Ein Opernkomponist in Hollywood

Die Filmmusik von Star Wars? Ohne Erich Wolfgang Korngold undenkbar. Wie ein Opernkomponist die Filmmusikbranche nachhaltig beeinflusste und so die Oper ins Kino brachte.

Jonas Kaufmann als Paul in DIE TOTE STADT

Paul sitzt am Küchentisch, in der linken Hand ein Foto seiner verstorbenen Frau Marie, in seiner Rechten ein Feuerzeug. Während er sich an den Tisch setzt und an seinem Bier nippt, umschlingt das vor ihm lodernde Feuer knisternd Maries Perücke. Erwacht aus seiner Trance der Trauer, scheint sein Blick zunächst schmerzlich, aber: Es flackert ein Hoffnungsschimmer durch. Der Vorhang fällt, gefolgt vom großen Schlussapplaus. Was aber langfristig nachhallt, ist nicht der Beifall der Zuschauer, sondern die Musik. Die Musik des Orchesters, welches konzentriert der Partitur Erich Wolfgang Korngolds gefolgt ist – Die tote Stadt. Mit dieser Oper gelang dem jungen Komponisten mit nur 23 Jahren ein riesiger Erfolg. Bekannt wurde er dann weltweit aber auch in einem anderen Genre: der Filmmusik.

 

Von der Oper zur Filmmusik

Doch erstmal alles auf Anfang. Alles beginnt im Jahr 1897, als Erich Wolfgang Korngold als Sohn des hoch angesehenen Wiener Musikkritikers Julius Korngold das Licht der Welt erblickt. Seine musikalische Affinität wird ihm sozusagen in die Wiege gelegt, der Vater fördert den Jungen, veröffentlicht seine ersten Kompositionen und arrangiert Treffen mit großen Künstlern seiner Zeit. Als Zehnjähriger beeindruckt der junge Korngold Gustav Mahler mit einer selbst komponierten Kantate. „Ein Genie!“ - so sollen die Worte Mahlers daraufhin gewesen sein, mit dem verbundenen Aufruf, den jungen Knaben zum Komponisten und Dirigenten Alexander von Zemlinsky zu schicken. Und tatsächlich: in den kommenden Jahren beginnt Korngold seine weitere Ausbildung in der Obhut des österreichischen Dirigenten. Es folgen erfolgreiche Jahre: 1910 wird seine Ballettmusik an der Wiener Hofoper aufgeführt (Der Schneemann), fortan arbeitet er mit den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit zusammen, 1917 debütiert er in Wien als Dirigent. Von 1919 bis 1921 ist er Dirigent an der Hamburger Oper, von 1927 bis 1936 an der Wiener Staatsoper. Dazwischen wird seine bis heute erfolgreichste Oper Die tote Stadt uraufgeführt und feiert einen riesigen Erfolg.

Für den Film A Midsummer Night’s Dream lädt Max Reinhardt Korngold 1934 dann nach Hollywood ein, um eine Filmmusik zu komponieren. Ein Erfolg, der weitere Angebote in Hollywood nach sich zieht. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Verbannung von Korngolds Musik aufgrund seiner jüdischen Abstammung, beginnt er in den USA nun seine zweite Karriere. Fernab der Oper.

The Oscar goes to … Erich Wolfgang Korngold

Erich Wolfgang Korngold

Schnell nehmen die Dinge ihren Lauf. Mit der Filmmusik zu Captain Blood schafft Korngold eine Art Archetypus der Filmmusik, der zeigte, was man mit Filmmusik ausdrücken kann. Für die Filmmusik in Anthony Adverse wird ihm 1936 dann zum Dank die Krone aufgesetzt, er gewinnt den Oscar in der Kategorie „Beste Filmmusik“. 1938 folgt die zweite Auszeichnung mit dem renommiertesten aller Preise der Filmbranche für The Adventures of Robin Hood mit Errol Flynn in der Hauptrolle. Der Filmmagnat Warner Brothers erkennt das Potenzial in Korngold für die Filmmusik und nimmt ihn 1939 unter Vertrag. Korngold darf sich dabei mehr künstlerische Freiheiten erlauben als es bei seinen Branchenkollegen gang und gäbe war. Die Auswahl der Filme steht ihm frei, er kann sich voll und ganz den Projekten hingeben, an denen er auch tatsächlich arbeiten möchte.

Korngold ebnet in den USA den Weg für eine neue Art von Filmmusik und lässt dabei Elemente von Oper und klassischer Musik einfließen: Den Klangkörper erweitert er auf die Größe eines Symphonieorchesters und setzt auf großorchestrale Arrangements. Seine Filmcharaktere erhalten Leitmotive, die sich je nach Stimmung der Figuren ändern und weiterentwickeln. Filmszenen liest er – laut Aussage seiner Frau Luzi Korngold – wie Opernlibretti und improvisiert am Klavier Melodien, während gleichzeitig der Filmprojektor läuft. Für das Kino zu komponieren, heißt schnell zu komponieren. Oft hat Korngold nur weniger als sieben Wochen Zeit, greift wohl auch deshalb auf eigene Kompositionen zurück. Der Marsh of the Merry Men aus The Adventures of Robin Hood basiert beispielsweise auf seiner Oper Die Kathrin. Als „Oper ohne Gesang“ wird Korngolds Filmmusik gerne bezeichnet. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges verfasst Korngold 18 Filmmusiken, die nachhaltig die Branche beeinflussen sollten. John Williams, Komponist der Star-Wars-Filme, bezeichnet sich selbst als Enkel Korngolds.

Musik ist Musik, ob sie für die Bühne, das Dirigentenpult oder fürs Kino ist. Die Form mag sich ändern, die Art, sie zu notieren, mag unterschiedlich sein, aber der Komponist darf keinerlei Zugeständnisse machen in Bezug auf das, was er für seine eigene musikalische Überzeugung hält.

(Erich Wolfgang Korngold)

Der große Erfolg in Hollywood hat seine Kehrseite für Korngold. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrt er mit seiner Familie zurück nach Österreich, will an seinen einstigen Erfolg in Europa und in der klassischen Musikszene anknüpfen. Doch haftet ihm nun das Stigma des Filmkomponisten an. Sein Violinkonzert in D-Dur, für das er unter anderem Passagen aus seiner Filmmusik für Anthony Adverse verwendet, wird als Hollywood-Konzert belächelt. In seinem weiteren Spätwerk, dem Cellokonzert und der Symphonie in Fis-Dur hört man ebenfalls die Verschmelzung von Korngolds Erfahrung als Opern- und Filmkomponist heraus. Während Wien damals die Nase darüber rümpfte, stehen diese Werke – neben Die tote Stadt – heute wieder häufig auf dem Programm der Konzerthäuser. So auch bei uns: Am 2. und 3. Dezember freuen wir uns auf das 2. Akademiekonzert mit Korngolds Violinkonzert, interpretiert von der Violinistin Vilde Frang.

Autorin:

Kommentare

Neuer Kommentar