Edita forever! Ein paar Erinnerungen

Edita GruberovaJubiläumSänger

Am 23. November 1974, vor fast 40 Jahren also, begann an der Bayerischen Staatsoper eine Ära: Eine junge Slowakin debütiert als Königin der Nacht im Nationaltheater – und erobert das Publikum im Sturm. Das hat sich bis heute nicht geändert: Wenn Edita Gruberova singt, liegt ihr das Publikum auch nach sage und schreibe 285 Vorstellungen am Haus zu Füßen. Sir Peter Jonas, ehemaliger Intendant der Bayerischen Staatsoper, erinnert sich in diesem Beitrag an die gemeinsamen Jahre.

Das erste Mal…

Meine erste Begegnung mit Edita Gruberova verdanke ich meiner Arbeit beim Chicago Symphony Orchestra, wo ich unter Georg Solti künstlerischer Betriebsdirektor war. Zwar war Chicago die künstlerische Heimat Soltis, aber er machte regelmäßig Schallplattenaufnahmen mit den Wiener Philharmonikern – und 1977 sollte das Hänsel und Gretel sein. Und weil die Aufnahmen während meiner Urlaubszeit stattfanden, fragte er mich, ob ich als Humperdinck-Fan, der sogar einen Artikel über den Komponisten für die Oxford University Press geschrieben hatte, nicht sein Assistent in Wien sein wolle – es gäbe auch gar nicht so viel zu tun. Und so bin ich nach Wien gepilgert, um ein wenig Taschengeld zu verdienen. Als Gretel war Lucia Popp engagiert, und sie sagte mir, als Taumännchen gäbe es eine Kollegin, die so wie sie aus Bratislava stamme und bei derselben Lehrerin studiert habe: „Sehr schöne Stimme, aber schüchtern!“ Solti fügte hinzu, sie besäße dazu noch eine ganz außerordentliche Technik.

Die Aufnahmen waren sehr genau getaktet und straff organisiert; für die Szenen von Sand- und Taumännchen gab es lediglich eine Sitzung – und an dem Tag war das Wetter typisch wienerisch: brütend heiß, stickig, etwas feucht. Doch als die Sitzung begann, kam kein Taumännchen, erschien keine junge Slowakin. Die Wiener Philharmoniker warteten, Georg Solti geriet außer sich, und der Produzent Christopher Raeburn fragte mich, warum ich nicht nachgehakt hätte. Also rief ich in der Agentur an, die mir entgegnete, man habe ein Taxi bestellt, das sie auch abgeholt habe und somit auf dem Weg sein müsste. Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen, aber in der Handy-losen Zeit gab es solch unerwartete, peinliche Verzögerungen. Die Philharmoniker sagten nur: „Pause“ – doch es war eine sehr unangenehme Situation.

Ungefähr eine halbe Stunde später kam dann eine junge Dame, den Tränen nahe, verschwitzt und fast hysterisch, und entschuldigte sich ungeschickt. Was war passiert? – Die Agentur hatte ihr Taxi zum Musikverein geschickt, doch die Aufnahme fand in den Sophien-Sälen statt. Im Musikverein war natürlich niemand, und bis sie dann ein Telefon gefunden, ihre Agentur erreicht und den Irrtum verstanden hatte, war sie natürlich schon zu spät. Doch weder Solti noch die Philharmoniker gönnten ihr eine Verschnaufpause, nicht eine Minute wollte man warten, und sie musste in ihrem nervösen, verschwitzten Zustand mit nur einem Glas Wasser sofort die Aufnahmen machen. Sie hat es perfekt gemacht. Ihre Technik war so solide, so perfekt, dass trotz der Nervenanspannung, trotz der Peinlichkeit vor den versammelten Professoren der Philharmoniker mit nur einem Take alles glatt ging.

Und mir war klar: Sie wird eine der ganz Großen. Anschließend habe ich sie gemeinsam mit Lucia Popp auf einer Tournee der Wiener Staatsoper nach Japan begleitet, wir hatten eine schöne Zeit und dann immer wieder Kontakt.

Wiederbegegnung in München

Als ich später Intendant in München wurde, hatten wir in der Vorbereitungszeit große Pläne mit ihr geschmiedet. Doch als ich dann im Juli 1993 endlich fest in München ankam, hieß es ein paar Monate später, Edita Gruberova wolle alle Brücken nach München einfach abbrechen und das Verhältnis zur Bayerischen Staatsoper zerschmettern. Natürlich ging es auch um Gagen, ein enges Korsett in der Verwaltung, und die Verhandlungen waren in einer Sackgasse. Ich meinte, das könne gar nicht sein, schließlich kannte ich sie schon lange, und wir hatten ein besonderes Verhältnis.

