Dürfen wir vorstellen? Das ist Paula.

Hendrik KerstensPlakate

Seit wann porträtieren Sie Ihre Tochter?

Hendrik Kerstens Als sie fünf Jahre alt war, entstand das erste Foto von Paula, das einen künstlerischen Rang hat. Damals war es ein Spiel. Heute arbeitet Paula entscheidend an den Bildern mit.

Paula, wie ist es, Tochter zu sein und als Tochter zugleich ein Kunstwerk?

Paula Kerstens Ich will nicht so tun, als wäre das alles völlig normal, aber es war nie merkwürdig oder unangenehm. Mein Vater macht Porträts von mir und ich mag das. Diese Arbeit ist ein Teil von mir.

Hendrik Kerstens Natürlich ist der Familie bewusst, welchen Rang die Bilder inzwischen in der Kunstwelt einnehmen. Das bedeutet aber nicht, dass wir im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wollen. Wir leben ziemlich normal und an erster Stelle steht unser Familienleben. Wir achten darauf, dass wir es nicht an die Öffentlichkeit verlieren. Wie die Welt auf die Bilder reagiert, verändert unser Leben nicht. Paula ist damit immer sehr nüchtern umgegangen.

In Ihrer Zeit als kommerzieller Fotograf haben Sie sich immer mit den Auftraggebern überworfen. Nun haben Sie doch wieder einen Auftrag übernommen und alle Plakate für diese Spielzeit fotografiert. Wie war’s?

Hendrik Kerstens Es war auch für mich eine Premiere. Mit der Oper zu arbeiten, ist zwar etwas anderes als die freie Kunst, aber ich dachte: Warum machst du es nicht einfach? Mich interessiert der Austausch mit anderen Menschen und anderen Kunstgattungen. Ich glaube an das Neue, an die Zukunft. Das hole ich mir sonst aus Zeitschriften. Heute würde ich sagen: Jeder Künstler sollte hin und wieder eine Auftragsarbeit machen. Dieser Auftrag war auch eine große Ermutigung für mich.

Wie sind die Bilder entstanden?

Paula Kerstens Am Anfang steht die Idee für das Bild. Hendrik macht erste Fotos, dann fällt mir etwas dazu ein. Es ist ein Dialog, der deswegen so gut funktioniert, weil wir Vater und Tochter sind, also ganz genau wissen, was der andere meint.

Wie haben Sie die Personen erarbeitet, die Sie auf den Plakaten verkörpern?

Paula Kerstens Ich recherchiere die Geschichte des Stückes. Manchmal weiß ich auch, wie das Bühnenbild aussehen wird. Das alles lasse ich mir durch den Kopf gehen. Ich schaue in die Kamera, als würde ich die Aufführung sehen. Manchmal ist der Ansatz auch, mich ganz in eine Person zu versetzen: Wie würde ich aussehen, wenn ich die handelnde Person wäre oder wenn ich eine ganz bestimmte historische Situation erleben würde?

Hendrik Kerstens Als wir das Plakat für Dialogues des Carmélites fotografieren sollten, hatten wir uns schon seit Längerem mit Religion befasst. Wir saßen in einem Restaurant in New York und spielten mit Ideen. Ich nahm die große weiße Serviette und setzte sie Paula ins Haar. Sie sah mit einem Mal aus wie eine Nonne aus dem Stück. Die Idee für das Plakat war geboren.

Paula Kerstens Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass wir über Aussehen und Schönheit ganz anders denken, als es in Modeheften oder anderen Magazinen geschieht. Denn die Schönheit liegt im Unperfekten, nicht wahr?

Sie versuchen also nicht, Ihre Tochter aussehen zu lassen wie Scarlett Johansson in dem Vermeer-Film Das Mädchen mit dem Perlenohrring?

Hendrik Kerstens (lacht) Nein. Aber es wird Sie nicht verwundern, dass sie meine Lieblingsschauspielerin ist.

Paula, was machen Sie beruflich?

Paula Kerstens Ich studiere Kulturwissenschaften und will als Nächstes ein Praktikum in einer Galerie machen, vielleicht in Berlin. Später will ich in einem Museum arbeiten und mit 40 meine eigene Galerie eröffnen. Aber das kann sich auch wieder ändern.

Die Fotos, die Sie machen, gehören inzwischen auch zu großen Sammlungen. Gibt es eine direkte Verbindung zwischen Ihrem Studium und der Arbeit mit Ihrem Vater?

