Dürfen wir vorstellen? Neu im Ensemble

Insgesamt vier neue Sängerinnen und Sänger heißen wir in dieser Saison in unserem Ensemble willkommen. Mit drei von ihnen haben wir uns in der Kantine getroffen und die "Neuen" mal etwas ausgehorcht: Corinna Scheurle (Mezzosopran), Martin Snell (Bass) und Boris Prýgl (Bariton). Erfahrt, wer von ihnen in München schon mal auf dem Marienplatz gesungen hat, wer bei seinem ersten Auftritt ein Schwimmkrokodil im Arm hatte und wen wir auf der nächsten Premierenparty als Ersten auf der Tanzfläche sehen werden.
(* Unser viertes neues Ensemble-Mitglied Samantha Hankey war zum Zeitpunkt des Interviews leider noch nicht am Haus.)

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Neu in unserem Ensemble: Martin Snell, Corinna Scheurle, Boris Prýgl

Bayerische Staatsoper: Wie heimisch fühlt Ihr Euch mittlerweile in der Oper? Habt Ihr Euch schon eingelebt?

Corinna Scheurle: Ich habe ja hier an der Theaterakademie August Everding meinen Master gemacht, kenne die Stadt also schon recht gut. Trotzdem war ich am Anfang schon recht nervös. Aber ich wurde so warmherzig aufgenommen und alle waren so nett und offen, dass ich das Gefühl hatte, alles fragen zu können. Es war ein sehr schöner Einstand.

Martin Snell: Mein erster München-Besuch ist ungefähr 35 Jahre her. Ich reiste damals mit einem Jugendchor aus Neuseeland nach Deutschland. Wir hatten am Abend zuvor in Freising gesungen, waren gemeinsam essen gegangen, doch als die Rechnung kam, hatten wir nicht genügend Geld. Also gaben wir eine halbe Stunde lang vor dem Rathaus auf dem Marienplatz etwas zum Besten und haben dabei so viel Geld eingenommen, dass wir die Rechnung bezahlen konnten – und mehr. Das war mein erstes München-Erlebnis. Und jetzt ist es, wie Corinna ja schon gesagt hat: Die Atmosphäre hier ist so warmherzig und freundlich. Dadurch gewöhnt man sich viel leichter ein.

BSO: Habt Ihr Euch in dem Riesen-Haus auch schon mal verirrt?

Corinna: Ja, es ist das reinste Labyrinth!

Boris Prýgl: Bis ich den Weg zur Kantine auf Anhieb gefunden habe, vergingen ganze zwei Monate. Das war das Schwierigste. Ich habe die Kollegen aus der Technik ab und zu um ein paar Gefallen gebeten, und die sitzen im Untergeschoss. Jetzt weiß ich also wirklich, wo alles ist. Nur das Obergeschoss des Nationaltheaters ist mir noch immer ein Rätsel.

BSO: Boris, Du hast 2017 als Mitglied des Opernstudios begonnen. Und jetzt bist Du Ensemble-Mitglied. Fühlst Du Dich in München mittlerweile heimisch?

Boris: Bevor ich nach München kam, um mein erstes Jahr im Opernstudio anzutreten, hat man mir eine Stelle im Ensemble von Plácido Domingo an der LA Opera angeboten. Der Vertrag hätte eine Laufzeit von sieben Jahren gehabt. Das fand ich nicht so vorteilhaft. Aber es wäre Amerika, und Plácido Domingo und so weiter, aber ... Ich hatte hier aber schon den Vertrag unterschrieben, mit mindestens einem Jahr Laufzeit. Also hatte ich zunächst vor, ein Jahr im Opernstudio tätig zu sein und dann nach Los Angeles zu gehen. Zwei Monate danach hab‘ ich mich dann dermaßen in die Oper und in München verliebt, dass ich das andere Engagement nicht angetreten habe.

BSO: Worauf freut Ihr Euch in dieser Saison am meisten? Gibt es da eine bestimmte Rolle oder Veranstaltung zum Beispiel?

