Die Geschichte hinter der Fotografie

Ein einsamer Lichtstrahl erhellt den dunklen, kühlen Raum, während sich der von aufgeschlagenen Akten aufgewirbelte Staub träge durch den Lichtkegel bewegt. Das wenige Licht stammt von den schmalen Dachfenstern, die, fest verschlossen, keinen Luftaustausch mit der Umwelt zulassen. Schwere Regale füllen den Raum fast zur Gänze aus, nur an der gegenüberliegenden Wand reihen sich schwere graue Schubladenkästen aus Metall. Einige der Schubladen sind bereits geöffnet, geben aber nur einen kleinen Einblick auf das, was eigentlich in ihnen verborgen ist: Trügerisch unscheinbar sind sie der Aufbewahrungsort einfacher, beiger Hängemappen. Doch erst, wenn diese im Einzelnen betrachtet werden, wird deutlich, was wirklich in den Akten vergraben ist: Geschichten, Schicksale, triumphale Ereignisse - dargestellt auf tausenden Fotos. Für ein ungeübtes Auge sind diese Begebenheiten kaum sichtbar; die Geschichte hinter dem Bild, hinter der Postkarte bleibt zunächst verborgen. Das Archiv, so umfangreich es ist, offenbart sich nicht von selbst. Im alten Fotoarchiv der Oper herrscht Chaos.

Längst steht fest, dass es eines wahren Spezialisten bedarf, um in diesem Fall die Oberhand zu gewinnen – um herauszufinden, was wirklich geschehen ist und was diese Fundstücke über die Geschichte der Bayerischen Staatsoper zu berichten haben. Deshalb - liebe Leserin, lieber Leser - rückt nun Bianca Döring und ihre Arbeit für das Archiv der Bayerischen Staatsoper in den Fokus der Ermittlungen im Fall Staatsoper.

Links: Die Rückseiten der Fotografien aus dem Medienarchiv der Bayerischen Staatsoper | Rechts: Bianca Döring

Bayerische Staatsoper: Liebe Bianca, wie du merkst, sind wir an diesem Punkt vollkommen überwältigt von der Anzahl an Fotografien, die im Zuge der Archivarbeit aufgefunden wurden. Du hast mittlerweile die Arbeit an diesem spannenden Fall übernommen. Wie schätzt du die Situation ein - was waren deine ersten Schritte?

Bianca Döring: Das Trügerische ist die scheinbare Ordnung, die auf den ersten Blick herrscht: Schließlich sind die Mappen zu einem großen Teil säuberlich beschriftet, sogar nach Opern und Sängern sortiert. Dass es sich hierbei um einen Trugschluss handelt, wird schnell klar, denn die Kategorisierung ist keinesfalls einheitlich. Öffnet man eine Mappe, wird die eigentliche Herausforderung sichtbar. Plötzlich liegt ein Sammelsurium an Briefumschlägen jeglicher Art - geöffnet, verschlossen, zugeklebt, aufgeschnitten - vor einem. Sie sind beschriftet, durchgestrichen oder ohne jegliche Notiz in den Mappen versteckt. Dazwischen finden sich immer wieder Fotos, die in seltenen Fällen wiederum Beschriftungen oder sogar Fotografenstempel aufweisen können. Schnell konnte ich rekonstruieren, dass es sich bei den Namen der Fotografen, die auf den Rückseiten vieler Bilder vermerkt waren, um die Namen der Bühnenfotografen der Bayerischen Staatsoper handelt. Rudolf Betz, Sabine Toepffer, Anne Kirchbach und Wilfried Hösl, der auch heute noch für die Bayerische Staatsoper tätig ist, sind Namen, die besonders oft aufzufinden sind. Somit wurde auch der erste Verdacht bestätigt, dass es sich mit den rund 40.000 Fotos, die in den Schubladenkästen aufgefunden wurden, tatsächlich um das analoge Fotoarchiv der Bayerischen Staatsoper handelt.

Bayerische Staatsoper: Das klingt nach einer sehr spannenden, aber auch herausfordernden Arbeit! Nun konntest du bereits rekonstruieren, mit welcher Art von Archiv du konfrontiert bist. Könnte man in diesem Fall nicht einfach eine erste Systematik aufgrund der Beschriftungen erstellen?

