Ein Brief von gestern

GeschichteRichard Wagner

Neben begeistertem Zuspruch und auch Kritik an ihren Aufführungen erreichen die Bayerische Staatsoper gelegentlich Beschwerden von Besuchern, vereinzelt auch von Künstlern, die sie beschäftigt oder deren Werke sie spielt. Richtig ärgerlich wird die Sache, wenn der Beschwerdeführer einer der herausragenden Künstler seiner Zeit ist.

Umso ungewöhnlicher ist es deshalb, wenn sich der Geschäftsführende Direktor der Staatsoper über eine solche Beschwerde sogar freut. Kürzlich erhielt er eine Zuschrift, in der sich der Absender, ein bekannter Komponist, heftig darüber beklagt, dass es die Oper nicht geschafft hat, die Tantiemen für zwei seiner Werke richtig abzurechnen. Das Schreiben wurde in der Schweiz abgeschickt. Der Autor, für seine chronische Geldknappheit und sein insgesamt eher kompliziertes Verhältnis zum Kapital bekannt, um nicht zu sagen berüchtigt, benutzte hierfür Briefpapier des Hotels „Schweizerhof“ in Luzern. Unmissverständlich wird die Oper darin aufgefordert, dass aus der Neuberechnung der Tantieme „keine weitere Verzögerung in der Zusendung des Geldes an mich“ entsteht.

Was also gibt hier Anlass zur Freude? Der Brief ist nicht neu, er trägt das Datum 11. April 1859. Es geht um die Einnahmen aus den Opern Tannhäuser und Lohengrin und der Beschwerdeführer ist Richard Wagner persönlich. Der Eigentümer dieses kleinen prosaischen Schatzes, ein Münchner Rechtsanwalt, hat den Brief der Staatsoper geschenkt, nachdem er sich 30 Jahre daran erfreut hat. Er wollte ihn nicht gewinnbringend versteigern, ihm war wichtig, dass der Brief dorthin gelangt, wo er offensichtlich hingehört: An den Ort des Geschehens, wo die Künstler sehnsüchtig auf ihre Gage warten und sie in der Regel nicht schnell genug bekommen können, am liebsten in bar. Sehr viel geändert hat sich nicht seit dem 19. Jahrhundert. Der Brief könnte genauso gut von heute sein.

Der Wortlaut des Briefes:

Luzern. 11 April 1859.

Mein verehrtester Herr Hofrath!

In der soeben mir zugesandten Berechnung meiner diesmaligen Tantieme ist dem Herrn Rechnungssteller das Versehen begegnet, meinen auf die Einnahmen von der Oper „Lohengrin“ im vorigen Jahr erhaltenen Vorschuss mir zugleich von den letzten Tannhäuser-Einnahmen in Abzug bringen zu wollen. Da ich bisher stets die Tannhäuser Tantieme ungeschmälert erhielt, nehme ich, wie es gar nicht anders verstanden werden kann, an, dass sie mir diesmal ungemindert zukommen werde, und ich stelle demnach meine Quittung über 154 Rthr : 26 Sgr aus. Dagegen schlage ich vor, die Tantieme für Lohengrin das nächste Mal zu quittieren, wo dann hoffentlich der Vorschuss gänzlich getilgt sein wird. So scheint es mir wenigstens um Verwirrung zu meiden das Geeignetste. Hoffend lich entsteht hieraus keine Verzögerung in der Zusendung des Geldes an mich.

Mit größtem Dank für Ihre fortgesetzte freundschaftliche Gesinnung, verbleibe ich hochachtungsvollst
Ihr
Sehr ergebener Richard Wagner
Luzern. (Schweizerhof)

Kommentare

  • Am 08.07.2014 um 15:54 Uhr schrieb Ortrud

    Wie ist denn die Angelegenheit ausgegangen, auf wessen Seite lag das kleine Versehen, auf der des Meisters oder der des Herrn Rechnungsstellers? ;-)
    Meine Hochachtung vor dem Schenker, dem wir es zu verdanken haben, dass wir alle uns an diesem Brief freuen können!

  • Am 08.07.2014 um 16:06 Uhr schrieb Johannes Lachermeier - Redaktion

    Liebe Ortrud, das lässt sich leider heute nicht mehr nachprüfen. Aber natürlich gehen wir stark davon aus, dass von Seiten des Hauses alles seine Richtigkeit hatte... ;-)

  • Am 13.09.2014 um 13:06 Uhr schrieb Mischa Heißmann

    Es ist wirklich schön,...

    ... dass es noch Menschen mit Kunstverstand gibt, die nicht unbedingt aus allem Profit schlagen wollen.

    Dies Zeugnis aus der Vergangenheit ist für das Allgemeinwesen ungemein wichtig und somit ein wunderschönes Kleinod.

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