Boris: In gewisser Weise steht meine größte Rolle gerade an (lacht). Es ist eine Rolle in Les Contes d’Hoffmann. Das ist tatsächlich ein bisschen anstrengend, weil wir fünf Akte lang pausenlos auf der Bühne stehen. In jeder Minute ändert sich die Handlung und es gibt so viele Kleinigkeiten zu tun, obwohl wir nur im ersten Teil und im fünften Akt zusammen mit dem Chor singen. Wir sind pausenlos auf der Bühne und müssen 100 % konzentriert bleiben. Danach kommt Turandot mit Anna Netrebko. Und ich singe eine größere Rolle in der Neuproduktion von Castor et Pollux.

Corinna: Ich freue mich sehr auf den Liederabend, den ich am 10. Januar zusammen mit zwei anderen Ensemblemitgliedern gebe. Ich liebe Lieder und singe sie unglaublich gern. Ich beginne meine erste Saison mit diversen kleinen und mittelgroßen Rollen – was prima ist, denn so kann ich erstmal richtig ankommen. Am meisten freue ich mich aber auf Die schweigsame Frau von Strauss. Da gibt es viel zu singen, zu spielen und allgemein sehr viel Action, und ich habe meine eigene Arie.

Martin: Alle meine Rollen sind neu und in neuen Produktionen, ich habe allein im ersten Monat vier Produktionen und vier Rollen zu singen. Damit bin ich ziemlich zufrieden und freue mich darauf.

Martin Snell (rechts) als Crespel in LES CONTES D'HOFFMANN
Boris Prýgl (ganz rechts) als Wilhelm in LES CONTES D'HOFFMANN

BSO: Wie kamt Ihr dazu, Opernsänger zu werden?

Corinna: Zuerst wollte ich eigentlich Tänzerin werden, ich habe unheimlich viel getanzt. Und dann bin ich ziemlich schnell viel gewachsen. Als Mädchen habe ich immer schon gesungen und wusste nicht mal recht, was ich da sang. Wahrscheinlich Kinderlieder oder so. Und im Lauf der Jahre entwickelte sich dann immer mehr der Wunsch, das auch beruflich zu machen und davon leben zu können, weil ich es einfach so liebe. Ich musste sehr hart an der Entwicklung meiner Technik arbeiten. Ich wusste lange schon, dass ich singen wollte, war mir lange aber nicht darüber im Klaren, wie ich das anstellen, den Weg dorthin gestalten sollte. Meine Mutter, die selbst Musikerin ist, sagte immer: „Werdet ja nicht Musiker, ergreift bitte lieber einen normalen Beruf.“ Und jetzt sind ihre beiden Töchter Musikerinnen. (Lacht)

Boris: Als ich fünf war, hörte ich Pavarotti im Fernsehen und fragte meine Mutter „Was ist das?“. Sie wäre gerne selbst Sängerin geworden und erklärte es mir. Und ich: „Toll, wenn ich mal groß bin, will ich machen, was dieser Mann macht“. Und dann begann sie, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um mich dabei zu unterstützen. Also fing ich an, singen zu lernen. Und nur ein Jahr nach meiner ersten Begegnung mit Pavarotti, mit sechs, gewann ich meinen ersten Nachwuchs-Gesangswettbewerb. (Lacht)

Corinna: Im zarten Alter von sechs Jahren? Oh Gott!

Boris: Ja, und danach tat ich, was ich konnte, um ein Star zu werden. (Lacht)

Corinna: Was hast Du bei dem Wettbewerb gesungen?

Boris: Das war ein Popsong über ein Krokodil in meiner Badewanne. Auf der Bühne hatte ich ein kleines, aufblasbares Krokodil dabei, das ich im Keller gefunden hatte. Ein Relikt aus der Kindheit meines Vaters.  Wir haben es aufgepumpt, aber am Ende des Liedes war die ganze Luft raus, weil es schon so alt war. (Lacht)

BSO: Den Song solltest Du mal auf einem Liederabend singen!