Bianca Döring: Nein, so einfach ist es leider nicht, wobei mir wichtig ist, klarzustellen, dass das kein negativer Sachverhalt ist. Das vermeintliche Chaos, in dem wir das Archiv vorgefunden haben, ist der eindeutige Beweis dafür, dass das Material stets in Bewegung war; dass damit gearbeitet wurde. Ein gutes Beispiel dafür sind die Rückseiten der Fotografien, die oft ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen haben. Wie schon erwähnt, findet man dort teilweise Fotografenstempel und handschriftliche Vermerke. Was aber hat es zu bedeuten, wenn auf einem dieser Fotos plötzlich ein Namensstempel steht, der nicht dem eines Fotografen der Bayerischen Staatsoper zuzuordnen ist, sondern beispielsweise auf den bekannten Grafikdesigner Erich Fornoff aus Frankfurt hinweist? Fragen dieser Art muss ich mich in meiner täglichen Arbeit stellen. Tatsächlich hat sich durch meine Recherche herausgestellt, dass eben dieser Grafikdesigner in seinen jungen Jahren als Assistent des Bühnenbildners Ludwig Sievert in Frankfurt tätig war. Und als Ludwig Sievert dann 1937 nach München an die Staatsoper wechselte und die Kriegsunruhen begannen, könnte dieser eventuell Fornoff – oder umgekehrt Fornoff Sievert – gefragt haben, ob er nicht hier fotografieren möchte, um ein zweites Standbein aufzubauen. Diese kleinen Hinweise versuche ich dann zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. So ist es zum Beispiel immer wieder spannend zu sehen, welche Wege eine Fotografie auf sich nehmen musste, bevor sie wieder in unser Archiv zurückkehrte. Stempel mit der Aufschrift „Rücksenden an“ oder auch Skizzen und Maßangaben für Abzüge sind ein erstes Indiz dafür. Grundsätzlich ist das Ziel meiner Arbeit aber, jede Fotografie schlussendlich einer bestimmten Aufführung zuordnen zu können, sodass diese später verlässlich als Teil eines Fotoarchivs dienen können, um so beispielsweise zu internen, aber auch fremden Recherchezwecken für Publikationen Verwendung zu finden.

Auf der Rückseite einer Fotografie findet Bianca Döring oft Hinweise. In diesem Fall (rechts) wurden Maßangaben für Fotoabzüge eingezeichnet.

Bayerische Staatsoper: Das heißt also, dass die Beschriftungen der Fotografien oft ein erster Anhaltspunkt sein können, man diese aber trotzdem ständig hinterfragen muss?

Bianca Döring: Ganz genau. Nicht nur der besagte Fall des Frankfurter Grafikdesigners zeigt dies recht anschaulich, sondern auch ein weiteres Mysterium, das mir begegnet ist. Besonders brisant hierbei ist, dass der Name, um den es geht, sehr oft in Verbindung mit einem Archivstempel abgedruckt ist, der einen Adler mit Hakenkreuz zeigt. Man könnte also meinen, dass dies ein recht eindeutiger Beleg ist, in welcher Zeitspanne der Fotograf tätig war. Nun ist es aber so, dass der fragliche Fotograf - Hanns Holdt - zwar seit 1934 als Fotojournalist in München tätig gewesen ist, sein Fotoatelier aber bereits 1936 verkauft haben soll, um dann zu emigrieren. Anderen Angaben zufolge soll er jedoch 1944 in München gestorben sein. Auf welche Lebensdaten verlässt man sich also? Wie geht man damit um, wenn man Hanns Holdts Stempel im Zusammenhang mit einer Inszenierung entdeckt, die 1937 aufgeführt worden ist? Hat Hanns Holdt die Fotos tatsächlich im Jahr 1937 aufgenommen, obwohl er doch eigentlich emigriert sein soll? Hat der Käufer seines Fotoateliers vielleicht nicht nur das Atelier selbst, sondern auch den Namen übernommen und die Fotos aufgenommen? Oder ist Hanns Holdt gar nicht emigriert, sondern war weiterhin in München als Fotojournalist tätig? Tatsächlich findet man seinen Stempel auf vielen Fotos, die zur Zeit des Nationalsozialismus für die Bayerische Staatsoper aufgenommen worden sind. Ob all jene tatsächlich auf Hanns Holdt zurückzuführen sind oder jemand wahllos seinen Fotografenstempel betätigt hat, kann vielleicht durch eine weiterführende Recherche in der Fotoabteilung des Münchner Stadtmuseums geklärt werden. Übrigens habe ich diesen Stempel auch immer wieder auf Fotografien gefunden, die allen Anzeichen nach die Premiere der Salome am 18.5.1937 dokumentieren. Von dieser Aufführung stammen übrigens auch die frühsten Farbfotografien, die ich im Archiv finden konnte, was zu dieser Zeit noch sehr ungewöhnlich war. Schließlich wurden Fotografien bis in die 90er-Jahre fast ausschließlich in schwarz-weiß aufgenommen.

