Dmitri Tcherniakov über „Simon Boccanegra“

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Dmitri Tcherniakov inszeniert Simon Boccanegra: Am 3. Juni feiert Giuseppe Verdis Oper ihre Premiere. Der Dramaturg Miron Hakenbeck hat mit dem Regisseur über das Scheitern Boccanegras, seine Beziehung zu Amelia und die Bildwelt Edward Hoppers gesprochen.

Miron Hakenbeck In Simon Boccanegra finden sich ein Vater und seine Tochter wieder, die Jahrzehnte zuvor auseinandergerissen wurden. Diese fast sentimental wirkende Wiederbegegnung verspricht vollkommen glücklich zu verlaufen und könnte alte Wunden heilen. Dann aber erliegt Boccanegra einem Mordanschlag. In welchem Zusammenhang steht hier das Scheitern eines Politikers mit seiner familiären Geschichte? Was ist Vordergrund, was Hintergrund?

Dmitri Tcherniakov Das Thema Familie ist für mich in dieser Oper eher peripher. Niemand hat dort wirklich eine Familie, eher geht es um ihre Abwesenheit. Hingegen ist das persönliche Scheitern Boccanegras für mich wesentlich. Er ist ein Mensch, der sich verloren hat und mit den Jahren versteht, dass er nicht sein eigentliches Leben gelebt hat. Dass es einen entscheidenden Augenblick gab, in dem sein Leben eine falsche Richtung eingeschlagen hat, für mehr als zwanzig Jahre. Diesen Wendepunkt, diesen alles entscheidenden Abend in Boccanegras Leben, als seine Geliebte sich ermordet und er zum Dogen gewählt wird, erzählt uns Verdi im Prolog. Im Laufe seines weiteren Lebens kehrt Boccanegra in Gedanken immer wieder zu diesem Abend zurück. Er versucht, ihn noch einmal zu durchleben, ihn Sekunde für Sekunde zu rekonstruieren, um zu verstehen, wie alles passieren konnte, und um das Geschehene rückgängig zu machen. Aber das ist nicht möglich, diese fortwährende Rückkehr in die Vergangenheit ist zerstörerisch. Am Ende der Oper macht Boccanegra dann so etwas wie ein Downshifting, steigt aus seinem Job aus, lässt alles zurück und geht fort. Weil er versteht, dass er von seinem bisherigen Leben nichts mehr braucht. Ich lasse ihn nicht durch das Gift seiner Gegner sterben, wie es das Libretto vorsieht. Das wäre zu einfach. Das Gift, die Intrige, der politische Mord sind nur Teile einer Theaterkonvention. Boccanegra bleibt am Leben, ändert aber seine Prioritäten.

Der Auslöser für diese Veränderung in seinem Denken ist aber doch das unerwartete Auftauchen seiner Tochter, die in jener Vergangenheit verschwunden ist.

Ja, Amelia ist der Katalysator. Ich erzähle die Familiengeschichte in Simon Boccanegra aber etwas anders als Verdi und seine Librettisten und verändere sie in einem ganz kleinen, aber wesentlichen Detail. Ich glaube nicht an die Echtheit der Gefühle während dieser Wiederbegegnung. Wie kann Boccanegra, wenn diese verloren geglaubte Tochter nach über zwanzig Jahren auftaucht, unmittelbar in ein Duett von so verzuckerter Natur mit ihr einstimmen? Das Duett ist ein Spiel. Was müsste ein ständig von Komplotten umkreister und aus Erfahrung misstrauischer Politiker denken, wenn er plötzlich auf ein Mädchen trifft, das sich ihm als seine Tochter zu erkennen gibt? „Wer steht hinter ihr? Was ist das für eine Provokation?“ Für mich glaubt Boccanegra nicht ein einziges Mal an die Identität dieser wiederaufgetauchten Tochter.

Das heißt, die beiden sind gar nicht verwandt? Warum gibt sich Amelia als diese Tochter aus? Oder glaubt sie selbst an die Geschichte von Vater und Tochter?

Diese junge Frau ist keine kalkulierende Intrigantin, die an die Macht gelangen will. Sie ist eine Waise, über Jahre in einer fremden Familie aufgewachsen, mit dem Gefühl, dass niemand sie braucht. In der autistischen Blase, in der sie lebt, denkt sie sich Boccanegra als ihren Helden. Als die Vaterfigur, die sie in ihrem Leben nie hatte. Sie weiß vom Verschwinden seiner Tochter vielleicht durch Paolo, der sie oft besucht und Boccanegra noch aus der Zeit kennt, bevor dieser Doge wurde. Aus Paolos Erzählungen konnte sie ein Porträt Boccanegras kreieren. Sie idealisiert ihn, schneidet vielleicht seine Fotos aus den Zeitungen aus und klebt sie in ihr Tagebuch. Sie muss eine unheimliche Angst haben, dass alles auffliegt und sie als Lügnerin dastehen wird. Aber sie hat diese idée fixe, dass ihr Glück davon abhängt.

