Ein genialer Operntext, oder: Die Akte Brigitte

LuluDramaturgie

Lulu: Bo Skovhus (Dr. Schön / Jack the Ripper), Marlis Petersen (Lulu)
Lulu (Marlis Petersen) und Dr. Schön (Bo Skovhus), dem sie gleich seine Verlobte (im Hintergrund, Statisterie) ausreden wird.

Wie brilliant und fein gearbeitet Alban Bergs Einrichtung der "Lulu"-Dramen Frank Wedekinds für seine Oper ist, wird an vielen Stellen des Librettos offensichtlich. Eine Frage hätte Produktionsdramaturg Malte Krasting da allerdings noch: Wer ist Brigitte?

Das von Alban Berg selbst eingerichtete Libretto zu Lulu gilt allgemein, und zu Recht, als eine kongeniale Arbeit. Die Leistung, ein Theaterstück um vier Fünftel seines Umfangs zu reduzieren und trotzdem alle wesentlichen Handlungsmomente zu bewahren, dabei auch den Figuren scharfe Umrisse zu verleihen, hat beispielsweise Theodor W. Adorno in seinen Erinnerungen Im Gedächtnis an Alban Berg (1955) gewürdigt: „Seinen eigenen literarischen Sinn hat er am erstaunlichsten bewährt in der Einrichtung von Wozzeck und Lulu für die Komposition; beides sind wahre Meisterstücke.“

Nichts ist in diesem Operntext dem Zufall überlassen. Da gibt es beziehungsreiches Spiel mit Zahlen: Anscheinend ausgehend von dem Satz „Du machst vier Menschen glücklich, wenn du fünf gerade sein lässt“, feuert Lulu fünf Schüsse auf Dr. Schön ab; der schreit viermal „O Gott“, bevor er stirbt, genau wie Lulu, ihren Tod vor Augen, viermal „Nein“ ruft.

Die wenigen inhaltlichen Änderungen sind bewusst gesetzt:

Da wird aus dem Schriftsteller Alwa ein Komponist, als mögliches Alter ego von Alban Berg (siehe dazu auch den Beitrag von Dr. Uwe Schweikert in unserem Programmbuch). Die Verlorenheit der Figuren wird durch die elliptische Gesprächsweise sogar noch geschärft, wenn Sätze scheinbar in der Luft hängen, da die Figuren keine Dialoge führen, sondern Parallelmonologe halten. Die Lakonie, mit der Widersprüche in den Raum gestellt werden, über Lulus Vergangenheit etwa oder ihr Verwandtschaftsverhältnis zu Schigolch, und die Radikalität, mit der die bei Wedekind wortreiche erste Szene von Berg zu einer befremdlichen Situation verknappt wird, sind weitere Facetten dieses Librettos. Auch Bezüge zu dem bewunderten Richard Wagner hat Alban Berg eingebaut: Da gibt es die mehrmals wiederholte Antwort Lulus auf die Fragen des Malers, „Ich weiß es nicht“, die man kaum anders denn als Parsifal-Referenz lesen kann – Parsifal kann dort auf Gurnemanz’ Erkundigungen nur „Das weiß ich nicht“ erwidern. Wobei es sich auch um einen glücklichen Zufall halten kann, denn der Satz steht so auch schon bei Wedekind. Eine andere Textstelle hat hingegen erst Berg zu einer Wagner-Parallele zugespitzt: Wenn sich die Gräfin Geschwitz am Schluss der Oper wünscht: „Lass mich nur einmal, zum letzten Mal zu deinem Herzen sprechen!“, kommt einem Wotan in den Sinn, der im Ring des Nibelungen mindestens zweimal etwas „zum letzten Mal“ tun will, nämlich in der Walküre bei Brünnhilde, auf ihr Augenpaar bezogen („zum letzten Mal letz’ es mich heut“), noch mehr aber Götterdämmerung, wo Waltraute in ihrer Erzählung von der Hoffnung ihres Vaters auf die Nachricht des erlösenden Weltenbrandes berichtet: „dann noch einmal, zum letzten Mal lächelte ewig der Gott.“ Diese Parallele ist nachweislich von Berg so geformt, denn in der originalen Wortfolge Wedekinds („Lass mich einmal nur zu deinem Herzen sprechen, mein Engel!“) ist die Assonanz weit weniger ohrenfällig.