Professor Gerd Uecker, damals Operndirektor, machte den Vorschlag, ich solle ohne Agenten einfach ein persönliches Treffen mit ihr vorschlagen, möglichst schnell, und egal, wo in der Welt. Also habe ich sie angerufen und gesagt, ich würde in zwei Tagen nach Barcelona kommen – nur um sie zu treffen und am selben Tag wieder zurück nach München zu fliegen. Ich habe in der Hotel-Lobby nach einer Probe auf sie gewartet. Sie kam und sagte nur: „Wir gehen auf mein Zimmer und reden drinnen.“ Dann haben wir ein Glas Wein bestellt und haben über vier Stunden geredet, dabei kam alles zur Sprache, was sie bedrückte, ärgerte und auch schmerzte. Und dabei schien auch wieder ihre Nervosität durch, die man an ihr sonst nie sieht, wenn man sie im Theater vor Vorstellungen antrifft.

Sie wollte sich als Künstlerin ernst genommen wissen und war daher frustriert von den ganzen Verwaltungsdiskussionen, von der Gagenstruktur als Argument. Für sie war das eine Frage des Respekts. Aber dafür ließ sich – Gott sei Dank – ganz simpel und erstaunlich schnell eine sehr einfache Lösung finden, und dann ging es nur noch um Rollen, es ging um Regisseure, Dirigenten. In den 1980er- und 1990er-Jahren war das Belcanto-Repertoire in München stiefmütterlich behandelt worden. Wenn man es überhaupt wahrnahm, dann nur über die alten Callas-Platten. Das war’s schon. Aber mir war klar, dass diese Werke nur mit einer Künstlerin wie Edita Gruberova eine Chance hatten. Daher haben wir diskutiert. Sie war so beeindruckt, dass ich nur ihretwegen nach Barcelona gekommen war, dass sie mir das Du anbot. Ich bin wieder nach München zurückgeflogen, und wir haben dann für sie eine Belcanto-Schiene aufgelegt, die beim Publikum sehr erfolgreich war – bis hin zu dem wirklichen Coup mit Donizettis Roberto Devereux.

Robert Devereux

Zwar war Edita von Anfang an begeistert, Roberto Devereux in München zu machen, doch dann kam das Problem: Welcher Regisseur sollte das machen? Ich bin damals zu Christof Loy gegangen und habe ihm gesagt: „Du hast ein Faible für Sänger und Sängerinnen, du hast ein Faible für Einfachheit im besten Sinne, sehr konzentriert und schlicht, egal ob historisch, realistisch oder naturalistisch. Kannst du dir vorstellen, mit Edita Gruberova zu arbeiten?“ Er war begeistert, und alles, was ich dann tun musste, war ein Mittagessen zwischen den beiden zu arrangieren. Aus dem Mittagessen wurde ein Abendessen, danach gab es verschiedene weitere Essen, und dann kam sie zu mir und sagte, Christof Loy sei ein unheimlich interessanter junger Mann, und sie würde gerne mit ihm zusammenarbeiten.

Zudem hatte Christof die geniale Idee, den Hof Elisabettas mit dem quasi höfischen Ambiente der Thatcher-Ära zu verbinden. Irgendwie hatten ja viele der damaligen Männer – egal ob Michael Heseltine oder Michael Portillo – irgendwie eine politisch-erotische Beziehung zur Grande Dame, deren Härte auch etwas königlich Fassadenhaftes hatte. Als sie im November 1990 auf dem KSZE-Gipfel in Paris war, fand in den 48 Stunden Abwesenheit in London ihre politische Exekution statt – und ein Bild in der Britischen Botschaft hielt den Augenblick fest und wurde Inspiration für Christof Loy für die Szene, in der Elisabetta ihre Perücke vom Kopf zieht. Dieser Moment verdichtete in ganz neuer Weise Editas dramatisches Talent, weil hier wie in einem Feuerwerk all ihr vokales und szenisches Können explodiert.

Es war das erste Mal, dass Edita Gruberova in zeitgenössischem Kostüm auftrat, und natürlich hatten wir darüber lange gemeinsam diskutiert. Ihr Widerstreben hatte dabei gar keine dramaturgischen Gründe, sondern sie hatte eher persönliche Angst, ungeschickt auf der Bühne zu agieren. Aber sie hatte auch ein unglaubliches Vertrauen zu unserer Damengewandmeisterin Angelika Hof, die wirklich ein Juwel in ihrer Arbeit ist, – ohne sie wäre Edita vielleicht gar nicht dazu zu bewegen gewesen.