Bayerische Staatsoper: Wie spannend! Als diesjährige Premiere der Opernfestspiele ist diese Oper von Richard Strauss auch heute wieder topaktuell. Hast du denn noch weitere Geschichten zu Salome aufgedeckt?

Bianca Döring: Tatsächlich finden sich in den Mappen, die ich bisher sichten konnte Fotografien von verschiedenen Salome-Produktionen der letzten hundert Jahre. Das älteste Bild, das ich derzeit vorliegen habe, ist sogar bis 1907 zurückdatiert. Das Datum konnte ich durch ein altes, handgeschriebenes Besetzungsbuch bestätigen, das eine ganz eigene Herausforderung darstellt, da es komplett in Sütterlinschrift geschrieben ist. Bei diesem Bild von 1907 handelt es sich um eine dieser Künstlerpostkarten, die ich manchmal in den Mappen finde. Teilweise zeigen diese auch die Unterschriften der abgebildeten Künstler. Meine Vermutung ist, dass diese unter anderem als Autogrammkarten genutzt wurden. Für diese Karten, die auch Kabinettformat oder Carte Cabinet genannt werden, gab es auch eigene Sammelboxen. Da es früher in Theatern und Opernhäusern kein elektrisches Licht gab, ist man darauf ausgewichen, die Fotografien für diese Karten in den Ateliers der Fotografen aufzunehmen. Das heißt, die Sänger und Sängerinnen kamen mit Kostüm und voller Montur ins Studio, brachten teilweise sogar noch Requisiten mit, um dort bei Tageslicht abgelichtet zu werden. Ob in diesem Fall tatsächlich immer die Originalkostüme der jeweiligen Vorstellungen Verwendung fanden, ist aber noch ungeklärt. – So viel zum Hintergrund der Künstlerpostkarten und zurück zu Salome, denn genau für diese Oper habe ich, wie erwähnt, eine Postkarte gefunden, die Mari Burk Bergen zeigt, aufgenommen vom königlichen Hoffotografen „AD Baumann Nachf.“. Auf der Rückseite der Karte ist die Adresse des Fotoateliers gedruckt, in direkter Nachbarschaft zum Nationaltheater – nämlich gegenüber in der Residenzstrasse 12. Eine Besonderheit, die heute eher zum Schmunzeln anmuten könnte ist die Bemerkung „Mit EIGENEM Lift“. Bedenkt man, dass für die Aufnahmen der Künstlerpostkarten wohl einige Requisiten und Kostüme bewegt werden mussten, macht diese natürlich Sinn. Sich aber eine Karawane von Kostümen, Teilstücken des Bühnenbilds und Requisiten vorzustellen, die über den Max-Joseph-Platz pilgert, finde ich sehr putzig.

Links: Fotografien der Salome-Inszenierung von 1937 – zwei der wenigen Farbfotografien, die vor den 1990er-Jahren entstanden sind. | Rechts: Ein solcher Stempel ist auch im Zusammenhang mit den vermeintlichen Fotografien von Hanns Holdt aufzufinden.

Bayerische Staatsoper: So wie du diese Geschichte schilderst, könnte man meinen, du setzt die Scherben einer zerbrochenen Vase zusammen…

Bianca Döring: In gewisser Weise, ja! Um das Bild zu vervollständigen auf das du anspielst, sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich ein Studium der Klassischen Archäologie absolviert habe. Über eine Journalistenausbildung und ein Volontariat im Dokumentarfilmbereich bin ich dann jedoch in der Medienbranche gelandet und wenn ich nicht gerade Medienarchive aufbereite, recherchiere ich freiberuflich für verschiedene Projekte nach Fotos und Videoausschnitten.

Bayerische Staatsoper: Du hast also deine Ausgrabungsstätte in die Welt der Medien verlegt?

Bianca Döring: Das kann man so sagen. Mein Archäologiestudium kommt mir dabei übrigens immer noch jeden Tag zu Gute. Allein, wenn es darum geht, ganz genau hinzuschauen, wie beispielsweise dabei, einen antiken Vasenmaler an einem Pinselstrich zu erkennen. – Nur, dass ich heute versuche, Sänger und Sängerinnen auf Fotografien zu identifizieren. Ein Hindernis, das mich oft vor große Rätsel stellt.

Bayerische Staatsoper: Wieso stell sich das so oft als großes Problem dar? Sind gewisse Gesichtszüge nicht unverkennbar?