Boris: Dafür hab‘ ich mittlerweile ein Update. Ich singe nämlich diese „Schweinespeck“-Arie und habe mir dafür bei IKEA ein Stoff-Schweinchen gekauft, das ich dann mit auf die Bühne nehme.

BSO: Martin, wie bist Du zum Singen gekommen?

Martin: Ich war Mitglied im Knabenchor der Kathedrale meiner Heimatstadt in Neuseeland. Mit acht trat ich in den Chor ein und wurde später Gründungsmitglied des New Zealand Youth Choir. Dem gehörte ich zehn Jahre lang an, begann dann an der Uni ein Jurastudium und wurde Rechtsanwalt. Durch wirtschaftliche Umstände kam es dann 1987, also lang vor der Geburt von Boris, aber dazu, dass ...

Boris: Ach, die fünf Jahre!

Martin: Die Umstände waren dann so, dass es nach meinem Examen nicht gerade viel Arbeit gab. Also zog ich von meiner Heimatstadt, wo ich in einer Kanzlei arbeitete, nach Wellington und wirkte an einer Opernproduktion mit. Und zwar bei einer Produktion von Die Meistersinger von Nürnberg mit keinem Geringeren als Donald McIntyre. Jetzt ist er Sir Donald McIntyre und nach Kiri Te Kanawa ist er wohl der berühmteste neuseeländische Opernsänger. Und mich wählte er für diese Produktion aus. Er fragte mich andauernd, was ich denn später mal vorhabe. Ich dachte mir „Singen ist für mich doch nur ein Hobby“, denn ich wollte weiterhin als Anwalt arbeiten, fand aber keine Anstellung. Dann lernte ich die amerikanische Sopranistin Alessandra Marc kennen, die dasselbe sagte. Also dachte ich mir: „Vielleicht haben die beiden ja Recht“. Also ging ich in eine öffentliche Bücherei – es gab ja weder Internet noch E-Mail – und musste mich dort nach Adressen umsehen für meine Briefe an Musikhochschulen in England, aber auch in Amerika. Es dauerte also Wochen, wenn nicht Monate, um die Infos zu bekommen. Also bewarb ich mich, hatte aber nicht das Geld, um persönlich zu Vorsingen zu gehen. Stattdessen schickte ich Kassetten und erhielt von mehreren Hochschulen Absagen. Dann aber wurde ich angenommen, und zwar am Royal Northern College of Music in Manchester. Der nächste Schritt war, genügend Geld zu sparen, zu verdienen und aufzubringen, um mein Studium zu finanzieren.

BSO: Als Opernsänger reist man viel, kommt viel herum. Würdet Ihr sagen, dass München als Opernstadt oder das Publikum dort ein bisschen anders ist?

Martin: Kein Zweifel: die Münchner lieben ihre Oper. Es macht so einen Unterschied, wenn man auf die Bühne kommt und feststellt, dass man vor ausverkauftem Haus singt. Ich habe auch schon auf Bühnen gestanden, wo das nicht so war. Ich denke, in München hat das damit zu tun, dass die Location schön ist, sie liegt mitten in der Stadt. Und in der Oper selbst ist man wirklich bemüht, eine Verbindung zu den Menschen in München und darüber hinaus aufzubauen. Nicht nur die Sängerkollegen, sondern auch die Menschen hinter den Kulissen, sei es Kostümbildner, Maske oder wer auch immer – alle sind wirklich hochgradig engagiert. Und das macht einen Riesen-Unterschied. Letzten Samstag war ich bei Otello und wurde dort durch einen gemeinsamen Freund einer Frau vorgestellt, die drei oder vier Mal pro Woche in die Oper geht. Und sie sagt: „Die Staatsoper ist mein Wohnzimmer“. Das ist fabelhaft!

Boris: Ganz meiner Meinung. Auch bei unseren Konzerten mit dem Opernstudio in ganz kleinen Dörfern irgendwo in Bayern gab es immer einen Ort, wo man auftreten konnte. Es gab Konzerte für bis zu 500 Leuten, und es war immer ausverkauft – lauter Menschen, die sich für junge Sänger interessieren.

