Seit fünf Jahren bin ich jetzt als Konzertmeister beim Bayerischen Staatsorchester engagiert. Dass ich nun von der Musikalischen Akademie als Solist für ein Akademiekonzert eingeladen bin, ist eine große Freude und Ehre für mich. Es ist eine schöne Tradition hier am Haus, dass sich die neuen Konzertmeister und Orchestersolisten auch dem Publikum mit einem Solokonzert vorstellen. Vor dem eigenen Orchester zu stehen, ist immer eine aufregende Angelegenheit!

Zwei Aspekte waren mir wichtig bei der Auswahl des Stückes: Ich wollte einerseits gerne ein großes romantisches Konzert spielen, andererseits aber auch eines, das seltener auf den Programmen zu finden ist. Das Violinkonzert von Antonín Dvořák gehört sicher zu den wirklich bedeutenden Werken dieser Gattung und wird natürlich immer wieder gespielt, stand aber lange im Schatten von seinem Violoncellokonzert bzw. anderen spätromantischen Violinkonzerten wie beispielsweise die von Johannes Brahms, Pjotr Tschaikowski und anderen.

Mit dem Violinkonzert von Dvořák schließt sich für mich fast ein Kreis. Mein erster Geigenlehrer, bei dem ich elf Jahre Unterricht hatte – eigentlich die ganze Zeit, bevor ich angefangen habe zu studieren – war Tscheche; er stammte aus Prag und ist im Prager Frühling nach Deutschland emigriert, wo er dann als Orchestermusiker bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz tätig war. Allein dadurch ist mir der tschechisch-böhmische „Slang“ auf gewisse Art vertraut und für mich ganz eng mit meinem Geigenspiel verbunden. Vielleicht berührt mich Dvořáks Musik auch deshalb so sehr. Ich habe das Stück im Studium mit meiner Lehrerin Edith Peinemann – die es selbst oft gespielt und für die Deutsche Grammophone auch aufgenommen hat – durchgearbeitet, aber noch nie öffentlich gespielt.

Dvořák hat einmal auf ein ihm übertrieben scheinendes Kompliment geantwortet: „Ich bleibe stets nur das, was ich war –  ein einfacher tschechischer Musikant!“ Das Volkstümlich-Schlichte ist tatsächlich in seiner Musik fast jederzeit präsent, aber immer in Verbindung mit raffinierter Kunstfertigkeit  – und jeder seiner Einfälle, und sei er äußerlich scheinbar noch so schlicht, ist ausgesprochen kostbar. Das hat sogar Brahms festgestellt, der meinte, „aus seinen musikalischen Abfällen könnte sich jeder andere Komponist die Hauptthemen zusammenklauben“. Dvořáks Musik spricht den Hörer unmittelbar an. Und dazu eine große geigerische Herausforderung! Joseph Joachim, der führende Violinvirtuose der damaligen Zeit, hat ja an der Entstehung des Stücks und vor allem an der Gestalt der Solostimme einen erheblichen Anteil: Er hat Dvořák intensiv beraten, und viele seiner Vorschläge sind in die endgültige Fassung eingeflossen.

Neben dem Volkston finden sich bei Dvořák immer wieder Bezüge zur Natur. Er war ein sehr naturverbundener Mensch. Wenn ich seine Musik spiele, entstehen in meinem Kopf ganz unwillkürlich Bilder, die diese Bezüge reflektieren, und verbinden sich mit den Tanzformen und dem Liedhaften, die er in seiner Komposition verarbeitet. Er war zum Zeitpunkt der Komposition um die vierzig Jahre alt und hatte sich endgültig „freigeschwommen“, zu seiner eigenen Sprache gefunden. Das ist „typischer Dvořák“.

Und spätestens bei der Rusalka hat sich nach meinem Empfinden ganz deutlich gezeigt, dass unser Orchester einen echten Draht zu Dvořáks Musik hat.

Kommentare

  • Am 19.11.2014 um 00:46 Uhr schrieb Eva Riedel

    Virtuos!

    Es war ein wunderbares Konzert, gespielt von einem bewundernswerten Musiker! Vielen Dank!

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