In diesem Sinne: Edita forever!
Sir Peter Jonas

P.S.: Edita und das Internet

Als wir an der Staatsoper anfingen, unsere Internetpräsenz aufzubauen, war das natürlich für alle noch Neuland. Es gab (und gibt nach wie vor) ein Forum, in dem alle User diskutieren und alles Positive wie Negative schreiben konnten. Wir haben in der Leitung lange überlegt, ob man gewisse Diskussionen unterbinden sollte, aber wir alle waren unentschlossen.

Während der Festspiele bekam ich einmal einen Anruf aus der Damensologarderobe. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn wollte sich Edita nicht ankleiden und auch nicht singen. Also bin ich schnell zu ihr gegangen, und sie sagte mir, sie fühle sich nicht wohl und könne heute nicht singen – obwohl sie vollkommen gesund war. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn! Aber es stellte sich heraus, dass sie zutiefst getroffen war von einer unsäglichen Beleidigung auf unserer Website, die alle Welt lesen konnte – ein Freund hatte ihr das zugetragen. Sie meinte zu mir, wenn das die Fans seien, dann könne sie nicht mehr auftreten. Ich habe ihr gut zugeredet, aber sie hat mich auf wirklich nette Art gefoltert.

Anschließend habe ich eine Ansage auf der Bühne gemacht, dass Frau Gruberova heute unpässlich sei, aber dennoch die Vorstellung singen werde. Mit kurzer Verspätung begann die Aufführung, und es war ein grandioser Abend – von Indisposition keine Spur. Am Ende gab es unendlich lange Ovationen. Am Ende hat sie mich angelächelt und gesagt: „Siehst du, das sind die Fans. Du musst irgendetwas unternehmen.“ Wir haben dann diese Rubrik im Forum trotz Protesten entfernt.

Anmerkung der Redaktion:
Heute können Sie uns im Netz immer noch Ihre Meinung sagen, egal ob hier im Blog, in unserem Forum oder in den anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Wir freuen uns über Ihre Glückwünsche, Erinnerungen und Würdigungen für unsere „Grubi“!

Kommentare

  • Am 27.07.2014 um 16:25 Uhr schrieb Michaela Steinburger

    Ich habe Frau Gruberova ihre Mitwirkung an dieser entsetzlichen Roberto Devereux Inszenierung übel genommen. Umso bedauerlicher finde ich, dass dieser Tiefpunkt in ihrer Karriere immer wieder derart verherrlicht wird. Erst letzten Monat in Zürich konnte ich Frau Gruberova verzeihen, als sie eine grossartige und würdevolle Königin in der Züricher Inszenierung von Gian-Carlo del Monaco gab....

  • Am 28.07.2014 um 00:37 Uhr schrieb Lorenzodaponte

    Wenn sich Elisabetta die Perücke abnimmt, läuft es mir jedesmal kalt über den Rücken herunter. Alle Macht ist da gescheitert. "...ein altes Weib aus mir gemacht...". Eine grandiose Produktion. Das psychologische Drama einer mächtig-ohnmächtig gescheiterten Frau: ganz hautnah, erschütternd! Ohne "Verkleidung".

    P.S.: Gibt es denn wirklich kein Foto von einem Auftritt als Zerbinetta im Nationaltheater?

  • Am 28.07.2014 um 13:19 Uhr schrieb Bauer

    Ich danke Sir Peter von Herzen für diesen wunderbaren Roberto Devereux. Für mich das Beste, was jemals auf der Bühne der BSO zu sehen war.

  • Am 28.07.2014 um 16:13 Uhr schrieb Andreas

    Vielen Dank, lieber Peter Jonas, für diesen schönen Beitrag. Da kommen so viele Erinnerungen hoch: Das erste Live-Erlebnis als Donna Anna Ende der Achtziger Jahre (da war ich ungefähr 12 oder 13), eine unvergessliche konzertante Aufführung von "Semiramide", die grandiose Lucia. Später dann Anna Bolena, I puritani, Lucrezia Borgia ... Man kann gar nicht dankbar genug sein für diese sängerische Lebensleistung!

  • Am 29.07.2014 um 14:33 Uhr schrieb Dietmar Schaffer

    Gerade erst am vergangenen Sonntag anl. ihres 40jährigen Bühnenjubiläums an der BSO erlebte ich Edita Gruberova wieder in München als Lucrezia Borgia.
    Was Edita vollbringt ist überirdisch. Töne und Stimmungen vemag sie zu zaubern - die sind nicht von dieser Welt.
    Ihr gebührt höchster Respekt. Ihre Stimme nach wie vor so jung und facettenreich. Ein Leben voller Disziplin in Demut und Dankbarkeit für die Musik, um uns solch grossartige Momente zuschenken.Momente von denen man wünscht, sie mögen nie enden.
    Sie vermag die verborgensten Winkel eines menschlichen Seelenlebens zu tiefst zu berühren.

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