Bei allem Misstrauen löst die Begegnung mit dieser jungen Frau in Boccanegra eine Kette von emotionalen Reaktionen aus.

Er hatte jahrelang die Hoffnung, seine Tochter noch einmal wiederzusehen, auch wenn dies mit der Zeit immer utopischer wurde. Wie eine wichtige Schublade, die immer leerer zu werden droht. Deshalb ist es ab einem bestimmten Moment nicht mehr wichtig für ihn, ob diese Frau wirklich seine Tochter ist. Sie nimmt einfach diesen Platz in seinem Leben ein. Es ist, als würde er ihr sagen: „Ich will dich nicht weiter ausfragen. Aber verlass mich bitte nicht! Ich brauche dich.“ Und dennoch: In der ersten Begegnung, in ihrer ersten gemeinsamen Szene lügt Boccanegra und spielt ihr vor, dass er ein glücklicher Vater ist. Danach stürzen eine Menge vernichtender Zweifel und Probleme auf ihn ein.

Auf dem Politiker Boccanegra, dem von den Plebejern gewählten Dogen, lag die Hoffnung auf Ausgleich zwischen verfeindeten Parteien. Seine Politik war aber zwanzig Jahre lang von Terror und Ungerechtigkeit gegen die Patrizier gezeichnet. Schlittert er ganz passiv und unbedacht in diese Form der Machtausübung hinein? Oder übt er an den Patriziern Rache für seinen persönlichen Verlust?

Boccanegra hat sich sicher immer als zweitklassiger Mensch gegenüber den Patriziern gefühlt. Und nur deshalb wurde sein Leben zerstört – von Fiesco, dem Vater seiner Geliebten, der seine Tochter vielleicht sogar in den Selbstmord getrieben hat. Als Boccanegra, einmal an der Macht, die Möglichkeit zur Rache bekam, hat er sie genutzt. Es gab ganz private Gründe, diesen Krieg gegen die Welt Fiescos zu führen. Das war kein politisches Kalkül, auch wenn es politische Auswirkungen hat. Fiesco verfolgt ihn lebenslang. In jeder Szene, in der wir Boccanegra mit Fiesco erleben, beleidigt ihn dieser. Vielleicht ist Boccanegras Handeln vor allem dadurch bestimmt, diesem Mann, der ihn als Bräutigam seiner Tochter nicht akzeptiert hat, etwas beweisen zu wollen. Die beiden Männer führen einen endlosen mentalen Dialog miteinander. Damit verbringen sie ihr halbes Leben.

Im Kontrast zu fast abstrakt anmutenden, schwarz-weißen Innenräumen in den darauffolgenden Akten wird der Prolog in dieser Inszenierung zu einer farbigen Straßenszene, die aber doch auch befremdend künstlich wirkt, da die Atmosphäre und eine bekannte Eckbar die Welt des Malers Edward Hoppers zu zitieren scheinen. Ist das programmatisch gemeint? Ist Boccanegras Leben ein Boulevard of Broken Dreams?

Ich mag keine programmatischen Statements. Mich interessiert eher eine Wirkungsweise. Durch Postkarten und Poster kennen Edward Hoppers Bilder mittlerweile alle. Wir sehen dieses Café und wissen sofort: Das habe ich irgendwo schon gesehen. Das Bühnenbild des Prologs prägt sich deswegen sofort ins Bewusstsein ein – so wie dieser Abend und dieser Ort sich in Boccanegras Erinnerung einbrennen. Außerdem habe ich bei Bildern von Hopper immer ein Gefühl von Leere, als ob die Welt verlassen wäre. Es sind Bilder, wie sie ganz schnelle, frühmorgendliche Träume produzieren, die ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen: An diesen Orten bin ich schon einmal gewesen, aber irgendetwas stimmt an ihnen nicht. Auf erschreckende Weise sind sie unecht. Ähnlich wirkte in der Kindheit auf mich Feuerwerk. Ich habe nie auf die explodierenden Leuchtkörper geschaut, sondern auf die Straßen und Gebäude, die für Sekundenbruchteile grell beleuchtet wurden – vor dem Hintergrund des schwarzen Himmels, mit der Helligkeit eines unnatürlichen Lichts.

Die vollständige Version dieses Interviews ist in der Ausgabe Nr. 3 2012/13 unseres Magazins MAX JOSEPH erschienen.

Kommentare

  • Am 27.05.2013 um 23:11 Uhr schrieb Oliier Keegel

    "Niemand hat dort wirklich eine Familie, eher geht es um ihre Abwesenheit" ?? Pseudointellectual bullsh.t. Si la connerie se mesurait, vous serviriez de mètre étalon ! Vous seriez à Sèvres.

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