einem Kampf zwischen zwei Köchinnen wieder, in der Mitte eine Maschine, aus der eine Wurstkette kommt, mit der die eine Köchin die andere versucht, zu erwürgen – dies wird von Alice verhindert.  

Geradezu kurz erscheinen die nächsten signifikanten Episoden. Zuerst die Teeparty des verrückten Hutmachers und des Märzhasens: auf der Bühne ist wiederum eine kleineres Podium aufgebaut, das gleichzeitig als Tafel für die Party dient. Der verrückte Hutmacher brilliert durch Stepptanz. Alice möchte in den abwechselnden Pas de deux und Pas de trois des Hutmachers mit dem Märzhasen und der Maus eingreifen, diese lassen sie aber nicht. Als Alice den Hut wegnimmt, verlassen die Figuren aufgebracht die Bühne. Orientalische Musik erklingt, das Bühnenbild und die Kostüme werden von azurblauer Farbe bestimmt und die Raupe, ein Tänzer mit Turban, nacktem Oberkörper und Pluderhose tritt gemeinsam mit vier verschleierten Tänzerinnen auf. Dieser orientalisch angehauchte Tanz imitiert die wellenartigen Bewegungen einer Raupe. Nicht nur die Musik, sondern auch das Bewegungsmaterial hebt sich von den anderen Tänzen in Alice im Wunderland ab. Dies wird durch Szenenapplaus und „Bravo“-Rufe gehuldigt.

Der Abend wird durch fast komödienhafte Züge krönend abgeschlossen. Als die Herzkönigin eintrifft, möchte sie tanzen, die Karten tun dies nur widerwillig, da sie befürchten, etwas falsch zu machen und dies mit ihrem Leben bezahlen zu müssen. Zitternd und tollpatschig versuchen sie, alles richtig zu machen. Zauberhaft treten fünf Tänzerinnen als Flamingos und drei Kinder als Igel auf, womit das Krocketspiel beginnt. Nach einer wilden Verfolgungsjagd fallen die Karten und schließlich auch die Königin wie Dominosteine um, eine Videoinstallation mit der Spirale vom Anfang folgt und am Ende sieht man das Erdloch und den blauen Himmel. Das englische Landhaus ist wieder zu sehen, Alice und Jack sitzen davor und sie liest ein Buch. Die beiden verlassen die Bühne, nachdem der Fotograf (Hase) ein Foto von ihnen gemacht hat, Alice vergisst das Buch, der Fotograf setzt sich, liest und kratzt sich am Ohr, wie er es auch als Hase getan hat.

Die Leistung von Maria Chiara Bono als Alice, die an diesem Abend ihr Rollendebut gab, ist bewundernswert. Sie ist nahezu durchgehend auf der Bühne, brilliert in Soloszenen als auch in der Interaktion mit den Figuren in Pas de deux, Pas de trois und sogar Pas the quatre. Die Hauptfiguren sind auch ohne Hinsehen durch ihre jeweils signifikante Melodie erkennbar, die mit spezifischem Bewegungsmaterial einhergeht. Ein Ballettabend für Groß und Klein, der im Gesamtkonzept aufgeht.

 

Julia Lipold studiert im 5. Semester im Masterstudiengang Performative und Intermediale Musik- und Tanzwissenschaft an der Universität Salzburg. Ihr Interesse an Darstellenden und Performativen Künsten  im transkulturellen Kontext brachte sie zu ihrer Masterarbeit "Trojan Women. Gegenwärtige Adaption antiker Stoffe im asiatischen Musik- und Tanztheater" an der sie zur Zeit schreibt.

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