Dieses Werk zu dirigieren ist wie Chirurgenarbeit

Minas Borboudakis, griechischer Komponist und in München beheimatet, schrieb die Kammeroper Z.  Sie basiert auf dem gleichnamigen Buch von Vasilis Vasilikos, das die Geschichte der Ermordung des Abgeordneten und Pazifisten Grigoris Lambrakis beleuchtet. Borboudakis’ Werk wurde 2018 in Athen uraufgeführt und kommt nun im Rahmen der Festspiel-Werkstatt zur deutschen Erstaufführung. Wir sprachen mit ihm über seine Bewunderung der literarischen Vorlage, seine Arbeitsweise und Slapstick in der Oper.

Minas Borboudakis (Foto: Christiane Olmers)

Was hat Sie gereizt, ausgerechnet diesen Stoff zu vertonen?
Zwei Sachen: Das eine war natürlich die politische Komponente der Geschichte. Für uns Griechen beschreibt dieser Vorfall einen sehr prägnanten Moment in der neugriechischen Geschichte, denn daraus erwuchs die Diktatur. Sie hatte ihren Ursprung in diesem Attentat. Einen weiteren Punkt beschreibt das Buch: Es ist der humanistische Aspekt. Der Autor Vasilis Vasilikos hat nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern auch den Menschen mit all seinen Facetten beschrieben. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Obwohl es eine brutale Erzählung ist, schildert der Autor sie in einer extrem poetischen Art. Das hat mich beim Lesen sofort gepackt.  

Wie sind Sie dann vorgegangen? Wie ist das Stück entstanden?
Ich entwarf bereits beim Lesen eine Form, weil ich das Konstrukt sehr spannend fand. Einerseits die historische Geschichte, andererseits die Monologe von Z und seinen Verbündeten. Eine der ersten Überlegungen – die ich dann tatsächlich auch umgesetzt habe – war, dass im ersten Teil ein Crescendo in der Geschichtserzählung stattfindet und einen Höhepunkt in der Rede und Ermordung von Z findet. Während die parallelen Monologe ganz klein sind. In der zweiten Hälfte findet ein Diminuendo in der Geschichte statt, die Szenen werden immer kürzer, das sind unter anderem die Verhörszenen. Dafür werden die Monologe immer umfangreicher. So endet man im Epilog bei einer Szene, in der man nicht mehr weiß, ob das nun real oder surreal ist. Diese Form habe ich dem Librettisten vorgeschlagen und bin auf sein Interesse gestoßen. Ich bekam von ihm einen ersten Entwurf, mit dem ich sehr glücklich war, weil die ästhetische Linie und die Richtung sofort gestimmt haben – das ist schon mal sehr wichtig. Daraufhin haben wir Szene für Szene gemeinsam erarbeitet, Zeile für Zeile, Wort für Wort, Silbe für Silbe.  Das war eine sehr intensive Arbeit. Nach der Skizze habe ich mich für ein paar Wochen zurückgezogen und sie komponiert und instrumentiert. So haben wir eineinhalb Jahre gearbeitet.

Gibt es Besonderheiten im Aufbau des Stücks?
Nein, die Zweiteilung ist der Aufbau des Stückes. Es gibt zwei Sorten von Szenen: die Monologe, das sind innere Welten und Stimmen von Z und seiner Verbündeten, und die Geschichte, die wird von anderen Protagonisten erzählt. Außerdem gibt es eine dritte Form. Das sind slapstickartige Szenen, in denen sich die Personen der Macht selbst lächerlich machen, beispielsweise der Polizeichef. Diese Szenen sind absichtlich etwas komisch gestaltet. Entsprechend ist natürlich auch die Musik. Einerseits haben wir während der Monologe eine sehr sphärische Musik, die auch von Elektronik erzeugt wird.  Ich vergleiche das gerne mit einer Glaskugel oder Höhle. Andererseits gibt es die Geschichtserzählung mit einer sehr direkten, dynamischen Musik sowie komische Szenen, in denen die Musik entsprechend karikaturartig ist.

Haben Sie eine Lieblingsstelle?
Viele, eigentlich in jeder Szene. Die 6. Szene, die Rede- und Mordszene, und der Epilog sind Lieblingsmomente von mir. Die letzte Szene ist sehr nostalgisch und endet mit einer philosophischen Überlegung über das Leben und den Menschen, die Z formuliert, als er schon gestorben ist.

Gab es besondere Herausforderungen beim Komponieren und was zeichnet die Aufführungspraxis aus?
Die große Herausforderung wird sein, diese Klangatmosphäre herzustellen. Denn besonders die Monologe sind sehr filigran, mit sehr wenigen Mitteln und sehr speziellen Klängen, mit speziellen Techniken und mit der Einbindung von Elektronik. Es spielen viele Faktoren mit und das zu dirigieren, ist ein bisschen wie Chirurgenarbeit. Für den Schauspieler sind die rhythmischen Passagen eine Herausforderung. Es gibt einige Stellen im Stück, in denen er den Text von mir rhythmisierst in der Partitur bekommt, ihn aber trotzdem auf natürliche Art sprechen soll.
Und kompositorisch war es eine Herausforderung, die Kontraste klanglich so herzustellen, dass sie sofort begreifbar sind. Denn das gibt dem Zuhörer den Zugriff auf die Form und hilft, der Geschichte zu folgen. Mir war klar, dass ich auf gar keinen Fall Klangfarben einer Atmosphäre mit einer anderen vermischen darf. Einen Klang, eine Musiksprache zu finden, die modern ist und meiner Sprache entspricht, aber trotzdem den Touch der 60er Jahre hat, war ebenfalls eine Herausforderung. Das sind außermusikalische Aspekte, die ich versucht habe, auch klanglich wiederzugeben.

Wie haben Sie das umgesetzt?
Ich arbeite sehr viel mit Klängen der damaligen Zeit. In den 60er Jahren wurde die E-Gitarre populär, somit habe ich eine E-Gitarre eingebaut. Es gab Schwarz-Weiß-Filme und man hatte immer wieder dieses weiße Rauschen in Radio oder Fernsehen. Das habe ich auch in die Musik eingebaut. Für die Slapstick-Szenen habe ich Elemente, die damals in der Filmmusik vorkamen, ausgeliehen. Sei es nur ein Ton oder nur eine Spielart, beispielsweise beimVibraphon. In der Geschichtserzählung arbeite ich viel mit dem Weg vom Geräusch zum Ton und umgekehrt. Es ist eine Palette von Abfärbungen, die zwischen rauschhaftem Spielen, dessen Umwandlung zu einem normalen Ton und wieder zurück changiert. Und es gibt ganz scharfe Kontraste zwischen den beiden Spielarten, die das Schwarz-Weiße widerspiegeln.

Wie ist das Gefühl nach einer Premiere?
Das ist natürlich sehr befreiend. Die Anspannung der Wochen davor ist eine große Verantwortung. Wenn man ein Stück schreibt, gibt man etwas von sich selbst preis. Es ist eine ganz ehrliche Niederschrift von einem selbst, man ist ganz ehrlich mit seinem Papier. Ich schreibe die Musik nieder und habe natürlich die Hoffnung, dass es auch beim Publikum ankommt. Wenn das nicht passiert, ist es aber auch in Ordnung, Ich sage mir immer: Das ist Deines. Beim Komponieren schreibe ich meine Seele nieder.

Z
Mi, 3. Juli 2019, 20.00 Uhr
Fr, 5. Juli 2019, 20.00 Uhr
Sa, 6. Juli 2019, 17.00 Uhr
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