Bianca Döring: Das liegt zum einen daran, dass viele Fotografien aus der Perspektive der Totalen aufgenommen wurden, um die ganze Bühne einzufangen. Personen auf diese Distanz zweifelsfrei zu identifizieren ist also sehr schwer. Zum anderen ist zu bedenken, dass die Künstler oft im Kostüm abgebildet sind und oft bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und maskiert sind. Um herauszufinden, welche Fotos zusammengehören, orientiere ich mich dann zum Beispiel an den Krägen und Rockfalten, an Locken oder daran, auf welcher Seite der Scheitel liegt, wie hoch die Socken gezogen sind. Im nächsten Schritt versuche ich dann über die Besetzungszettel die Künstler und die jeweilige Aufführung zu identifizieren. Funktioniert das nicht, müssen mir auch mal langjährige Mitarbeiter helfen. Bei einem anderen Fall stieß ich wiederum auf eine Fotografie aus den 40er-Jahren, die schon beim ersten Betrachten wirkte, als sei sie manipuliert. Und tatsächlich: zwei der drei abgebildeten Sänger hatten nachträglich denselben Kopf verpasst bekommen, denn schon damals gab es Mittel der Bildbearbeitung – Photoshop der 40er-Jahre sozusagen. Hier stellt sich natürlich die Frage: weshalb wurden die Bilder bearbeitet und wer war ursprünglich auf der Fotografie abgebildet? Es ist also nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Aber genau das macht meine Arbeit auch so spannend!

Bianca Dörings Lieblingsfotos. Links: Die Sängerin Maria Jeritza | Rechts: Eine Momentaufnahme aus dem Nationaltheater aus den 1930er-Jahren.

Bayerische Staatsoper: Hast du denn auch ein Lieblingsfoto?

Bianca Döring: Ich habe sogar zwei! Das erste zeigt Maria Jeritza in Die Ägyptische Helena von 1928, allerdings nicht am Nationaltheater, sondern an der Metropolitan Opera in New York City. Es hat etwas gedauert, bis ich das herausfinden konnte, doch durch das Studium ihrer Biografie und eines Artikels der New York Times von 1928  konnte ich die Fotografie schließlich zuordnen. Am Ende habe ich mir sogar ihre Biografie gekauft, weil ich ihre Persönlichkeit so spannend fand. Sie soll eine unglaubliche Ausstrahlung gehabt haben, war sogar viermal verheiratet, unter anderem auch mit dem Vizepräsidenten von Fox Film Corporation – einem Filmmagnaten aus Hollywood. Dieses Foto mag ich, weil es so ungestellt wirkt und man vor lauter Stoff nicht weiß, wo das Kleid anfängt, wo es aufhört und was sie mit ihrem Blick ausdrücken möchte. Man ist sehr irritiert – erst recht, wenn man weiß, dass sie so begehrt war. Ein toller Moment, wie ich finde.

Das zweite Foto ist auch ein Momentfoto, das in den 1930er-Jahren hinter der Bühne des Nationaltheaters während einer Pause oder einer Probe oder einer ähnlichen Situation aufgenommen wurde. Man sieht deutlich den Spaß der Beteiligten. Eine Begeisterung, die heute genauso existiert. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass einer der Damen die Haare retouchiert wurden… Ob das wohl auf ihren Wunsch hin geschehen ist? Wer weiß!

Bayerische Staatsoper: Und stößt du bei deiner Arbeit auch manchmal an deine Grenzen?

Bianca Döring: Auf jeden Fall! Oft sind es gerade die Hinweise von Zeitzeugen, die mich auf die richtige Spur weisen. Manche unserer treuen Stammgäste können sich sehr gut an frühere Vorstellungen der Bayerischen Staatsoper erinnern und können Vermutungen, die ich anhand der vorliegenden Materialien habe, bestätigen. Unter anderem deshalb soll es nun die Möglichkeit geben, in der Kommentarfunktion dieses Blogs Hinweise zu schwierigen Fällen zu geben. Staatsopernakte XY – ungelöst, sozusagen.


Liebe Leserinnen und Leser, wenn auch Ihr Interesse für die unerzählten Geschichten, die sich im alten Medienarchiv der Bayerischen Staatsoper verstecken, geweckt wurde, laden wir Sie zur Diskussion im Kommentarbereich dieses Blogs ein. Weitere überraschende, verwirrende Geschichten, aber auch ungelöste Rätsel, werden wir Ihnen an dieser Stelle vorstellen. 

 

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