Paula Kerstens In einer Gender-Vorlesung gab es eine Diskussion über Sally Mann, die ihre Kinder fotografiert — auch nackt. Als Kind eines Fotografen denke ich, wenn die Kinder einverstanden sind und nicht manipuliert werden, ist es okay. Es ist ein Unterschied, ob die Mutter fotografiert oder jemand, der nicht Teil der Familie ist. Ich habe aber nichts über meine Arbeit mit meinem Vater erzählt, weil ich nicht die ganze Aufregung auf mich lenken wollte. Man weiß nie, wie Leute reagieren.

Hendrik Kerstens Viele Kinder werden nun mal für Fotos ausgebeutet und missbraucht, aber das ist nicht die Regel. Ich wehre mich dagegen, dass gesagt wird, man könne nicht mit seinen Kindern arbeiten, weil andere ihre Kinder ausbeuten.

Paula Kerstens Ich bin jetzt erwachsen. Kleine Kinder können die Situation nicht einschätzen, sie brauchen den Schutz der Eltern. Den hatte ich. Wir haben immer über alle Fotos geredet. Wenn mir irgendetwas nicht passte, wurde es nicht gemacht.

Paula, sind Sie Muse oder Ko-Artist?

Paula Kerstens Ich bin eher Muse als Künstler.

Sie stellen zeitgenössische Frauen ebenso glaubwürdig dar wie Figuren, die an Vermeer erinnern. Wie machen Sie das?

Hendrik Kerstens Wir sind als Familie sehr unangepasst. Wir richten uns nach keiner Mode. Ich habe zwar noch nie einen Strafzettel bekommen, aber wir geben gesellschaftlichem Druck nicht nach. Ich fand es immer dumm, wenn Leute kommentieren, ob ein Kind in einem gewissen Alter ausreichend reden oder laufen kann. Alles fügt sich, wenn der richtige Moment da ist. Nonkonformismus erleichtert diese Zeitsprünge. Natürlich gehen wir ins Museum und betrachten Bilder. Aber wir sind Zeitreisende.

Wie man Vergangenheit und Gegenwart verbindet, ist auch in der Oper ein Thema.

Hendrik Kerstens Ich will nicht altmodische Bilder machen. Auch keine Imitate. Was passiert, ist in meinem Kopf. Der Rest ist Wunder, Zauber. Das ist sehr wichtig in der Kunst. Für mich ist Kunst Intuition, eine Art Gefühl. Man kann sich dem intellektuell annähern, einverstanden. Aber am Anfang steht nun einmal die Empfindung. Ein guter Künstler legt das auf den Tisch, was in ihm ist.

Hatten Sie früher Angst davor, auf den Tisch zu legen, was in Ihnen ist?

Hendrik Kerstens Sehr große Angst. Aber man muss einfach den Versuch wagen und die Reaktion akzeptieren. Ich habe mich nicht so sehr vor den anderen gefürchtet, ich habe mir selbst nicht vertraut. Jetzt habe ich das Publikum, die Aufmerksamkeit, die Anerkennung. Dabei mache ich nichts anderes als früher. Verrückt.

Also nicht nachgeben?

Hendrik Kerstens Ich arbeite viel an Details und mir wird immer wieder gesagt: Das sieht doch keiner. Aber ich weiß, dass es da ist. Und ich kann ohne das nicht leben. Weil ich an Details glaube — ganz ohne Grund. Denn es gibt für nichts einen Grund. Oder vielleicht doch …

Welche Details sind Ihnen wichtig?

Hendrik Kerstens Es ist die Komposition der Fotos und das Gefühl, das ein Bild vermittelt. Die Sängerin Elisabeth Schwarzkopf sagte: Es geht nicht nur darum, schön zu singen, es geht um den Ausdruck. Um die Menschen um dich herum. Man macht nichts ganz für sich. Man ist immer Exponent der Situation, in der man ist. Nur der eigene Geist gehört einem allein, die eigenen Ideen — und dafür trägt man die Verantwortung.

Haben Sie je darüber nachgedacht, wann Sie die Serie beenden?

Hendrik Kerstens Ich dachte, dass das enden würde, wenn Paula einen Freund hat, weil es ihn vielleicht überfordern würde. Den hat sie jetzt, seit zwei Jahren …

Paula Kerstens … zweieinhalb, Papa.

Hendrik Kerstens Gut, zweieinhalb. Aber Jeroen kommt damit sehr gut klar. Das ist gar nicht selbstverständlich, nicht jeder junge Mann findet es gut, dass Bilder seiner Freundin an der Wand hängen, wenn er in New York in eine Galerie geht.

Wer macht bei Ihnen die ganz normalen Familienfotos — an Geburtstagen, Weihnachten oder im Urlaub?

Paula Kerstens Die Erinnerungsfotos bei Familienfeiern machen ich, meine Mutter oder unsere Freunde.

Das Interview ist in MAX JOSEPH, dem Magazin der Bayerischen Staatsoper, erschienen.

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