Aber eine Sache ist höchst seltsam: der wechselnde Name von Dr. Schöns Verlobter. Hier weicht Berg an einer Stelle von Wedekinds Vorlage ab, ohne dass ein Grund dafür unmittelbar einsichtig wäre.

Offenbar seit langer Zeit versucht sich Dr. Schön von der obsessiven Beziehung zu Lulu zu lösen. Dazu wendet er eine Doppelstrategie an: Sie wird von ihm verheiratet, in der Hoffnung, dass ihre Männer sie unter Verschluss halten (was ihrem ersten Gatten, dem Medizinalrat Dr. Goll, offenbar besser gelingt als ihrem zweiten, dem Maler Walter Schwarz). Und er installiert sich eine Verlobte, die er zwar über Jahre hinweg nicht heiratet, aber die als Drohkulisse gegenüber Lulu herhalten muss, wenn die ihm außer Kontrolle zu geraten scheint.

Diese Verlobte heißt, laut der von Lulu vorgelesenen Anzeige, Charlotte Marie Adelaide v. Zarnikow. Und bei Wedekind erfahren wir später, wie Dr. Schön sie im vertrauten Kreise nennt: Adelheid. (Boshafterweise nimmt Lulu in Paris, als sie sich auf der Flucht vor den Strafverfolgungsbehörden eine Tarnexistenz schaffen muss, den Namen Adelaide als Pseudonym an.)

In der Oper aber, da nennt Dr. Schön seine Verlobte nicht Adelaide oder verdeutscht Adelheid, sondern er sagt: „Ich nenne sie Brigitte.“

Wie bitte: Brigitte? Wo kommt denn das auf einmal her? Nirgends sonst ist im Text die Rede von Brigitte, weder bei Wedekind noch bei Berg. Als Wedekind um die Jahrhundertwende seine Lulu schrieb, war Brigitte ohnehin ein eher seltener Vorname; im deutschsprachigen Raum begann er sich erst in den 1920er Jahren – als Berg seinen Opernplan in Angriff nahm – zu verbreiten. Und nach den 1960er Jahren ging die große Zeit des Vornamens Brigitte auch schon wieder zu Ende. In Birgit fand er für eine Weile einen beliebten Nachfolger. Heute müsste man schon mit Loriot sagen: „Brigitte, kommst du mal?“

Doch zurück zu Lulu und dem Rätsel des gewechselten Namens: Denn wie Alban Berg von Adelheid auf Brigitte kommen konnte, darauf haben wir auch nach sechs Wochen Probenzeit noch keine schlüssige Antwort gefunden. Was könnte der Grund gewesen sein, weswegen Dr. Schön in der Oper seine Verlobte Brigitte nennt?

Hat Berg sich einfach vertan? Sehr unwahrscheinlich.

Ist es am Ende gar nicht dieselbe, sondern eine neue Verlobte? Kaum – der Witz an der Geschichte ist doch, dass er sich jahrelang nicht zur Ehe entschließen kann; und auf solch ein wesentliches Ereignis wie Entlobung und Neuverlobung würde doch wohl etwas deutlicher hingewiesen werden müssen.

Hat es vielleicht mit Dr. Schöns Eigenart zu tun, den Frauen in seinem Leben einen eigenen Namen zu verpassen, so wie er Lulu Mignon genannt hat?

Oder hat irgendjemand eine bessere Idee?

Kommentare

Neuer Kommentar