Corinna: Ich würde auch sagen, dass es außen am Opernhaus viele Hingucker gibt, die den Leuten auffallen, die dann sagen: „Ah, das hat mit Klassik oder Oper zu tun und sieht sogar ziemlich cool oder stylish aus – nicht snobistisch oder 100 Jahre weg von mir.“ Wenn man das Haus von außen sieht, wirkt es ja ziemlich einschüchternd. Riesengroß, elegant, prunkvoll – aber wenn man dann sieht, wie sich die Oper nach außen hin präsentiert, die Poster, Trailer, Programme, Social Media ... Das verleiht dem Ganzen so einen modernen Touch. Genau wie alles, was ja auch auf der Bühne passiert. Das ist alles gar nicht so weit weg von unserem heutigen Alltag.

Il trittico (Gianni Schicchi): Ensemble der Bayerischen Staatsoper
Szene aus IL TRITTICO, ganz außen rechts: Martin Snell.

Martin: Auch mithilfe von neuer Technologie. Als wir zum Beispiel den Livestream zu Il Trittico hatten, den über 100.000 Personen weit über München hinaus verfolgten, bekam ich Nachrichten von Leuten aus der Karibik, Japan und meiner Heimat Neuseeland. Dort hatten Zuschauer es ebenfalls verfolgt, und genau darum geht‘s. Es hat etwas Grenzüberschreitendes.

BSO: Gut, nun haben wir viel über München und die Oper selbst gesprochen. Nun aber zurück zu Euch: Was macht Ihr, wenn Ihr mal Abstand zur Oper braucht?

Corinna: Lacht Meine beste Entspannungsmethode ist Tanzen. Ich tanze für mein Leben gern. 13 Jahre Ballett, 6 Jahre Hiphop und Jazz, Akrobatik und so. Und wenn ich in einen Club gehe, kann ich wirklich abschalten, einfach nur tanzen. Oder ich mache Sport, Yoga oder gehe manchmal Laufen. Außerdem gehe ich gern raus in die Natur, Wandern, mache lange Spaziergänge und bin gern mit Freunden zusammen, die gar nichts mit der Oper zu tun haben.

Boris: Ich fahre jeden Tag Rad. Und ich liebe die Natur um Unterhaching. Deshalb wohne ich ja dort – weil es von Wäldern umgeben und nur ein Katzensprung weg ist von den Bergen. Und ich koche und backe viel. Das ist meine Art des Entspannens. Manchmal höre ich auch gern Dance Music an, weil ich auch mal DJ war.

BSO: Wir sehen Euch beide also auf der Premierenfeier auf der Tanzfläche?

Corinna: Ja, das könnten wir machen. (Lacht)

BSO: Und was ist mir Dir, Martin?

Martin: Ich mag die Stille. (Alle lachen)

Martin: Klar – wenn der ganze Tag angefüllt ist mit Musik und Proben, kann ich persönlich nicht einfach nach Hause gehen und mir Pop auflegen. Meine Chill-Musik – denn ich bin mit geistlicher Musik aufgewachsen – sind gregorianische Choräle oder Hildegard von Bingen. Grandiose Musik. Ansonsten aber: Stille. Ich lese viel, auch in anderen Sprachen, um damit meinen Wortschatz aufzubauen. Das ist eine ganz tolle Sache an Musik: Hier treffen sich die Vereinten Nationen der Musik. Schaut Euch beispielsweise die Besetzung von La traviata an: die Nationalitäten, die am Samstagabend hier waren. Und das war bei jeder Oper so, die wir hier aufgeführt haben. Die Vielfalt an Nationalitäten die mit einer Stimme singen – sprachlich gesehen, meine ich. Und es ist nicht wichtig, woher man kommt, man singt als wäre es die eigenen Muttersprache. Und ich glaube, das ist auch etwas, das die Menschen berührt.

BSO: Vielen Dank für das schöne Gespräch und willkommen im Ensemble!


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