Ein gewaltiges Monument

AkademiekonzertOrchester

Das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms ist eines der vielschichtigsten Werke des romantischen Repertoires. Beim 3. Akademiekonzert am 5. und 6. Januar wird der Pianist Gerhard Oppitz, nach rund zehn Jahren endlich wieder zu Gast beim Bayerischen Staatsorchester, seine Interpretation des Werks vorstellen. Wie sehr sich seine Sicht auf Brahms' Opus im Laufe seiner Künstlerkarriere verändert hat, erzählt er hier.

Jedes Mal, wenn ich das erste Klavierkonzert von Brahms spiele, habe ich das Gefühl, vor einem gewaltigen Monument zu stehen und sowohl durch seine Dimensionen als auch durch den weiten Horizont seiner Ausdruckskraft überwältigt zu werden. Es ist recht schwierig zu glauben, dass dieses Werk von einem Menschen geschrieben wurde, der seinerzeit erst wenig mehr als 20 Jahre alt war – der zweite Satz erscheint wie der zusammenfassende Rückblick auf das lange Leben eines reifen Künstlers mit all seinen Erfahrungen. In diesem Konzert finden wir eine eindrucksvolle künstlerische Darstellung einer weitgespannten Vielfalt menschlicher Gedanken und Empfindungen: Elemente dramatischen Ausdrucks, der Poesie, der Meditation, der Freude, der spielerisch-spielfreudig anmutenden Fantasie, der lyrischen Schönheit. All dies ist zusammengefasst im Rahmen von drei Sätzen, die in ihrer Aufeinanderfolge ein enormes symphonieähnliches Werk bilden, in dem der Klavierpart eine wichtige Rolle spielt, die ihrerseits zutiefst in den Orchesterpart eingebunden ist. Aufführungen dieses Werks erfordern eine höchst sensible und intelligente Art des Gebens und Nehmens zwischen allen beteiligten Partnern, des Agierens und Reagierens. Insofern betrachte ich dieses Konzert als eines der anspruchsvollsten Werke für Klavier und Orchester im gesamten Repertoire. Jede Aufführung erweist sich als neues Abenteuer, dessen Verlauf abhängt vom Grad des gegenseitigen Verstehens zwischen den Ausführenden, insbesondere zwischen Dirigent und Solist.

Das Konzert op. 15 begleitet meinen Lebensweg seit einem halben Jahrhundert als Quelle der Inspiration, angefangen vom ersten Kennenlernen des Werks durch eine Aufnahme von Wilhelm Backhaus zusammen mit den Wiener Philharmonikern und Karl Böhm aus den frühen 1950er Jahren, weiter zu meinen ersten Aufführungen im Alter von 21 Jahren und zu einer für mich bis heute denkwürdig gebliebenen Interpretation im Jahr 1977 zusammen mit dem Israel Philharmonic Orchestra und Eliahu Inbal beim Artur-Rubinstein-Wettbewerb mit dem 90-jährigen Rubinstein selbst (der eben dieses Werk über viele Jahrzehnte hinweg in bewundernswerter Weise gestaltet hatte) als Mitglied der Jury, bis hin zum heutigen Tag. Wenn mich in meiner Jugendzeit an erster Stelle der dramatische Impetus des musikalischen Verlaufs begeisterte, so habe ich in der Zwischenzeit mehr und mehr den Zauber der Poesie für mich entdeckt. Dies ist ein Werk, an dem ein Künstler ein ganzes Leben lang wachsen kann. Nachdem ich das Privileg hatte, das d-Moll-Konzert mit einer ganzen Reihe bedeutender Dirigenten der beiden mir vorausgehenden Generationen zu spielen, die auf jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Brahms und seiner Musik zurückblicken konnten, freue ich mich sehr auf die Erstbegegnung mit Constantinos Carydis und seinem künstlerischen Wirken, ebenso auf die Wiederbegegnung mit dem Bayerischen Staatsorchester, dessen Mitglieder mir immer wieder kongeniale Partner beim Gestalten des zweiten Klavierkonzerts von Brahms waren.

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